Wandeln auf gläsernen Bürgersteigen

Bioenergiepark statt Munitionsdepot: Aller-Leine-Taler besichtigen erneuerbare Energieanlagen auf Saerbecks ehemaligem Bundeswehrgelände.

Delegation aus Aller-Leine-Tal besichtigt Klimaschutz-Projekte in Steinfurt

Aller-Leine-Tal. Er ist nur einen Quadratmeter groß, bietet jedoch Einblicke in eines von Saerbecks zahlreichen Klimaschutzprojekten. Zwölf gespannte Aller-Leine-Taler beugen sich über das Stück gläserne Straßendecke in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Saerbeck und entdecken die unterirdisch verlaufenden Rohrleitungen der örtlichen Nahwärmetrasse. Diese und eine Reihe anderer Schauplätze besichtigten die Akteure aus dem Aller-Leine-Tal kürzlich während einer Exkursion in den Landkreis Steinfurt (NRW).
Das Netzwerk Energiewende Aller-Leine-Tal (EwALT) lud interessierte Akteure der LEADER-Region zu einer Tagesexkursion ein. Wie das Aller-Leine-Tal ist der Landkreis Steinfurt eine 100%-Erneuerbare-Energie-Region. Im Jahr 2050 soll der gesamte Energieverbrauch des Kreises aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Mit dem Masterplan 100 Prozent Klimaschutz hat sich die Region außerdem dazu verpflichtet den Endenergiebedarf um 50 Prozent und die Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 bis zum Jahr 2050 zu senken. Für das Engagement sich künftig selbst mit Energie versorgen zu können, sind der Kreis und seine Kommunen bundesweit bekannt.
Welche Faktoren zu diesem Erfolg beigetragen haben, gingen Bürgermeister, Ratsmitglieder und andere Aktive im Klimaschutz aus dem Aller-Leine-Tal nach. Sie besichtigten mehrere Leitprojekte der 7.200-Seelen-Gemeinde Saerbeck. Der Projektleiter der Kommune in Sachen Energiewende, Guido Wallraven, bot praktisches Anschauungsmaterial. Er führte durch die Heizzentrale des örtlichen Nahwärmenetzes, den Energie-Erlebnispfad und Bioenergiepark Saerbecks und lieferte Hintergrundwissen zu den Projekten.
Der gläserne Bürgersteig und die gläserne Heizzentrale sind Teil des Energie-Erlebnispfades in Saerbecks Ortmitte. Sie bilden den Startpunkt des 1,2 Kilometer langen Pfades, der mittels zehn Stationen die Energiewende sichtbar macht.
Die Gruppe besichtigte auch den Bioenergiepark der Kommune. Im 90 Hektar großen ehemaligen Munitionsdepot der Bundeswehr entstanden seit dessen Rückkauf durch die Gemeinde Saerbeck sieben Windenergieanlagen, zwei Biogasanlagen, ein Kompostwerk mit Trockenvergärung und eine Photovoltaik-Freiflächenanlage. Insgesamt wird eine regenerative Leistung von 29 Megawatt realisiert. Im Photovoltaik-Power-Park produzieren insgesamt 24.000 Solarmodule auf 68 Bunkerdächern ausreichend Strom für 1.500 Haushalte. Durch die Beteiligung und Investitionen lokaler Projektpartner, beispielsweise der Bürgerenergiegenossenschaft Saerbecks, verbleiben die Park entstehende Energie und Wertschöpfung in der Region. Ein abschließender Erfahrungsaustausch mit dem Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Landkreises Steinfurt rundeten das Tagesprogramm ab. Amtsleiter Ulrich Ahlke berichtete, welche Projekte sein Landkreis und die Kommunen durchführen. Mit einer LEADER-Förderung konnte beispielsweise eine Servicestelle Windenergie eingerichtet werden, die als Anlaufstelle zur Konfliktbewältigung dient. Mit einem Online-Beteiligungsportal, das die ehemalige LEADER-Regionalmanagerin Martina Stienemann vorstellte, wird die persönliche Zusammenarbeit durch ein Online-Netzwerk ergänzt.
Beeindruckt von den vielfältigen Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung, auch in finanzieller Hinsicht, an der Strom- und Wärmewende im Steinfurter Land, kehrten die Aller-Leine-Taler am Ende des Tages nach Niedersachsen zurück. Viele neue und interessante Aspekte haben sie erleben können, bestätigte Karl-Gerhard Tamke, Bürgermeister der Gemeinde Hodenhagen. Bei Stefan Dreesmann, Mitglied im Netzwerk EwALT, hinterließ die Konsequenz, mit der die Steinfurter daran arbeiten, ihre Energieversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien sicher zu stellen, einen bleibenden Eindruck. Die Exkursion habe gezeigt, welche wertvollen Beiträge Regionen zur Energiewende leisten können. „Das macht Mut für unsere geplanten weiteren Energie-Aktivitäten im Aller-Leine-Tal“, betonten abschließend beide.