100 Jahre Bissendorfer Friedhof

Das Tor zum Bissendorfer Friedhof. (Foto: E. A. Nebig)
 
Auf einem der Torpfosten ist die Jahrezahl des Eröffungsjahrss angegeben. 1910 (Foto: E. A. Nebig)
 
Der sogenannte Liebesstein. (Foto: E. A. Nebig)

Wenn seine Grabmale reden könnten, würden sie spannende Geschichten erzählen.

Wedermark(ne). Bissendorf ist unbestreitbar das Tor zur Heide, und das dokumentiert auch eine Tafel am Ortsausgang an der Straße nach Großburgwedel.
Die geschichtsträchtige Ortschaft in der Wedemark war von 1560 bis 1859 Sitz der gleichnamigen welfischen Amtsvogtey im Fürstentum Celle, das im Südwesten an das Fürstentum Calenberg grenzte. Grenzfluss war im Bereich der heutigen Stadt Langenhagen die Wietze. Nicht von ungefähr hat sich der 1968 verstorbene, einstige Bissendorfer Lehrer und Schriftsteller, Hinrich Braasch, als „Hinnerk ut de Heid“ gern selbst bezeichnet. Wohl nicht zuletzt aus folgendem Grund: In der Hedio-Chronik aus dem 16. Jahrhundert - sie beschreibt Verkehrswege von Mitteldeutschland über Hildesheim, Hannover und Langenhagen nach Bergen - heißt es unter anderem: „ … Von Hanufür (Hannover), zwey meil gen Langenhag; eyn groß Dorf, eyn halb meil lang, da fanget die Lüneburger Heyd an ..“. Mithin sie begann mit Heideflächen im Stdatgebiet von Langenhagen (Grenzheide) und am Ickhorster Zollschlagbaum zur Amtsvogtey Langenhagen, im Fürstentum Calenberg gelegen, vor den Häusern des Kirchspiels Bissendorf. In dessen altem Dorfkern liegt auf einem Hügel die Pfarrkirche, die einst – wie man noch heute unschwer feststellen kann - von einem Kirchhof umgeben war. Zahlreiche Grabplatten, vor allem aus dem 17. Jahrhundert, die an den Außenmauern des Gotteshauses angebracht sind, zeugen noch heute davon.Dieser Gottesacker rund um die Kirche wurde vor einem Jahrhundert wohl aus Platzmangel aufgelassen und 1910 durch den heutigen Friedhof am Hellenfeld/Ecke Krummenberg ersetzt. Das beweist eine Inschrift auf einem der drei alten, aus Sandstein gefertigten Torpfosten am Friedhofseingang an der Straße Am Hellenfeld vor der Friedhofskapelle. Sie lautet: „Bissendorfer Friedhof 1910“. Der zweite Pfosten trägt die Inschrift „Selig sind die Toten“ und auf dem dritten heißt es weiter, „die in dem Herrn sterben“.
Der Friedhof wurde demnach jetzt 100 Jahre alt, ohne das jemand davon groß Notiz genommen hätte. Dabei ist dieser Friedhof mit seinen Grabsteinen, von denen einige vom alten Friedhof an der Kirche nach hier versetzt sein dürften, da sie weit älter als ein Jahrhundert sind, ein aufgeschlagenes Heimatkundebuch, wenn nicht sogar ein kleines Geschichtsbuch! Hier ruhen nämlich unter vielen anderen einige Männer und Frauen, die einst weit über die Wedemark hinaus bekannt waren. Zu den Steinen für die Unbekannten gehört das Fragment eines wertvollen barocken Grabsteines, der am Eingang der Kapelle angebracht worden ist. Er mag wohl für ein jung verstorbenes Mädchen geschaffen worden sein, dessen Namen leider nicht überliefert worden ist, obwohl seine Eltern zu den Begüterten im Kirchspiel gehört haben dürften. Zeigt der Stein doch das Kind, das von einem Engel geleitet wird, in der Kleidung wohlhabender Menschen. Gleich gegenüber steht rechts am Wege, direkt hinter dem Eingangstor, ein schlichter, wohl 1840/41 geschaffener Stein aus der Zeit des Klassizismus. Kennerinnen und Kennern der Heimatgeschichte ist er als der „Bissendorfer Liebesstein“ bekannt. Er trägt in Versalien folgende Inschrift: „Hier ruht die irdische Hülle der Frau Majorin Julia Friedericke von Mandelsloh, geborne Piccert, am 6. November 1774 erblickte sie zu Holtensen bei Hameln das Licht der Welt und endete am 21. November 1840 zu Wennebostel ihr schönes Leben. 