Auf der Flucht auch vor der Familie

Ein Neuanfang für die Liebe: Irakisches Paar hat alles hinter sich gelassen

Mellendorf (awi). Es war eine lange und gefährliche Flucht für Zanat Khalil Yousuf und Ravin Jalal Hagi. Der 25-jährige Iraker und seine zwei Jahre jüngere Frau – dies allerdings nur nach muslimischem Recht – sind mittlerweile in der Wedemark zur Ruhe gekommen. Bei ihnen dreht sich alles um Söhnchen Nidam, der am 3. August 2014 per Kaiserschnitt im Krankenhaus Großburgwedel geboren wurde und der in wenigen Woche ein Geschwisterchen bekommen wird. Es ist wie im Film oder Roman: Ein junges Paar lernt sich kennen und lieben – doch ihre Famile will die Beziehung nicht. Zudem herrscht Bürgerkrieg im Land. Seine Familie ist in den Nordirak geflüchtet, betreibt dort einen Lebensmittelladen. Sie soll nach dem Willen ihrer Familie ihren Cousin heiraten. Ihnen bleibt nur die Flucht aus dem Bomben- und Kriegsterror: erst zwei Stunden zu Fuß, dann gegen Geld mit dem Auto eines Schleusers in die Türkei, für 4.000 Euro bringt der sie über die Grenze. Zwei Monate müssen sich Zanat und Ravin dort in einem Haus verstecken, zusammen mit 13 weiteren Flüchtlingen, dabei haben sie nur einen kleinen Rucksack mit dem Allernötigsten. Mitten in der Nacht geht die Flucht dann weiter: mit einem Bus nach Istanbul zusammen mit den anderen und mit einem kleinen Boot über einen Kanal bis nach Athen, von dort weiter mit einem Lkw. Zanat hat ein Ziel vor Augen: Norwegen, dort war er bereits einmal fünf Jahre lang als Jugendlicher, stellte Asylantrag, doch der wurde abgelehnt, er in den Irak zurückgeschickt. Seine Ravin hat er noch in der Türkei nach muslimischem Recht geheiratet, denn sie ist schwanger. Doch hier in Deutschland wird diese Hochzeit nicht anerkannt. Beide haben keine Papiere, gelten als ledig, das Kind Nidam als unehelich. Er bekommt den Namen seiner Mutter, aber keine Geburtsurkunde. ein Umstand, dem Sozialarbeiterin Mathea Müller noch nachgehen will, weil sie das trotz fehlender Papiere nicht nachvollziehen kann. Doch noch sind die Flüchtenden nicht in Deutschland angekommen. Sechs Monate – bis Mai 2014 – bleiben sie in Athen, dann bezahlt ein Onkel die weitere Flucht. Im Lastwagen versteckt geht es über Italien nach Frankreich, von dort mit dem Zug nach Deutschland, eine unglaubliche Strapaze besonders für die schwangere junge Frau. Endlich kommen sie im Erstaufnahmelager in Dortmund an. Drei Versuche im LkW über die Grenze nach Italien zu kommen, seien gescheitert, erzählt Zanat, mit ein paar Keksen, etwas Wasser und Brot im Rucksack habe es im vierten Anlauf dann endlich geklappt. Ravin ist mittlerweile im sechsten Monat. Zanat hat seine Pläne nach Norwegen zu gelangen, inzwischen aufgegeben, will mit seiner jungen schwangeren Frau einfach nur irgendwo ankommen. Über die Zwischenstation Friedland gelanger die jungen Iraker Ende Juli 2014 in die Wedemark, bekommen zunächst eine Kellerwohnung in Elze zugewiesen, später dann die Wohnung in Mellendorf, wo sie heute noch wohnen und sich wohlfühlen, mittlerweile zu dritt. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in der Wedemark wird Söhnchen Nidam geboren. Das Baby hatte sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt, die Situation war nicht ungefährlich, doch in Großburgwedel fühlen sich Zanat und Ravin bestens aufgehoben. Sie bezweifeln, dass Nidam auch im Irak gesund auf die Welt gekommen wäre. Gleich nach ihrer Ankunft in Mellendorf nimmt der Interkulturelle Treff mit ihnen Kontakt auf. Zwei Tage in der Woche absolvieren sie Sprachkurse, Zanat macht aktuell ein Praktikum bei einer Gebäudereinigungsfirma in Langenhagen. Sein Asylantrag ist vorläufig anerkannt, drei Stunden am Tag darf er arbeiten. Zanat wünscht sich einen Ausbildungsplatz, gerne als Glas- und Gebäudereiniger. Für Ravin gibt es diese Möglichkeit momentan nicht. Sie muss sich um ihr kleines Kind kümmern, ist wieder schwanger. Nidam besucht eine Spielgruppe in einem Mellendorfer Kindergarten, für ihn die beste Möglicheit, Deutsch zu lernen. Er soll sich so gut wie irgend möglich integrieren, wünscht sich seine Mutter, die selbst hier in Deutschland auch kein Kopftuch trägt, außer im Ramadan. „Wir sind Muslime, aber ganz normale", formuliert es Zanat. Er und Ravin sind den Menschen dankbar, die sich um sie kümmern, insbesondere auch den Sozialarbeitern bei der Gemeinde. Mathea Müller bemüht sich gerade um Stiftungsgelder für Anschaffungen für das erwartete Kind. Begleitet wird sie von ihrem Kollegen Beshara, der auch perfekt dolmetschen kann. Beide unterstützen das irakische Paar bei der Integration, zusammen mit vielen Ehrenamtlichen vom Interkulturellen Treff und vom Runden Tisch. Ein kleiner Ausgleich für die Familie zuhause im Irak, die nichts mehr von ihnen wissen will. Ein Neuanfang also auf der ganzen Linie. Wer Zanat, Ravin und Nidam kennenlernt, kommt schnell zu der Überzeugung: Die schaffen das!