Backen für neuen Hausarzt

Jochen Pardey (von rechts), Margret Mahler und Heide Strugalla haben am großen Kuchenbüfett alle Hände voll zu tun. Foto: B. Stache
 
Marianne Wald (rechts) freut sich über den großen Zuspruch bei der Aktion des Vereins Bürger für Resse im Mooriz. Foto: B. Stache
 
„Backen bis der Arzt kommt“ heißt die Aktion des Vereins Bürger für Resse zur Finanzierung von Anzeigen zur Arztsuche. Foto: B. Stache

Verein Bürger für Resse engagiert sich bei der Suche nach einem Arzt

Resse (st). Am Sonnabendnachmittag zog köstlicher Kuchen- und Kaffeeduft durch das Moorinformationszentrum (Mooriz) in Resse. Der Verein Bürger für Resse (BfR) als Betreiber des Mooriz hatte im Rahmen der Aktion „Backen bis der Arzt kommt“ zum großen Kuchenschlemmen eingeladen. „Es wurden mehr als 40 Kuchen und Torten gespendet“, freute sich Ortsbürgermeister und BfR-Mitglied Jochen Pardey. Er selbst hatte den Kaffee gespendet. Es galt, möglichst viel von den gespendeten Kuchen zu verkaufen – auch außer Haus – um Geld für Anzeigen einzunehmen. Der umtriebige Verein hofft, mit zahlreichen Anzeigenschaltungen einen Arzt für Resse zu finden. Ein Ärzteteam aus Bissendorf, das 2008 in Resse im vereinseigenen Ärztehaus eine Zweitpraxis eröffnete, hat diese zu Jahresbeginn aufgeben. Nun sucht der Verein dringend einen Nachfolger als niedergelassenen Arzt (Hausarzt). Die Kuchenaktion am Sonnabend fand guten Anklang. „Die große Anzahl an Kuchen und Torten zeigt, wie viele Bürger unsere Aktion unterstützen“, erklärte Jochen Pardey, der sich mit anderen BfR-Mitgliedern beim Kuchenverkauf engagierte. „Wir haben uns auch über so manche Spende gefreut“, erzählte Vereinsmitglied Marianne Wald. Sie hatte die Organisation der Kaffee- und Kuchenveranstaltung übernommen. „Der Andrang war groß und hat unsere Erwartungen weit übertroffen“, berichtete Renate Kolb, geschäftsführende Vorsitzende des BfR. Der vorläufige Kassensturz habe eine Summe von über 1.300 Euro ergeben. Viele Bürger hatten beim Kuchenkauf großzügig aufgerundet. Die Kuchen waren aber auch Spitze! „Wir danken allen Spendern und werden alles versuchen, was man mit Geld tun kann, um einen Arzt für Resse zu finden“, versicherte Renate Kolb. Sie bittet die Bevölkerung reichlich Gebrauch vom Informationsflyer zu machen, der über den guten Standort für eine Hausarztpraxis in Resse informiert. Alle Beteiligten hoffen nun, dass die Suche nach einem Hausarzt für Resse ebenso Erfolg haben wird wie die Aktion „Backen bis der Arzt kommt“. Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sind für den hausärztlichen Versorgungsbereich sogenannte Mittelbereiche definiert. Sie bestehen aus einzelnen Städten oder einem Zusammenschluss von Gemeinden und sind kleiner als Landkreise. Die Ortschaft Resse gehört zum Mittelbereich Großburgwedel mit allen Orten in der Gemeinde Burgwedel und der Wedemark. „In diesem Mittelbereich leben zurzeit 50 268 Einwohner. Ein Hausarzt soll 1671 Bürgerinnen und Bürger versorgen. In dem Mittelbereich sind zurzeit 30 Hausärzte tätig. Das macht einen Versorgungsgrad von 95,2 Prozent. Es besteht also ein Bedarf von fünf weiteren Hausärzten bis zur Sperrung“, heißt es in einer Stellungnahme von Detlef Haffke, Leiter Stabsabteilung Kommunikation und Information der KVN. Die hausärztliche Versorgung im Mittelbereich Großburgwedel sei nicht mehr optimal (100 Prozent), aber auch nicht dramatisch schlecht. Eine Unterversorgung beginnt bei 75 Prozent. Die KVN begrüßt alle Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern, Gemeinden und Kommunen, um das Umfeld für die Ansiedlungen attraktiv zu machen. „Die ambulante Versorgung gibt jungen Ärztinnen und Ärzten Möglichkeiten einer sinnerfüllten Berufsausübung, die sie in anderen Bereichen kaum finden“, so die KVN. Dem in der jungen Ärztegeneration verbreiteten Wunsch nach einem ausgewogenen Verhältnis von Berufs- und Familienleben komme eine ganze Palette von Berufsausübungsmodellen entgegen – von der Niederlassung über Kooperationen mit Kollegen bis hin zur Teilzeitanstellung in einer Zweigpraxis lässt sich die eigene Arbeitsweise auf die individuellen Bedürfnisse zuschneiden. Zugleich bietet gerade die Allgemeinmedizin die Aussicht, eine intensivere, langfristige Beziehung zu den Patienten zu erleben. Laut KVN empfänden viele niedergelassene Ärzte die Versorgungsrealität jedoch anders. Die Zwänge eines überverwalteten Systems, gepaart mit der Limitierung der Versorgungsmöglichkeiten durch den Budgetdeckel, seien die negative Seite ein und derselben Medaille. Welche zusätzlichen Anreize muss es geben, um einen Arzt für einen Standort zu gewinnen? Das Zauberwort heißt „work-life-balance“, erklärte Detlef Haffke. Für die Niederlassungsentscheidung seien folgende Faktoren wichtig: Findet der Partner einen adäquaten Arbeitsplatz? Wie sieht das Angebot von Kindergärten und Schulen aus (Schul- und Betreuungsangebot)? Wie häufig fallen Bereitschaftsdienste am Abend oder am Wochenende an? Wie weit ist der öffentliche Nahverkehr ausgebaut? Gibt es ein gutes Angebot an Freizeitaktivitäten (Kino, Theater, Oper)? Auch die Frage „Kann ich mit anderen Ärzten in der Region gut kooperieren?“ sei von Bedeutung bei der Standortwahl. „Der negative Anreiz, sich auf dem Land niederzulassen, ist oft so hoch, dass man eine Assistenzärztin oder einen Assistenzarzt, die/der sich nicht auf dem Land niederlassen möchte, auch mit monetären Anreizen nur schwer umstimmen kann“, heißt es in der KVN-Stellungnahme. „Vereinfacht ausgedrückt: Hat die Landpraxis verschiedene Vorzüge – bleibt zum Beispiel die Zahl der Bereitschaftsdienste auf zwei pro Monat beschränkt und das Schul-/Betreuungsangebot für die Kinder befindet sich direkt vor Ort – können sich deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte eine Niederlassung auf dem Land vorstellen.“ Mittlerweile engagieren sich laut KVN zunehmend mehr Kommunen bei der Suche nach einem Arzt. Viele hätten erkannt, dass die ärztliche Versorgung ein wichtiger Standortfaktor für die Gemeinden ist. Diese schreiben Stipendien für Medizinstudenten aus, bieten mietgünstige Praxisräume an, helfen durch Anzeigen bei der Arztsuche. „Ein wichtiges Feld aber ist und bleibt der öffentliche Nahverkehr beziehungsweise die Mobilität der Patienten. Kommunen müssen verstärkt darüber nachdenken, wie der Patient zum Arzt kommt“, machte Detlef Haffke deutlich.


