4000 Euro für Kaligeschichte im Aller-Leine-Tal

Die VGH-Repräsentanten Stefan Kilz (M.) und Hannes Luhmann (r.) gaben mit ihrer Spende an die Projektmitglieder Wolfgang Hänsel (v.l.) vom Erdölmuseum in Wietze, Grethems Bürgermeister Udo Schönberg, Rethems Samtgemeindebürgermeister Cort-Brün Voige sowie den Projektgruppenmitgliedern Dr. Elke Wimmel-Steger und Werner Steger in Grethem den öffentlichkeitswirksamen Startschuss vor der Kali-Abraumhalde an der Beeke. Foto: A. Wiese
 
Das Kaliwerk Grethem-Büchten im Jahr 1923.

VGH-Stiftung unterstützt Aufarbeitung der Geschichte der Kaliförderung

Grethem (awi). Genau 100 Jahre ist es her, dass die Gebäude des Kali-Bergwerkes Grethem-Büchten im Jahr 1912 fertig gestellt wurden. Drei Jahre später wurde die Produktion aufgenommen – aber nur für neun Jahre. Bereits 1924 wurde sie wieder eingestellt. Heute erinnern nur noch große Abraumhalden an die einstige Kali-Förderung. Und das gilt nicht nur für Grethem, sondern für mehrere Orte im Aller-Leine-Tal. Damit das anders wird, haben sich neun Gemeinden zusammengetan, um die Geschichte der Kaliförderung im Aller-Leine-Tal zwischen Celle und Verden aufzuarbeiten. Das Projekt gliedert sich in drei Teile: der Einrichtung einer Kalistube am Deutschen Erdölmuseum in Wietze, der Erstellung von Informations- und Hinweistafeln an wichtigen und historischen Standorten von neun ehemaligen Kaliförderstätten und der Erarbeitung eines wissenschaftlichen Geschichtsbuchs zur regionalen Kaligeschichte. Auch eine Anbindung an den beliebten und gut frequentierten Allerradweg ist vorgesehen.
Natürlich kosten all diese Vorhaben Geld, wenn auch die Recherchearbeit von der rund 20-köpfigen Projektgruppe ehrenamtlich erledigt wird. Die VGH-Stiftung überreichte daher letzte Woche in Grethem eine Spende in Höhe von 4000 Euro an die Projektgruppe, vor Ort vertreten durch Rethems Samtgemeindebürgermeister Cort-Brün Voige, den stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Erdölmuseums Wietze e.V., Wolfgang Hänsel, Grethems Bürgermeister Udo Schönberg sowie Dr. Elke Wimmel-Steger und Werner Steger als ehrenamtliche Mitglieder der Projektgruppe für den Bereich Grethem-Büchten. „Das Vorhaben vermittelt die große Bedeutung des Kalibergbaus und damit ein Stück wichtiger regionaler Wirtschaftsgeschichte des Aller-Leine-Tals. Das ist für junge Menschen ebenso interessant wie für Erwachsene, deshalb unterstützt die VGH-Stiftung dieses Projekt besonders gerne", so Stefan Kilz, Vertriebsleiter der VGH Regionaldirektion Celle, zum Förderengagement der Stiftung.
Kilz erläuterte in diesem Zusammenhang kurz den Hintergrund der VGH-Stiftung, die Projekte von Kunstvereinen und Museen fördert, die besondere Vermittlungsansätze verfolgen. Besonders die Förderung von Bildung und Integration sei für die VGH-Stiftung ein Querschnittsthema, da es gelte, besonders junge Menschen mit Kultur vertraut zu machen, die ein Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis sein könne. Die VGH-Stiftung unterstütze in Niedersachsen und Bremen Vorhaben in den Bereichen Wissenschaft und Kultur mit den Schwerpunkten Denkmalpflege, Bildende Kunst und Literatur. Hinter diesen Überschriften verbergen sich vielfältige Jugendprojekte in Museen und Bibliotheken, Literatur- und Kunstvermittlungsprogramme, die Restaurierung historischer Gärten, wertvoller Bücher und Archivalien oder die Unterstützung von Hospizarbeit. Dabei sei die Stiftungsarbeit immer eng verbunden mit der jeweiligen Region, schlug Kilz den Bogen zurück zum aktuellen Förderprojekt „Kaligeschichte im Aller-Leine-Tal".
