Der Geradlinige

Das ECHO präsentiert die Kandidaten für den „Behindertensportler Niedersachsens“ / Heute: Schwimmer Stephan Engelhardt

Wasser hat keine Balken, heißt es doch immer. Stimmt schon. Aber dafür sind Leinen gespannt in den Trainings- und Wettkampfbecken, in denen Stephan Engelhardt fast täglich seine Bahnen zieht. Und es bedarf keiner Balken, die Berührungen mit den Bahnbegrenzungsleinen reichen aus, um schmerzhafte Schrammen zu bekommen. Und viel Zeit zu verlieren. Engelhardt hat deshalb sogar Trainingsformen dafür, Berührungen zu vermeiden und zwischen den Seilen schnurgeradeaus zu schwimmen. Das ist gar nicht so leicht – wenn man nichts sieht.

Oder fast nichts, wie der 18-Jährige aus Ronnenberg bei Hannover, der für die Rollstuhlsportgemeinschaft Langenhagen/Team BEB startet. Er sehe nur noch an den Rändern des ansonsten schwarzen Gesichtsfeldes Helligkeit und schemenhaft Umrisse, sagt Engelhardt: „Ich habe meine Restsehfähigkeit nie untersuchen lassen. Vielleicht sind es noch ein paar Prozent.“ Aber der überhaupt sehr geradlinige junge Sportler bleibt auch im Becken fast immer seiner Linie treu und erzielt deshalb beachtliche Erfolge. Drei Starts, dreimal das Finale erreicht, und am Ende gab es bei den Schwimm-Europameisterschaften der Menschen mit Behinderungen in Island eine Silbermedaille über 100 Meter Schmetterling, einmal Bronze über 100 Meter Brust und im Freistil über die gleiche Distanz einen 6. Platz. „Solche Erfolge geben ungeheure Motivation. Es ist einfach cool, da vorne zu stehen. Und es ist ein echt gutes Gefühl, wenn bei der Anfeuerung nicht mehr der Name des Vereins, sondern „Deutschland, Deutschland“ gerufen wird.“

Der Preis des Erfolgs: In der Vorbereitung auf wichtige Wettbewerbe quält sich Engelhardt fünf- oder sechsmal pro Woche bis zu zwei Stunden durchs Becken im Sportleistungszentrum, ein- oder zweimal pro Woche geht es dazu noch in den Kraftraum. Aber Engelhardt erzählt davon aber nicht mit klagendem Unterton. Wahrscheinlich ist Sport für ihn einfach ein Muss; es geht wohl gar nicht ohne. „Ein bisschen Ehrgeiz ist da, aber es macht mir auch einfach Spaß, mich anzustrengen.“ Am Anfang glänzte er als Leichtathlet etwa auf der 1000-Meter-Strecke und im Weitsprung. Knieprobleme erzwangen dann den Sprung ins kalte Wasser, wo er indes noch besser in Fahrt kam.

Engelhardt wurde mit einer schweren Sehbehinderung geboren. Als Kind habe er zwar zuerst noch mit Lupen zu lesen versucht, doch sei er einfach „zu faul zum Gucken“ gewesen und habe sich „die Augen abtrainiert“, wie er selbst sagt. Bald darauf blitzt indes die Lust zur Leistung auf: In der 5. Klasse erhält er den ersten Computer, der Texte vergrößert darstellt. In der 7. folgt die Aufrüstung mit einer speziellen Sprachausgabe, die ihm Texte aus Lehrbüchern und andere Arbeitsmaterialien per Ohrhörer vorliest. Damit besucht er inzwischen eine integrative Klasse mit lauter nicht behinderten Mitschülern an der Marie-Curie-Schule in Empelde. Ein Betreuer steht ihm da zur Seite und erklärt, was an der Tafel steht. Den Rest besorgt der Rechner. „Man kann die Geschwindigkeit der Sprachausgabe variabel einstellen, und inzwischen bin ich damit schneller, als die Mitschüler einen Text mit den Augen lesen können.“
In gut einem Jahr ist das Abi dran. Zurzeit steht sein Notendurchschnitt bei etwa 1,7. Die Fächerkombination: Sport, natürlich, und Deutsch, dazu die Leistungskurse Mathematik, Physik und Politik. Noch Fragen?

Ja, zum Beispiel diese: Geht einer, der jede Woche zehn Stunden oder mehr durchs Becken pflügt, eigentlich im Urlaub noch gern baden? „Aber natürlich“, betont Engelhardt und gerät ins Schwärmen. Im Urlaub morgens vor dem Frühstück in den Pool oder ins Meer, herrlich. Sich einfach treiben lassen. Und das beste: ohne Trainer!“