Wege aus der Brüllfalle

Interessiert verfolgten die Zuhörer die Veranstaltung des Präventionsrates.

Wenn Eltern sich durchsetzen müssen

Schwarmstedt. Dem Präventionsrat der Samtgemeinde Schwarmstedt war es gelungen, den bekannten Medienpädagogen Wilfried Brüning aus Detmold nach Schwarmstedt in die Mensa der KGS zu holen, um über „Wege aus der Brüllfalle“ zu referieren. Diese Veranstaltung wurde finanziell unterstützt durch die Tagesmütter „Heidezwerge SFA e.V.“ Sein Vortrag, unterstützt durch vier Filmsequenzen dauerte dreieinhalb Stunden! Eine Belastung für die annähernd zweihundert Zuhörerinnen und Zuhörer? Nein, im Gegenteil, trotz des eigentlich ernsten Themenhintergrundes gelang es Brüning durch seine schauspielerischen Fähigkeiten, durch seine Mimik und seinen Witz, das Publikum nicht nur sachlich zu fesseln sondern sie zeitweise sogar zu Heiterkeits- oder Beifallskundgebungen hinzureißen. Er schimpfte ebenso überzeugend als autoritärer Vater wie er überzeugend eine überforderte und schreiende Mutter darstellte oder als Kind weinend oder brüllend auf dem Boden kauerte. Er ist ein Till Eulenspiegel der Neuzeit, der den Eltern einen Spiegel vorhält und sie mit bekannten Konfliktsituationen aus dem Erziehungsalltag nachdenklich stimmte, sie aber auch schallend lachen ließ. Eine norddeutsche Zeitung berichtet über den dortigen Auftritt des Medienpädagogen: „Auch das Publikum brüllte, allerdings vor Lachen“. Der Referent, selbst Vater von zwei Kindern, weiß wovon er spricht. Provokant und schauspielerisch gekonnt referierte er die Problemsituationen, bezog immer wieder Zuhörerinnen in seine Rollenspiele ein und machte die Veranstaltung zu einem Erlebnis mit guten Empfehlungen für zukünftige Erziehungsaufgaben. Bei Beachtung seiner Ratschläge erwartet Brüning „in Schwarmstedt und Umgebung innerhalb weniger Tage einen bemerkenswerten Niveauanstieg im Erziehungsbereich!“. Früher, so führte er aus, war alles einfacher, die Eltern erzogen autoritär ebenso wie die gesamte Gesellschaft, die Schule, die Kirche und Vereine. Danach folgte quasi als Wiedergutmachung an den Kindern eine lange Zeit der antiautoritären Erziehung. Und die Eltern der Gegenwart müssen nun mit den Scherben beider Systeme fertig werden. Das gilt auch für die Erzieher, Kindergärten, Schulen und Vereine. Zudem nehmen die Medien immer mehr Einfluss in diesem Bereich. Referent und Gäste waren sich einig, Erziehung war noch nie so schwierig wie heute. Die gesamte Informationsveranstaltung baute auf einer Situation auf. Eltern bitten ihre Kinder oder fordern sie auf, etwas zu tun oder zu unterlassen, einmal, zweimal, mehrere Male. Wenn dann keine Reaktion oder keine Umsetzung erfolgt, fangen Eltern schnell an, die Kinder anzuschreien und schon sind sie in die „Brüllfalle“ getappt. Brünings Vorschläge und Anregungen zur Vermeidung solcher Konflikte hören sich eigentlich ganz einfach an. Es beginnt mit dem Willen und der Fähigkeit, ganz konsequent „Nein“ sagen zu können. Einmal „Nein“ bleibt „Nein“ und zeigt den Kindern die geforderten Grenzen auf. Lange Diskussionen oder umständliche Erläuterungen helfen nicht, besser ist ein konkretes Schweigen. Auch sollten Eltern sich nicht schämen, wenn sie glauben Fehler gemacht zu haben oder schwach zu sein oder meinen „Ich kann das nicht“. Kinder sind in einer ständigen Lernphase, sie dürfen das machen, was sie wollen, solange, bis sie elterliche Belange berühren, die absoluten Vorrang haben. Kinder mögen keine Ordnung! Sie sollten sie früh lernen und zwar weil die Eltern es wollen. Eltern tun im Rahmen ihrer Erziehungsverantwortung gut daran, ihre Kinder behutsam aus dem selbst ernannten Mittelpunkt zu nehmen. Kindergärten und Schulen können das kaum noch erreichen. Das ist wichtig, weil Kinder, die als „Nabel der Welt“ heranwachsen, später auf eine Realität treffen, mit der sie dann nicht fertig werden. Brüning meint, die Zeit mit den Kindern sei eine sehr wertvolle. Sie solle genutzt werden, indem Eltern ihre Kinder schon möglichst früh in Aufgaben und Arbeiten einbeziehen und sie darin mitgestalten lassen. Bei Verboten oder Anleitungen dürfen Eltern bei ihren Kindern keine Vernunft voraussetzen, diese Gabe entwickelt sich erst viel später. Auch in der Erziehung auf ein Partnerschaftsmodell zu setzen bringt keinen Erfolg. Ganz falsch wäre es, gäben die Eltern aus vermeintlich eigener Schwäche ihre Führungs- und Verantwortungskompetenz an ihre Kinder ab. Bei Anweisungen aufgezeigte Grenzen müssen Grenzen der Eltern sein. In Gesprächen sollte die Du-Form nicht gewählt werden sondern in der Ich-Form gesprochen werden, weil sonst eine Verschiebung der Belastung auf das Kind erfolgt. Die Beantwortung von „Warum“ –Fragen und langatmige Erläuterungen von Anweisungen führen zu keinem Erfolg. Kinder sind so genannte „Hüllenwesen“, die gut abgeschirmt in dieser Hülle leben und keine störenden Dinge herein lassen, es sei denn , es sind Dinge die den „Kinder-gut-tu-Filter“ Passieren können. Nur ihnen angenehme Botschaften dringen durch. Aufgabe der Erziehenden ist es, die Kinder behutsam und immer wieder auch gegen deren Widerstand aus der schützenden Hülle heraus zu holen; solange bis aus den ersten mühsamen Schritten ein leicht gangbarer Weg geworden ist. In diesem Zusammenhang ist die Art der Kontaktaufnahme mit den Kindern von großer Bedeutung. Es macht wenig Sinn, immer nur Worte der Anweisung oder Bitten aus der Entfernung an das Kind zu senden. Wichtig für eine Befolgung ist es, dabei anwesend zu sein, eine gute Atmosphäre zum Handeln zu schaffen und Augenkontakt zum Kind herzustellen. Zwischen den einzelnen Abschnitten stellte sich der Referent immer wieder den Fragen und konnte sie kompetent beantworten. Es war schon fast eine logische Konsequenz dieser tollen und sehr informativen Veranstaltung, dass sich Eltern und Erzieherinnen schworen, ab sofort diese einleuchtenden Argumente im Erziehungsalltag anzuwenden. Der Referent hat im Gegenzug versprochen, dass bei intensiver Anwendung der neuen Erkenntnisse schon kurzfristig eine Verbesserung im Umgang zwischen Eltern und Kindern eintritt. Der Präventionsrat der Samtgemeinde Schwarmstedt hat den Film „Wege aus der Brüllfalle“ käuflich erworben und stellt ihn der hiesigen Bücherei zur Verfügung, wo er von interessierten Eltern ausgeliehen werden kann.