Variantenreiche Orgelnacht – das grandiose Musikerlebnis

Barbara Dennerlein an der Orgel St. Martini in Brelingen.

Von Langenhagen bis Brelingen in Sachen Musik unterwegs

Wedemark/Langenhagen. Zu einer eindrucksvollen, spannenden Begegnung mit den Kirchenorgeln im nördlichen Teil der Region Hannover wurde die „romantische Orgelnacht“ im oberen Leinetal. Musik vom Feinsten war zu hören von ganz unterschiedlichen Künstlerinnen meisterhaft präsentiert. Es war die erste Veranstaltung dieser Art, die die beiden benachbarten Kirchenkreise Burgwedel - Langenhagen und Neustadt-Wunstorf in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung der Region und dem Team Kultur der Regionsverwaltung am Sonnabend vor Beginn der Schulferien ausgerichtet haben.
Als in der Niedernstöckener Gorgonius - Kirche die beiden junge Organisten, Nana Sugimoto aus Japan und Moritz Backhaus aus Hannover – beide Studenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover -, der pneumatischen Furtwängler & Hammer-Orgel zarteste Nuancen bei einem eher klassischen Programm (Karg-Elert, Brahms u.a.) entlockten, zeigten sie beispielhaft, was auf diesem Instrument möglich ist. Die fröhlichen Abschlußstücke deuteten an, wohin die Orgelreise an diesem herrlichen Sommerabend gehen sollte.
An der gerade restaurierten Furtwängler-Orgel von 1878 in Mandelsloh nahm Eunji Lim aus Südkorea zunächst die klassische Note mit drei Stücken von Cesar Franck, Sigfrid Kar-Elert und Johannes Brahms wieder auf. Auch sie ist, wie die beiden anderen Nachwuchskünstler, eine Schülerin des hannoverschen Orgel-Professors Emmanuel Le Devellec. Was dann aber Beate Gatschka und Gert Anklam sowie die Japanerin Karin Nakagawa in der St. Osdag-Kirche zum Klingen brachten, überstieg alle Erwartungen des Publikums. „Liquid Soul“ ist der Name ihrer Formation – Musik aus Luft und Wasser. Beide Berliner entlockten den vier Pfeifen ihrer Wasserstichorgel die unterschiedlichsten Klangkombinationen und Rhythmen. Diese unerwarteten Urklänge zogen das Publikum in ihren Bann, als sich aber die japanische Koto (eine Art erweiterter Zitter) in die exotischen Klänge der Wasserorgel mischte, war die Überraschung perfekt: Klänge in der Kirche fast aus einer anderen Welt. Im Laufe des Abends erläuterten die beiden Berliner Musiker, die im Laufe des Konzerts auch exotische Instrumente wie Hang und Sheng einsetzten, die Funktionsweise der Wasserstichorgel. Gert Anklam erwies sich darüber hinaus in einige Passagen als sehr sensibler Saxophonist.
Die Zusammenspiel von Liqid Soul mit Karin Nakagawa ging unter anderem auf ihr Engagement für die Opfer der Flut-Kathastrophe in Japan zurück, als sie 2011/12 gemeinsam ihre erste CD „Tausend Kraniche“ aufgenommen und veröffentlicht haben. Die Exotik und die Meisterschaft von Karin Nakagawa auf diesem Instrument verzauberte das weite Kirchenschiff der St.Osdag-Kirche. Selten konnten Musiker_innen hier alleine durch Sphärenklang das zahlreiche Publikum in ihren Bann ziehen. Lang anhaltender Applaus.
Den Höhepunkt des Abends bildete der Auftritt von Barbara Dennerlein in Brelingen. Sie hatte sich mit der dortigen Furtwängler & Hammer Orgel im Vorfeld genau beschäftigt und ihr Programm auf die Möglichkeiten dieses Instruments von 1930 abgestimmt. Die fleißigen Helfer im Hintergrund, ohne die eine solche Orgelreise gar nicht durchführbar wäre, hatten mit Beleuchtungseffekten die Atmosphäre eines Jazz-Kellers hergestellt und per Video-Übertragung dafür gesorgt, daß die Zuhörer unten in der Kirche das Spiel der Jazz-Meisterin auf der Orgel per Video-Übertragung verfolgen konnten. Und der Weltstar, der auf allen Bühnen zu Hause ist, kostete diese Konstellation sichtlich aus. Sehr professionell erläuterte sie dem inzwischen noch zahlreicheren Publikum ihre Stücke und ihre eigenen Kompositionen, bezog die Orgel ein, indem sie jeweils um Geduld für die Vornahme der umfangreichen Registrierungen bat, die ihr Spiel erforderte. Und dann hob die Orgel an, die Meisterin spielte meist ohne Notenbasis, nur mit den Registrierungen auf dem Notenpult. Schon nach den ersten Tönen hatte sie die Zuhörer in ihren Bann gezogen.
Das Geheimnis ihres Orgelspiels liegt vermutlich in ihrer Auffassung von Musik: „Jazz ist ein Synonym für Freiheit“, erläuterte sie dem Publikum. Und das folgte ihr, wenn sie z.B. bei Fats Walters Komposition „Ain't misbehaving“ anspielte. Auch mit ihren eigenen Kompositionen wie „Oversize“, „Green Paradise“ oder „Pendel der Zeit“ verzauberte sie das Publikum. Auch ihr Lied „Holy Blues“ zeigte ihre Einstellung zur Jazz-Musik. Der Funke sprang auf die Zuhörer über; sie applaudierten frenetisch: Höhepunkt des Abends war der Blues, den die Meisterin gekonnt variierte, das Tempo und Lautstärke wechselte und Musikzitate berühmter Meister in ihr variantenreiches Spiel aufnahm. Ein einmaliges Musikerlebnis der Extraklasse, tosender Applaus, eine Zugabe.
Hinter dieser „romantischen Orgelnacht“ verbarg sich eine große Organisation, die von den beteiligten Kirchengemeinden vorbereitet worden war. Nicht nur die Versorgung mit Speisen und Getränken war bewundernswert, auch der Transport von einer Kirche zu andern wurde durch den Einsatz von Bussen durch die Regiobus glänzend gelöst. So konnten die orgelbegeisterten Zuhörer auch aus der Landeshauptstadt jede Kirche im Umland leicht erreichen. Initiator des variantenreichen Abends war der Langenhagener Kantor Arne Hallmann.
Durch das Zusammenspiel wurde auch die vierte Station in St. Marcus Wettmar im östlichen Teil der Region einbezogen werden. Dort gastierte die Gruppe „Sedaa“ (Hannover) mit dem Organisten Hannes Binder auf der Engelhardt-Orgel von 1856. Binder entlockte dem Instrument zauberhafte Klänge im Übergang zum Jazz. Sein virtuoses Spiel verband sich perfekt mit den mongolisch-iranischen Klängen aus den Herkunftsländern der Musiker der Gruppe Sedaa und machten auch den Auftritt in Wettmar zu einem weiteren herausragenden Konzerterlebnis.
Diese erste „romantische Orgelnacht“ im Leinetal erweckte die kostbaren Instrumente des unteren Leinetals auf grandiose Weise aus ihrem Dornröschen-Schlaf, die vielfältige Musik in und um die Orgeln begeisterte das Publikum überall, obgleich das Angebot an Kulturveranstaltungen an diesem Wochenende vor den Sommerferien überaus groß und vielfältig war. - „Findet diese einmalige Orgelnacht eine Fortsetzung ?“ war die häufige Frage, mit der die Zuhörer die ehrwürdigen Kirchen verließen.