„Wie ich als Autist die Liebe entdeckte“

Vortrag mit Autorenlesung von Dr. Peter Schmidt

Walsrode. Kürzlich fand auf Initiative des Vereins einzigartig eigenartig in der Stadthalle Walsrode ein Vortrag mit Autorenlesung von Dr. Peter Schmidt unter dem Titel „Wie ich mit Autismus durch die Schulzeit kam und die Liebe entdeckte“ statt. Vereinsvorsitzender Jürgen Isernhagen konnte unter den rund 150 Teilnehmern sogar ein Ehepaar aus Fürstenwalde in Brandenburg begrüßen, das speziell wegen des Vortrages in die Heideregion gereist war. Der promovierte Geophysiker Peter Schmidt ist Autor des autobiografischen Buches „Ein Kaktus zum Valentinstag – Ein Autist und die Liebe“. Mit seinem Vortrag konnte Peter Schmidt nach 2011 in Walsrode zum zweiten Mal unter Beweis stellen, dass er eine wunderbare Gabe hat: Er kann seinen Zuhörern auf bewegende Weise, mal komisch, mal sehr nachdenklich schildern, wie er als autistischer Mensch fühlt und was ihn bewegt. Besonders anschaulich stellte er dar, wie er zwischenmenschliche Kommunikation erlebt. Während „normale“ Menschen die bunte Farbskala der zwischenmenschlichen Kommunikation nuanciert wahrnehmen, sieht er als Mensch mit Autismus diese nur schwarz-weiß. Dies gilt auch für das Erkennen von Emotionen. In seinem Vortrag hatte er dies durch das Luftbild eines türkischen Urlaubsortes verdeutlicht. Während auf dem Farbfoto die Swimmingpools gut zu erkennen sind, erfordere dies auf einem Schwarz-Weiß-Bild eine zeitraubende Technik, die es kaum erlaubt, im zwischenmenschlichen Bereich erwartungsgemäß und angemessen zu reagieren. Er kann also nur besonders starke Signale bzw. Emotionen relativ sicher wahrnehmen. In seinem Buch beschreibt er, dass er die Trauer anderer Menschen daran erkennt, dass es bei ihnen im Gesicht „regnet“. Schmidt führte auch aus, dass es für Außenstehende oft sehr schwierig ist, zwischen „nicht können“ eines Autisten und „nicht wollen“ eines Unmotivierten zu unterscheiden, wenn hochintelligente Autisten scheinbar einfache Alltagsarbeiten nicht ausführen. So kann Schmidt zwar im Kopf Integrale rechnen, aber Obst schälen überfordert ihn. Es ist auch schwierig, einem Autisten in der Kindheit zu verdeutlichen wie schlimm etwas ist. Für Schmidt war die Zerstörung von etwas Unwiederbringlichem immer schlimmer als eine Tracht Prügel mit blauen Flecken oder Nasenbluten. Um einem Autisten wie ihm zu verdeutlichen wie schlimm etwas war, waren alle Vergleiche sinnlos. Denn ihnen lag eine Bewertung der "Schlimmigkeit“ aus der Sicht anderer zu Grunde. Es dauerte mehrere Schuljahre bis Schmidt erkannte, dass die Sanktionen geringer waren, wenn A auf die Zerstörung von etwas Unwiederbringlichem nicht mit der Verletzung des Körpers des Täters, sondern mit der Beschädigung von dessen Sachen reagiert hat. Schülerinnen und Schüler mit Autismus laufen daher sehr leicht Gefahr durch diese Reaktionsweise vom Mobbing-Opfer zum Täter gestempelt zu werden. Den zweiten Teil seines Vortrages widmete Schmidt dem Thema Partnerschaft. Die Phase des Kennenlernens und der Entwicklung der Beziehung zu seiner heutigen Ehefrau schilderte Schmidt indem er die entsprechenden Kapitel aus seinem Buch vorlas.
Seine Ehefrau Martina hat er bei einem Zahnarztbesuch kennen gelernt. Auf den Pfad der Liebe brachte ihn seine damalige Vermieterin durch ihre ostpreußische Flirtkunde. Sie hat ihm die entscheidenden Hinweise vermittelt. Ihm war nämlich der Weg über die emotionale Autobahn zu seiner Partnerin versperrt. Er musste sich daher auf den langwierigen und beschwerlichen Weg über Serpentinen zum Ziel quälen. Die nunmehr mehr als 20-jährige Beziehung funktioniert, weil sich die Partner ihre Bedürfnisse gegenseitig deutlich machen. Schmidt hat auch die Rückzugsmöglichkeiten, die er braucht. Die ihm wichtigen Rituale werden eingehalten und er kann seine Spezialinteressen ausleben. Dies alles gelingt nur durch absolute Offenheit, bedingungslose Liebe, Toleranz und Geduld. Zugang zu einem autistischen Menschen erhält nur derjenige, der den Autisten dort abholt, wo er steht und um in die Weltsicht eines Menschen mit Autismus unvoreingenommen eintauchen zu können, muss man die eigenen Wertesysteme kritisch hinterfragen. Schmidt unterstrich auch, dass es wichtig sei, niemals zu versuchen aus einem autistischen Menschen etwas zu machen, was er nicht ist und nie sein können wird. Man soll diesen Menschen eher mit dem, was er aus seinem Innersten heraus anbieten kann aufblühen lassen. Dass dies gelingen kann, haben Martina und Peter Schmidt gezeigt. Der Abend schloss mit einer ausführlichen Fragerunde, in der Peter und Martina Schmidt auch sehr persönliche Fragen beantworteten.