Ausstellung im Heimatmuseum eröffnet

Museumsleiter Karl-Hans Konert (links) bei seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung „Zeugnisse aus dunkler Zeit – 1933 bis 1945“. Foto: B. Stache
 
Bis auf den letzten Platz besetzt sind die Stuhlreihen in der Gemeindebibliothek in Bissendorf zur Ausstellungseröffnung „Zeugnisse aus dunkler Zeit – 1933 bis 1945“. Foto: B. Stache
 
Bürgermeister Helge Zychlinski dankt in seiner Ansprache dem Museumsteam für die Ausstellung „Zeugnisse aus dunkler Zeit – 1933 bis 1945“. Foto: B. Stache

Berichte über Zwangsarbeiter in der Wedemark stoßen auf großes Interesse

Bissendorf (st). Das öffentliche Interesse an der Eröffnung der Ausstellung „Zeugnisse aus dunkler Zeit – 1933 bis 1945“ am Sonnabend im Richard-Brandt-Heimatmuseum Wedemark in Bissendorf war überwältigend. „Ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Veranstaltung, mit der wir wieder einmal Neuland betreten. Wir hatten schon Begleitveranstaltungen zu Sonderausstellungen, aber noch keine der heutigen Art mit Lesung, Berichten und anschließendem Gang in den neuen Ausstellungsbereich. Deshalb freue ich mich sehr über das große Interesse heute“, erklärte Museumsleiter Karl-Hans Konert in seiner Eröffnungsrede. Bis auf den letzten Platz besetzt waren die Stuhlreihen in der Gemeindebibliothek in Bissendorf, die sich im Erdgeschoss des Museumsgebäudes befindet. Karl-Hans Konert beschrieb, wie das Museumsteam die Anregungen zu der Ausstellung umgesetzt hat. Ausgangspunkt sei der Dachbodenfund in einer ehemaligen Schlosserei innerhalb eines großen Industriegeländes gewesen – zwei Stockbetten, Regal und Arbeitstisch. Auf dem Dachboden seien einst Zwangsarbeiterinnen untergebracht gewesen. Die Namen der Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion sind durch Schilder an den Betten angebracht, berichtete der Museumsleiter. Auf diese Weise bekämen bisher anonyme Schicksale wieder eine Identität. Nach schwieriger Bergung, der Treppenaufgang zum Dachboden war zugebaut, wurden die geschichtsträchtigen Gegenstände für eine spätere Ausstellung gesichert. Karl-Hans Konert präsentierte dazu ein Video. Eines der Stockbetten bildet nun mit anderen Exponaten die neue Ausstellung im Heimatmuseum. „Entschieden, diese wirklich seltenen Stücke aus der Zeit des zweiten Weltkrieges auszustellen, haben wir uns jedoch erst im Rahmen der Diskussionen in dem Kulturprogramm der Gemeinde ´Wie?Jetzt!`. Denn letztlich geht es beim Eintreten für Demokratie, Frieden und Freiheit genau darum: Wir müssen dafür eintreten, dass sich derartige Ereignisse, wie in den Jahren 1933 bis 1945 nicht wiederholen. Und zwar jeder von uns, jeder an dem Ort, wo er hierfür gebraucht wird. So meinen wir, dass es eine Aufgabe unseres Museums ist, die Erinnerung an diese Ereignisse, das Leiden vieler Menschen, aufrechtzuerhalten. Gerade weil es in der Nachkriegszeit lange kein Thema war und oft bis heute noch nicht ist. Durch die ausgestellten Exponate können wir nur ein kleines Licht auf diese Zeit werfen“, machte der Museumsleiter deutlich. Er brachte Fakten und zeigte die Rahmenbedingungen auf, die in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs dazu führten, dass in Deutschland Kriegsgefangene und Zivilisten Zwangsarbeit leisten mussten. „Die NS-Führung hatte entschieden, Ausländer zur Arbeit nach Deutschland zu holen. Zuerst wurden polnische Kriegsgefangene vor allem auf Bauernhöfen eingesetzt. Gleichzeitig begann eine massive Kampagne zur Anwerbung polnischer Arbeiterinnen und Arbeiter. Schon vier Wochen nach Kriegsbeginn gab es 70 deutsche Arbeitsämter im besetzten Polen, die mit Polizei, SS und Gestapo zusammenarbeiteten, wenn es darum ging, Arbeitskräfte für Deutschland anzuwerben, zwangsweise zu rekrutieren und bald auch in Razzien zusammenzutreiben. Bis Mai 1940 schafften die deutschen Behörden auf diese Weise fast eine Million Menschen aus Polen ins Reich. Schon im März 1940 traten die sogenannten Polenerlasse in Kraft. Sie waren der Grundstock für ein zunehmend dichter werdendes Netz von diskriminierenden Sondergesetzen, Vorschriften und Regeln. Noch bevor der Judenstern im Deutschen Reich eingeführt wurde, mussten polnische Zwangsarbeiter auf ihrer Kleidung ein Abzeichen mit einem „P“ tragen.