Thomas Rupf erklärt, wie Kinder ticken

Thomas Rupf bei seinem Vortrag im Uhle-Hof in Schwarmstedt. 
 
Thomas Rupf bei seinem Vortrag im Uhle-Hof in Schwarmstedt. 

Referent des Schwarmstedter Präventionsrats begeistert im Uhle-Hof

Schwarmstedt. Der  Vorsitzende des Präventionsrats der Samtgemeinde Schwarmstedt, Volker Banschbach, begrüßte im Uhle-Hof viele interessierte ZuhörerInnen und den bekannten Referenten Thomas Rupf, der im dritten Jahr hintereinander als Gast geladen war. Banschbach erläutert, dass es die Ziele des Präventionsrats seien, dass Kinder lernen, Versuchungen zu wiederstehen, sie stark zu machen. Hierzu sei dieser Referent der richtige Ansprechpartner. Rupf, Diplompädagoge und Vater von fünf Kindern, gilt nach ca. 1.400 Vorträgen als einer der bekanntesten Experten für Kindererziehung in Deutschland.
Thomas Rupf stellt dann auch gleich zu Beginn seiner Ausführungen die Behauptung auf, dass Kinder eine andere Wahrheit als Erwachsene haben, und dass man dies wissen müsse, um sie zu verstehen. „Kinder ticken anders“, so dann auch das Motto des Abends.
Die Ursache für diese Tatsache erklärt der Referent mit den Entwicklungsphasen im Kinder- und Jugendalter. So durchlaufen junge Menschen zunächst die orale Phase, bei der der Mund das „Lustorgan“ ist. Sie lutschen am Daumen, beißen überall rein, auch in andere Kinder, lecken an Fensterscheiben, schieben Essen in den Mund und holen es genüsslich wieder heraus; also lauter Dinge, die Eltern in den Wahnsinn treiben können. Rupf betont, dass dies aber alles wichtig sei und bis zu einem Alter von ca. fünf Jahren auch völlig normal, und dass bestimmte Handlungen wie z.B. der Genuss beim Essen und Trinken auch nie aufhören.
In der darauf folgenden analen Phase lernen die Kinder, über ihre Ausscheidungen zu bestimmen. Sie können irgendwann beeinflussen, ob sie in die Windel machen oder aufs Töpfchen oder die Toilette gehen. Damit werden Kinder selbstbestimmt und folgerichtig selbstbewusst. Parallel entwickelt sich die sogenannte Trotzphase, denn sie wollen in Ansätzen selbst bestimmen und nicht mehr machen, was die Erwachsenen sagen. Grundsätzlich begrüßen die Eltern , dass die Kinder nicht mehr in die Hosen machen und loben die Kleinen, aber oft geht ihnen das alles nicht schnell genug, sind sie verärgert, wenn es doch nicht klappt mit dem Toilettengang. Wenn dann geschimpft wird, setzen die Kinder ein Schuldbewusstsein auf diese Handlungen und auch auf ihre Selbstbestimmtheit, verstehen nicht, warum sie nicht positiv im Mittelpunkt stehen, wo sie doch so gute eigene Ideen haben. Problematisch ist dabei oft auch, dass die Eltern so kleinen Kindern noch keine eigenen Entscheidungen zubilligen, dass sie sich über die Trotzattacken aufregen und natürlich, wenn es zum Beispiel gefährlich werden könnte, auch einschreiten müssen.
Thomas Rupf ist der Überzeugung, dass Eltern lockerer sind, wenn sie wissen, dass alle diese Entwicklungen ganz normal sind und zum Erwachsenwerden dazugehören.
Genauso sieht er es für die phallische Phase, die sogenannte Ödipus Phase, in der die kleinen Jungen ihre Mutter heiraten wollen und den Vater verwünschen. Das ist normal, und nur, wenn die Mutter dies aufnimmt und sich so unbewusst gegen den Vater stellt, kann es problematisch werden. Rupf empfiehlt, dass das Paar immer als Paar auftritt, und dass z.B. die Mutter ein Machtwort spricht, wenn sich das Kind nicht vom Vater ins Bett bringen lassen will und auf keinen Fall darauf eingeht, weil sie sich freut, dass das Kind sie bevorzugt. Die Tatsache, dass diese Problematik einer zu engen Bindung bei Vätern und Töchtern deutlich seltener auftritt, kann man mit der Schwangerschaft erklären, die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist einfach länger vorhanden. Wenn Eltern in diese „Falle“ tappen, führt es oft zu einer starken Fixierung des Sohns auf die Mutter und damit zu einer Lebensunselbständigkeit.
Gleichzeitig entdecken die Kinder in dieser Zeit ihre Geschlechtsorgane, reden oft darüber und berühren sich gegenseitig und sich selbst. Auch das gehört zur Entwicklung dazu und ist nur problematisch, wenn der Altersunterschied zu groß ist bzw. wenn einer von beiden es nicht will.
Man sollte es einem Kind auch nicht allzu übel nehmen, wenn es lügt, als Notlüge, als Mittel zum Zweck oder auch aus Angst. Bis zu einem Alter von ca. fünf/sechs Jahre haben sie oft eine eigene Wahrheit, glauben wirklich selbst, was sie sagen, nehmen sie Dinge verzerrt wahr. Aber auch danach wird es erst problematisch, wenn das Lügen pathologische Züge annimmt.
Thomas Rupf meint, wenn Eltern dies alles wissen, wird die Erziehung der Kinder leichter. Gleichzeitig sollten sie wissen, dass 94% der Kommunikation aus Gestik und Mimik besteht. Es kommt also weniger darauf an, was genau man dem Kind sagt, sondern welche Gefühle man dem Kind gegenüber ausdrückt.
Wenn Eltern bei ihren Kindern keine Schuldgefühle für all diese entwicklungsbedingten „Fehler“ erzeugen, sondern lediglich ein Schamgefühl, so dass Kinder lernen, dass man Dinge nicht überall machen kann, dann kann Erziehung gelingen.
Dann bekommen Kinder die Grenzen gesetzt, die sie brauchen, um eine Orientierung zu bekommen, dann lernen sie, sich in andere reinzuversetzen und entwickeln Empathie. Diese ist angeboren, geht jedoch verloren, wenn Kinder Gewalt erleben.
Das gilt im Übrigen nicht nur für eigene Erfahrungen, sondern wird auch bei bestimmten PC-Spielen bewirkt, die Gewalt verherrlichen.
Immer wenn die Gefahr der Verharmlosung von Gewalt droht, müssen Eltern eingreifen, denn Kinder brauchen Grenzen, um Halt zu spüren. Diese Erkenntnis gab Thomas Rupf den Eltern und Erziehern mit auf den Weg, und nahm ihnen, so wie gewünscht, hoffentlich die Angst, bei der Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder zu viel falsch zu machen.
Zum Ende dieses interessanten Abends bedankte sich Volker Banschbach bei Thomas Rupf und beim Kreispräventionsrat im Heidekreis e.V., der die Veranstaltung mitfinanziert hat.