45 Jahre war sie die Treuliebende und unendlich geliebte Gefährtin und Beglückerin meines Lebens. 10 Jahre als verlobte Braut und 35 Jahre als Gattin, so wie eine zärtliche Mutter ihrer Kinder. Sanft wie sie stets im Leben war auch ihr Ende. Der dankbare trauernde Gatte und ihre 3 Kinder und eine Schwiegertochter setzten der Unvergesslichen Hingeschiedenen dieses einfache Denkmal der Liebe.“ Die Rückseite des Steins ziert eine lange Inschrift, die den Glauben an die Auferstehung dokumentiert. Sie beginnt mit dem Satz: „ Ich denke Dein, O! Nimmer Julia, nimmer wird reiner Seelen Liebe untergehn. Jetzt trennt uns zwar der Tod, doch nicht auf immer. ...“. Der trauernde Gatte der Majorin starb acht Jahre später. Das ist einem kleineren Stein, der am Fuß des Liebessteins liegt, zu entnehmen. Der Enkel des Paares, Werner von Mandelsloh, widmete diesen Stein dem „Kgl. Hannoverschen Major i. R., Albrecht Detlef Georg von Mandelsloh.“ Die Inschrift dieses Steins weist auch nach, das der Major am 27. Februar 1776 geboren wurde und am 1. Oktober 1848 starb. Hier ist anzumerken, dass es sich bei der Familie von Mandelsloh um ein uraltes Geschlecht handelt, das im Mittelalter an Aller und Weser viel Grundbesitz und Macht besaß. Wer kennt nicht die Geschichte des Ritters Dietrich von Mandelsloh und seiner schönen Tochter Sophie bei der Belagerung von Schloss Ricklingen durch Herzog Albrecht von Sachsen, der von Sophie getötet wurde. Diese Sage inspirierte Hermann Löns, eine Ballade über diese Episode des Lüneburger Erbfolgekrieges zu schreiben, der auch Bissendorf berührte. Einige Meter weiter steht links des Weges auf einer Freifläche ein weiterer klassizistischer, schlicht, aber schön gestalteter Stein in Form eines Kubus. Das von allen vier Seiten gut zu betrachtende Grabmal mit vier Inschriftenseiten, deren Textgravierungen leider zusehends verwittern, erinnert an den 1845 verstorbenen Pfarrer Johann Philipp Ernst Ebbeke. Der war Ende des 18. Jahrhunderts in der Residenz des Kurfürstentums Hannover Erzieher der Prinzessinnen von Mecklenburg-Strelitz, die wir alle als die in Hannover geborenen Königinnen Luise von Preußen (1776 bis 1810) und Friederike von Hannover (1778 bis 1841) kennen. Die Inschriften auf seinem Grabmal lauten an der Ostseite „Johann Philipp Ernst Ebbeke. Ritter des Guelfenordens. An der Westseite „Geboren zu Idensen am 25. Novbr. 1759. Gestorben zu Bennemühlen am 1. Februar 1845“ und an der Südseite „Das Gedächtnis der Gerechten bleibt ein Segen“. Auf der Tafel an der Nordseite ist zu lesen: „Dieses Denkmal widmete dem Verstorbenen dessen dankbarer Sohn, Otto G. Ebbeke. New York, Nordamerika.