“ Alle privaten Kontakte zwischen Deutschen und Polen wurden verboten. „Intime Beziehungen endeten für die Frauen aus Polen nicht selten mit KZ-Haft, für polnische Männer sogar mit der Todesstrafe.“ Ab Herbst 1941 wurden auch sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland zu Arbeiten gezwungen. „Sie wurden extrem schlecht behandelt und waren oft völlig unterernährt, noch bevor sie zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Die Lebensbedingungen der zivilen Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Sowjetunion waren etwas besser“, führte Karl-Hans Konert weiter aus. „Wir möchten mit unserer kleinen Ausstellung die Erinnerung hieran auf unsere Weise wachhalten. Wir wollen auch den Generationen, die diese Zeit nicht erlebt haben, einen Anstoß zur Beschäftigung mit diesem Thema geben. Immer mit dem Hintergedanken: bedenken Sie, wohin uns eine menschenverachtende Ideologie geführt hat. Wehren wir den Anfängen in unserer heutigen so freien Gesellschaft!“, mahnte der Museumsleiter. Bürgermeister Helge Zychlinski dankte dem Museumsteam für die Ausstellung mit dem besonderen Schwerpunkt 1933 bis 1945, einer Zeit, über die Jahrzehnte nach dem Krieg der Mantel der Verschwiegenheit gelegt worden sei: „Man wollte sich nicht mehr damit beschäftigen.“ Die in der Ausstellung gezeigten Exponate trügen dazu bei, Geschichte nicht nur aus Büchern zu erfahren, sondern auch sehen und fühlen zu können. „Es ist Ihnen hervorragend gelungen deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen Zwangsarbeiter in unserer Gemeinde leben mussten“, erklärte Helge Zychlinski. Während der Veranstaltung las Anne Rohde, Schauspielerin aus Hannover, drei Texte aus Büchern von Maria Eilers vor, die unter dem Titel „Die Wedemark – meine Liebe“ veröffentlicht sind. Darin finden sich Geschichten, die von älteren Bürgern aus der Gemeinde Wedemark in Einzelgesprächen erzählt und von der freien Autorin als frische, authentische Texte niedergeschrieben wurden. Über eine besondere Begegnung aus dem Frühsommer 1993 berichtete Annemarie Döpke. „Ich bin Maria“, stellte sich ihr eine von zwei älteren Damen vor, die damals vor ihrer Haustür standen. Maria aus der Ukraine war als Zwangsarbeiterin in der Familie von Annemarie Döpke gewesen. Die Ukrainerin hatte einen belgischen Kriegsgefangenen vom Nachbarhof kennengelernt und nach dem Krieg geheiratet. Über ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art berichtete Friedrich Niemeyer, Sohn des ehemaligen Mühlenbetreibers aus Brelingen. „In den Jahren 1943/44 hatte ein französischer Kriegsgefangener – unter schwierigsten Bedingungen – bei uns zu Hause eine Windmühle gebastelt“, erinnerte sich Müllersohn Niemeyer. Zum Weihnachtsfest 1944 stand das zirka ein Meter hohe Mühlenmodell als Geschenk für die Kinder der Familie des Brelinger Müllers unterm Weihnachtsbaum. Heute steht es als Leihgabe in der neuen Ausstellung im Heimatmuseum Bissendorf. Eine dramatische Geschichte mit tragischem Ausgang, die sich am 9. April 1945 auf dem Hof seines Onkels zutrug, erzählte Cord Knibbe. Nach den Vorträgen und Zeitzeugenberichten interessierten sich viele Besucher für die Ausstellung „Zeugnisse aus dunkler Zeit – 1933 bis 1945“. Die informative Veranstaltung war Teil des dreitägigen Festivals für Demokratie im Rahmen des Wedemärker Kulturprogramms „Wie?Jetzt!“.