Rethems Samtgemeindebürgermeister Cort-Brün Voige präsentierte das Projekt im Kooperationsraum Aller-Leine-Tal im Schnelldurchlauf. Zur Aufarbeitung der Geschichte der neun ehemaligen Kaliorte Ahnebergen, Hülsen, Klein Häuslingen, Grethem, Hope-Adolfsglück, Steinförde, Hambühren und Ovelgönne habe sich die Samtgemeinde Rethem (Aller) als Projektträger zur Verfügung gestellt. Projektbausteine seien die Erstellung eines Geschichtsbuches zur regionalen Kaligeschichte durch Dr. Stephan Heinemann, das voraussichtlich Mitte 2013 erscheinen werde, je eine Informationstafel pro Kaliort und insgesamt 35 Hinweistafeln für kalihistorisch interessante Gebäude sowie die Ausschilderung entlang des Allerradwegs. Ergänzt werden diese Projektbausteine durch das Schulprojekt an der Heinrich-Christoph-Londy-Schule in Rethem, deren Schüler Modelle erstellen, und eine aktive Öffentlichkeitsarbeit mit Erstellung eines Flyers sowie Integration in den Internetauftritt des Aller-Leine-Tals. Die Gesamtkosten des Projekts bezifferte Voige mit rund 55.000 Euro. Davon werden 35.000 Euro durch Leaderförderung finanziert, der Eigenanteil der beteiligten Kommunen beträgt 7.500 Euro. Dazu kommen die jetzt von der VGH-Stiftung überreichten 4.000 Euro und weitere Förderungen in Höhe von 8.500 Euro. „Die Finanzierung ist damit sichergestellt, die Umsetzung des Projekts beginnt", freute sich Voige. Ausdrücklich betonte er die aus rund 20 Mitgliedern aus allen ehemaligen Kaliorten bestehende aktive Projektgruppe, die seit Beginn des letzten Jahres an diesem Vorhaben arbeite. Diesen Punkt hob auch Stefan Kilz von der VGH-Stiftung ausdrücklich als bemerkenswert hervor. Er stelle es sich gar nicht so einfach vor, Leute zu finden, die nicht nur bereit wären, ihre Freizeit in so ein Projekt zu investieren, sondern zugleich auch die nötige Kompetenz besäßen, sagte Kilz in Richtung der Grethemer Projektgruppenmitglieder Dr. Elke Wimmel-Steger und Werner Steger, die sich bereits im Rahmen der Ausarbeitung der Dorfchronik für Grethem mit der Thematik des Kali-Bergbaus in dem kleinen Ort auseinandergesetzt hatten.
Letzter Baustein des Gesamtprojektes „Kaligeschichte im Aller-Leine-Tal" ist die Einrichtung einer Kalistube mit Geolabor im Gebäude des Erdölmuseums in Wietze. Hier ist Projektträger die Gemeinde Wietze. Die Kalistube wird durch 65.000 Euro Leaderförderung sowie weitere 6.000 Euro von der VGH-Stiftung finanziert.
Die Projekt-Verantwortlichen erhofften sich von der Aufarbeitung der Kali-Geschichte zugleich auch eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in den jeweiligen Orten, erläuterte Cort-Brün Voige. So sei die Geschichte des Kali-Bergbaus eng verknüpft mit sozialen Trennungen. Grethems Bürgermeister Udo Schönberg freute sich, dass der offizielle Startschuss für das Projekt gerade in Grethem gesetzt werde. In diesem Ort sei man übereingekommen, auf spezielle Gebäudekennzeichnungen zu verzichten. Neben der Bank an der Beekebrücke in der Ortsdurchfahrt solle eine große Hinweistafel mit einem Lageplan errichtet werden. Um alle angegebenen Gebäude zu sehen, brauche man sich dann nur einmal um die eigene Achse zu drehen. Schönberg sprach dem Ehepaar Steger seinen besonderen Dank für ihre akribische Arbeit aus und betonte den Spaß am aktiven Miteinander innerhalb der Projektgruppe. Selbstverständlich bedankte sich Schönberg auch beim Ko-Finanzierer VGH-Stiftung.