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Grundsätzliches zur sogenannten Bedarfsplanung
Ärzte oder Psychotherapeuten, die gesetzlich versicherte Patienten ambulant behandeln möchten, benötigen einen Kassenarztsitz. Wie viele es davon in einer Region gibt, regelt die sogenannte Bedarfsplanung. Diese ist im Sozialgesetzbuch V gesetzlich geregelt. Die Richtlinien zur Bedarfsplanung hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GEMBA) in Berlin erarbeitet. Der GEMBA besteht aus Vertretern der Ärzteschaft und der Krankenkassen. Zum 1. Juli 2013 ist die Bedarfsplanung grundlegend reformiert worden. Es gab einen neuen Zuschnitt der Betrachtungsräume und neue Verhältniszahlen „Bevölkerung zu Ärzten" einer Fachrichtung. Für niederlassungswillige Ärzte und Psychotherapeuten ist von Bedeutung, ob der für sie in Frage kommende Planungsbereich „offen“ oder „gesperrt“ ist. Liegt der Versorgungsgrad einer ärztlichen Fachrichtung in einem Zulassungsbezirk unter 110 Prozent, können sich in der Regel dort weitere Ärzte einer Fachrichtung niederlassen. Wieviel Niederlassungen möglich sind, hängt vom Versorgungsgrad ab. Der Versorgungsgrad berechnet sich aus der Einwohnerzahl in einer Region und der jeweiligen Anzahl von Ärzten einer Fachgruppe. Zur Berechnung liegt immer eine Verhältniszahl zugrunde. So soll beispielsweise ein Hausarzt 1671 Einwohner versorgen, ein Augenarzt 20 664 Einwohner. Die Verhältniszahlen können in den einzelnen Bereichen variieren. Je niedriger der Versorgungsgrad, umso mehr Ärzte der Fachrichtung können sich dort niederlassen. Oder anders ausgedrückt: Versorgungsgrade unter 100 Prozent zeigen einen Bedarf auf. Ein Planungsbereich gilt als überversorgt und damit für zusätzliche Arztsitze gesperrt, wenn die Arztdichte einer Fachgruppe einen Wert über 110 Prozent übersteigt. Es gilt dann ein Zulassungsstopp. Ärzte und Psychotherapeuten können sich dort nur dann neu niederlassen oder anstellen lassen, wenn ein anderer Arzt oder Psychotherapeut seine Zulassung zurückgibt und damit ein Kassenarztsitz in der Fachgruppe frei wird. Sinkt der Versorgungsgrad unter 75 Prozent, sprechen wir von Unterversorgung. Dann muss die KVN dort einen Arzt etablieren, da sie den Sicherstellungsauftrag hat. Quelle: Detlef Haffke, Leiter Stabsabteilung Kommunikation und Information der KVN.