„Angst haben ist keine Lösung“

„Horten für schlechte Zeiten, wie es die Eichhörnchen machen, das ist typisch deutsch“, meinte die CDU-Landtagsabgeordnete Editha Lorberg, als sie dem Bundespräsidenten und Ministerpräsidenten a.D. Christian Wulff (Mitte) am Montagabend als Dankeschön-Präsent einen mit Nüssen gefüllten Futterkasten für Eichhörnchen überreichte. „Eine gute Idee“, fand auch CDU-Bundestagsabgeordneter Hendrik Hoppenstedt. Foto: A. Wiese

Bundespräsident a.D. Christian Wulff vermittelte seine Ansichten zu Europa

Mellendorf (awi). „Angst haben ist keine Lösung gegen die momentane Verunsicherung in Deutschland. Die heißt vielmehr Offenheit und Haltung zeigen“, sagte am Montagabend der frühere Bundes- und Ministerpräsident Christian Wulff vor 160 Zuhörern im bis auf den letzten Platz besetzten Saal im Gasthaus Stucke in Mellendorf. Dabei war die für Wedemärker Verhältnisse sehr gute Resonanz offenbar nicht nur in der aktuellen Regierungskrise im niedersächsischen Landtag zu suchen, da die Wedemärker CDU schon vor dem Eklat des Wechsels von Elke Twes-ten für die Veranstaltung mit Wulff um Anmeldungen gebeten und starken Zuspruch verzeichnet hatte. Die aktuellen Geschehnisse waren allerdings ursächlich dafür, dass die Wedemärker CDU-Landtagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Editha Lorberg, nicht wie geplant die Begrüßungsrede am Montagabend halten konnte, sondern erst im Laufe der Veranstaltung dazustieß, da sie an einer kurzfristig angeberaumten Sondersitzung des Landtages teilnehmen musste. Sie brachte dann als Neuigkeit den 15. Oktober als Wahltermin für den niedersächsischen Landtag mit.
Vertreten wurde sie bei der Begrüßung durch den CDU-Bundestagsabgeordneten Hendrik Hoppenstedt. Er führte in Wulffs Vortrag mit einem kurzen Rückblick in dessen Historie ein: Als ehemaliger Minister- und auch Bundespräsident habe Wulff große Fußstapfen hinterlassen. Der 1959 in Osna-
brück geborene Politiker sei dort zunächst Ratsherr gewesen, 1994 in den Landtag eingezogen. Von 1994 bis 2003 war er CDU-Fraktionsvorsitzender, bis 2008 Landesvorsitzender der CDU, von 1998 bis 2010 stellvertretender Bundesvorsitzender, von 2003 bis 2010 Ministerpräsident in Niedersachsen und von 2010 bis 2012 Bundespräsident. Gerade in dieser Funktion habe er Maßstäbe für das Thema Integration gesetzt und sei daher heute als Vorsitzender des Stiftungsrates Integration durchaus als Experte zu bezeichnen, so Hoppenstedt. Niemand n Deutschland habe noch Anfang letzten Jahres die Wahl von Trump oder den Brexit für möglich oder wahrscheinlich gehalten, begann Wulff seine Ausführungen. Insbesondere die Wahrnehmung der Amerikaner habe sich in den Augen der Deutschen verändert. Waren sie früher im und nach dem Zweiten Weltkrieg die Retter, die den Marshallplan entwarfen, Berlin mit der Luftbrücke halfen und großen Anteil an der Wiedervereinigung hatten, sei von diesem Gefühl heute nicht mehr viel zu spüren. Gespürt hätten jedoch 1989 Klaus Meine und Rudolf Schenker, die Wedemärker Ausnahmemusiker der Scorpions, in Moskau den „Wind of change“, der verkrustete Strukturen aufbrach. „Heute scheint es wieder einen Wind of change zu geben, aber in die andere Richtung“, so Wulff und sprach von Aktionismus, Autokratismus und Hass. „Waren die letzten 40 Jahre die friedlichsten Europas?“, frage sich heute mancher. Vielleicht
müssten die jungen Menschen sich wieder mehr engagieren, so seine Überlegung und er warnte: „Wer in der Demokratie einschläft, dem kann es passieren, dass er in der Diktatur aufwacht!“ Der Blick nach Polen, Russland und auf die Türkei zeige das deutlich. Man könne sich durchaus fragen, welcher Politiker heute eigentlich noch das Wohl ganz Europas oder gar der gesamten Welt im Blick habe. Pluralität, Gewaltenteilung und Pressefreiheit seien mittlerweile nicht mehr selbstverständlich. Einige europäische Länder seien zwar wirtschaftlich stärker, aber in der Demokratie schwächer geworden. Die EU, so Wulffs eindringlicher Appell, dürfe kein Wimpernschlag, sondern müsse von Dauer sein. Für die Verunsicherung in Deutschland nannte er vier mögliche Gründe: Den weltweiten Terror, die unbewältigte Globalisierung, die nicht angemessen aufbereitete Digitalisierung und die Flüchtlingsströme. Dem Terror dürfe man keinesfalls mit Angst und Einschüchterung begegnen und den Flüchtlingen nicht mit Ablehnung. „Wir müssen uns hüten vor Hass, denn der wird unsere Gesellschaft von innen zerfressen und am Ende töten“, so die ernsthafte Warnung von Christian Wulff. Sein Appell: „Das beste, was wir tun können, ist Flagge zeigen, wenn andere Menschenrechte mit Füßen treten!“