400 bis 500 Bergleute arbeiteten zur Blütezeit des Kaliwerkes Grethem-Büchten an diesem Standort, erläuterte Dr. Elke Wimmel-Steger und betonte die bereits anfangs erwähnte relativ kurze Produktionszeit. Mit der Gründung der Kali-Syndikate kam das Aus für die kleinen Schächte. In der Grethemer Chronik führt Wimmel-Steger aus, dass bereits 1903 die ersten Bohrversuche zur Erschließung der Kalisalzvorkommen erfolgten. Die Besitzverhältnisse am Kaliwerk Grethem-Büchten seien recht verwickelt und hätten häufig gewechselt. Bereits 1904 konstituierte sich die Firma Erdölwerke Grethem-Büchten GmbH. Im Februar 1906 erreichte die Gewerkschaft Reichenhall zu Thal das Steinsalz. Nachdem man mit weiteren Bohrungen abbauwürdige Kalilager nachgewiesen hatte, schritt man zum Abteufvorgang. Gleichzeitig setzten die Bauarbeiten an den Tagesanlagen ein. Im Juli 1911 konnte das Anschlussgleis vom Bahnhof Gilten in Betrieb genommen werden. Bis 1912 waren dann die wichtigsten Gebäude wie Schachtgebäude, Kauen und Betriebsbauwerke, Werkstätten, Magazine, Verwaltunhsgebäude, ein Beamtendoppelhaus, eine Kantine und ein Lokschuppen vollendet. Nur wenig später konnte die Salzmühle mit zwei Mahlsystemen mit einer stündlichen Leistung von 60 Tonnen vollendet werden, berichtet die Chronistin weiter. Der Bau der elektrischen Zentrale, des Fördermaschinenhauses und des Wasserhochbehälters zog sich bis ins Jahr 1913. Aus Sicherheitsgründen wurde die Anlage eines zweiten Schachtes polizeilich gefordert, der in einer Entfernung von 250 Meter vom Schacht I angesetzt wurde (Schacht Gilten). Die Teufe dieses 4,5 Meter weiten und im Gefrierverfahren hergestellten Schachtes Gilten betrug Ende Februar 1914 480 Meter. Der Durchschlag der beiden Schächte erfolgte dann am 24. Februar 1914 auf der 450-Meter-Sohle. Das Kaliwerk Grethem-Büchten arbeitete mit realtiv gutem Erfolg. Die Vorräte waren gut und ausreichend, so dass man mit einer Förderdauer bis zu 60 Jahren rechnete. Doch da das Kaliwerk zur Hannoverschen Gruppe gehörte, die auch sonst intensive Bohrtätigkeiten um Hannover betrieb, führten Spekulationen und Überproduktion dazu, dass eine Mutungssperre (Aufhebung der Bergbaufreiheit) auf Kalisalze angeordnet wurde, die eine Stillegung der beiden Schächte Gilten und Grethem-Büchten im April 1924 bewirkte. Die offizielle Stillegung erfolgte dann 1925, wobei dem Schacht Gilten eine Beteiligungsziffer von 66 Prozent, dem Schacht Grethem-Büchten eine von 93 Prozent der durchschnittlichen Beteiligung aller Kaliwerke erteilt wurde. Nach der Stilllegung wurden die Grubenräume ab Februar 1928 geflutet. Die Flutung war im März 1930 beendet.
Ob so viele Details auf der Hinweistafel vor Ort berichtet werden können, scheint eher unrealistisch, doch setzt die Projektgruppe im Zeitalter der neuen Medien auf das Internet, wo sich interessierte Besucher dann – angeregt durch die Informationstafel und den Flyer – ausführlich über die Geschichte des Kalibergbaus in den einzelnen Ortschaften informieren können.
Da die Bergverordnung eine Verfüllung stillgelegter Schächte vorschreibt,
begann die Kali + Salz GmbH als heute zuständiger Besitzer im September 2000
im Wechsel die beiden Schächte Grethem-Büchten und Gilten abzupumpen. Dieses
Salzwasser wurde nach Lehrte in die Grube "Bermannswegen Hugo" gebracht. Die
Verfüllung der beiden Schächte erfolgte mit Diabas, Quarzporphyr und Kies
aus dem Harz und dauerte bis zum Oktober 2001.