Barrierefreiheit in Arztpraxen: Jetzt reicht‘s!

Die Vorsitzende des Behindertenbeirats, Renate Löhr, eröffnete mit ihrem Statement die Podiumsdiskussion von NDR 1 Niedersachsen. Auf dem Podium saßen (von rechts) Gabriele Wolff (Behindertenbeirat), Moderator Hans-Heinrich Otte, Dr. Bernhard Specker von der Kassenärztlichen Vereinigung und Dr. Bernd Elbert, Augenarzt in der Wedemark. Foto: A. Wiese
 
Moderator Hans-Heinrich Otte im Internview mit Bürgermeister Helge Zychlinski. Foto: A. Wiese

NDR 1 Niedersachsen zeichnete Podiumsdiskussion live im Bürgerhaus Bissendorf auf

Bissendorf (awi). Der Grundsatz der freien Arztwahl – einer der größten Vorzüge des deutschen Gesundheitssystems – gilt ganz offenbar nicht für Behinderte. Denn sie können ihren Arzt – zumindest in der Wedemark – nicht nach Kompetenz auswählen, sondern müssen sich nach den baulichen Gegebenheiten richten: Ist die Arztpraxis barrierefrei, sowohl vom Zugang her als auch bei den sanitären Anlagen? Dieses Thema stand im Mittelpunkt NDR 1 Niedersachsen-Live-Aufzeichnung „Jetzt reicht`s!“, dem Forum für Protest und Streit, am Dienstagabend im Bissendorfer Bürgerhaus.
Auf dem Podium saßen Dr. Bernd Elbert, Augenarzt mit Kassenzulassung und eingeschränkt barrierefreier Praxis in Mellendorf, Dr. Bernhard Specker von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und Gabriele Wolff vom Behindertenbeirat der Wedemark. Moderator Hans-Jürgen
Otte ließ aber auch die Gäste im Zuschauerraum zu Wort kommen: Unter anderem die Beiratsvorsitzende Renate Löhr, Bürgermeister Helge Zychlinski und Vera Carstens. Diese junge Augenärztin erklärte, sie sei gerade dabei, eine Augenarztpraxis in Burgwedel zu eröffnen, ganz modern und barrierefrei. Doch ob sie eine kassenärztliche Zulassung erhält, ist fraglich. Ihr Antrag läuft. Genau das ist auch das Problem in der Wedemark: „Ich habe mich so gefreut, dass die Augenärztin Mara Borowsky eine barrierefreie Praxis in Bissendorf eröffnet hat, in der nicht nur der Zugang für mich
als Rollstuhlfahrerin problemlos möglich ist, sondern auch die Toilette meinen Ansprüchen voll genügt. Lange Wartezeiten sind heute bei Ärzten normal, da muss man in drei oder vier Stunden schon mal die Möglichkeit haben, zur Toilette zu gehen“, sagt Gabriele Wolff. Umso größer sei ihre Enttäuschung gewesen, als sie in der Praxis erfuhr, dass diese nur für Privatpatienten zugelassen sei. Ein Antrag auf kassenärztliche Zulassung sei vom Zulassungsausschuss der KVN abschlägig beschieden worden. Die Wedemark gilt mit 116 Prozent als „überversorgt“, denn für ihre Einwohner ist zumutbar, andere barrierefreie Arztpraxen mit Kassenzulassung in einer Entfernung von bis zu 20 Kilometern beziehungsweise 30 Minuten Fahrzeit aufzusuchen, erklärte Dr. Bernhard Specker. Dass das in der Realität gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört, führten Gabriele Wolff und Gerwin Mathysiak vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter aus. Taxen, die Rollstuhlfahrer befördern, müssen vorbestellt werden und sind nicht billig. Ein spontaner Arztbesuch gestaltet sich schwierig. „Warum nutzen Sie dann nicht einfach die barrierefreie Privatpraxis und zahlen selbst?“, will Moderator Hans-Jürgen Otte von Gabriele Wolff wissen. Deren Antwort ist ehrlich: „Weil meine kleine Rente dafür nicht reicht! Und das geht vielen Behinderten so!“
Wer entscheidet eigentlich über die Kassenzulassung, wollte Otte von Dr. Bernhard Specker wissen. Der führte aus, dass es einen Zulassungsausschuss gebe, der paritätisch mit Ärztevertretern und Vertretern der Krankenkassen besetzt sei. Ottes Vermutung, einige Ärzte scheuten wohl die Konkurrenz und wollten „den ganzen Kuchen an Patienten“ haben, wurde bei der Diskussion nicht wirklich widerlegt. So gab Augenarzt Dr. Bernd Elbert an, dass seine Kapazitäten längst noch nicht am Ende seien. Er könne noch Patienten aufnehmen. Einen Treppenlift habe er bereits installiert. Bezüglich der Kritik an seinem nicht zu hundert Prozent behindertengerechten WC signalisierte er Gesprächsbereitschaft, wies aber darauf hin, dass er täglich mindestens einen Rollstuhlfahrer unter seinen Patienten habe. Die Behindertenbeiratsvorsitzende Renate Löhr gab aus dem Publikum heraus zu bedenken, dass aus ihrer Sicht die kassenärztliche Versorgung in der Wedemark, auf die behinderte und ältere Menschen zumeist angewiesen seien, zu wünschen übrig lasse. „Unsere Vision ist, dass alle Arztpraxen barrierefrei sind“, betonte Löhr. Wolfgang Jansen, Mitglied des Seniorenbeirates, hakte aus dem Publikum heraus noch einmal nach: „Wer nimmt denn nun die Prüfung vor, ob eine Praxis kassenärztlich zugelassen wird und welche Kriterien werden da angelegt?“ Dr. Bernhard Specker von der KVN erklärte, dass es da auch Unterschiede gebe, ob eine Praxis ganz eingerichtet oder eine alte übernommen werde. Jansen merkte kritisch an, dass kein Vertreter der Krankenkasse auf dem Podium sitze und Stellung zu der Thematik genommen habe. Seiner Meinung nach sei Barrierefreiheit durchaus ein Kriterium, das für die Zulassung gelten müsse. Bürgermeister Helge Zychlinski begrüßte die Initiative zu der Diskussion durch den Wedemärker Behindertenbeirat. Die Gemeinde als öffentliche Hand gehe – wie das Bürgerhaus belege – in Sachen Barrierefreiheit voran, private Immobilien könne sie allerdings nicht auch noch umbauen. „Ich kann den Ärzten nur raten, sich dem Thema zu stellen und in die Barrierefreiheit ihrer Praxen zu investieren“, so Zychlinski. Der Gemeinde seien da die Hände gebunden, sie könne nur Behinderten- und Seniorenbeirat in ihren diesbezüglichen Forderungen unterstützen. So sei man gemeinsam bei der KVN gewesen, um sich für die Kassenzulassung der Augenarztpraxis von Mara Borowsky einzusetzen. Zychlinski bemängelte jedoch das Ungleichgewicht der Zulassungen in der Wedemark und der Nachbargemeinden. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, dass im benachbarten Burgdorf gleich drei Augenärzte eine Kassenzulassung hätten. Spe-cker von der KVN begründete dies mit einer „historisch gewachsenen Situation“. In Burgdorf habe früher Niederlassungsfreiheit geherrscht. Im Schlusswort erklärte Rollstuhlfahrerin Gabriele Wolff auf dem Podium, deprimiert sei sie nicht. Der Behindertenbeirat werde weiterhin für die Inklusion kämpfen. Für ihre Generation – sie sei jetzt 70 Jahre alt – habe sie allerdings keine Hoffnung mehr auf Besserung.