“ Der Guelfen oder auch Guelphen-Orden wurde am 12. Augst 1815 vom Prinzregenten des Königreiches Hannover, dem nachmaligen König Georg IV. von Großbritannien, gestiftet. Der Orden wurde bis 1848 in vier Klassen verliehen, nämlich 1. als Großkreuz, 2. und 3. als Kommandeurkreuz 1. und 2. Klasse und 4. als Ritter des Ordens. König Ernst-August änderte die Statuten 1841 auf fünf Klassen, indem er das Silberkreuz des Welfenordens hinzufügte. In unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Monument für den Sohn des Stift-Kantors zu Wunstorf und Gemeindepfarrers zu Idensen, Johann Otto Ebbeke, befinden sich die schlichten Grabstätten zweier Männer, die sich als Pädagogen, Schriftsteller und Heimatforscher in der Wedemark und weit drüber hinaus einen Namen machten. Es sind dies der Bissendorfer Lehrer Hinrich Braasch (1878 bis 1968) und sein jüngerer Wennebosteler Kollege Richardt Brandt (1899 bis 1982). Hinrich Braasch stammte aus dem Alten Land an der Elbe. Er wurde am 21. Juli in Kutenholz bei Stade geboren. Nach dem erfolgreichen Studium erhielt der junge Pädagoge Anfang 1904 eine Anstellung als Lehrer in Bissendorf und heiratete hier wenig später, im Juli, seine Frau Sophie. Er erwarb ein noch heute erhaltenes Haus im großen Bissendorfer Amtsgarten, gab ihm den Namen „Urfried“ und bezog es 1930 mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Der mit der plattdeutschen Sprache aufgewachsene Hinnerk Braasch, blieb der eigenständigen Niederdeutschen Sprache sein Leben lang verbunden und kämpfte für ihren lebendigen Erhalt. Er verfasste Texte, Gedichte und Schulfunkbeiträge sowie mundartliche Beiträge, die über mehrere Sender ausgestrahlt wurden, darunter der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) und der NDR. Der jetzt mit seiner Geschäftsstelle nach Langenhagen umgezogene Heimatbund Niedersachsen (HBN) ehrte ihn aufgrund seiner Verdienste um den Erhalt des Plattdeutschen sowie der Heimatpflege mit der Ehrenmitgliedschaft. Anlässlich seines 76. Geburtstages am 2. September 1954, überreichten ihm der Landtagspräsident Karl Olfers und Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf, die bekanntlich gern Platt sprachen, im Auftrag des Bundespräsidenten gemeinsam das Bundesverdienstkreuz am Bande und zwar, wie beide dabei betonten, in Anerkennung seiner Verdienste um die plattdeutsche Muttersprache. Hinrich Braasch verfasste auch zahlreiche Bücher in Platt. Das bekannteste ist „Hinnerk ut de Heid“. „Een Book för besinnliche Minschen“, pflegte er es zu beschreiben. An sein Leben und Werk wird in Bissendorf im „Richard-Brandt-Museum erinnert. Das Grab dieses Namengebers und Schöpfers des Museums befindet sich direkt neben der Friedhofskapelle.
Richard Brandt war Lehrer in Wennebostel und machte sich in der Wedemark als Heimatforscher sowie im Altkreis Burgdorf und in der heutigen Region Hannover als Heimatschriftsteller in den Jahren von 1938 bis 1971 mit den längst vergriffenen Titeln: „Im Schatten der Residenz“, „Zwischen Leine und Aller“, „Niedersachsen, Bild einer Landschaft“, „Der Landkreis Burgdorf im Wandel der Zeiten“ und „Die schöne Wedemark“ einen geachteten Namen. Er trug den Grundstock der Exponate für das aufgrund seines Wirkens 1953 eröffnete Heimatmuseum in Bissendorf zusammen, das heute seinen Namen trägt. Richard Brandt wurde am 22. Mai 1899 geboren und starb am 16. Januar 1982. In der Wedemark und bei den Niedersächsischen Heimatfreunden ist er unvergessen.