Besonderer Gruß aus der Vergangenheit: Post von 1925

Hermann Scholing fand den Brief von Frieda Balke und zahlreiche Geldnoten mit Millionenbeträgen unter dem Holzfußboden beim Renovieren einer Wohnung an der Wedemarkstraße. Foto: L. Irrgang
 
Auf dem Bild von 1916 ist die Verfasserin des Briefes, Frieda Balke (rechts) neben ihren Geschwistern zu sehen, ihr Bruder Willi heiratete, und aus diesem Grund erfolgte der Hausbau. Dieses Foto und auch weitere Informationen hat Inge Henstorf aus Mellend

Hermann Scholing findet knapp 100 Jahre alte Zeitkapsel unter Holzfußboden

Mellendorf (ig). Bei einer Zeitkapsel handelt es sich neudeutsch um einen Gegenstand, indem unterschiedlichste Dinge für eine unbestimmte Zeit aufbewahrt werden sollen, bis sie eines Tages wieder gefunden werden. Man kennt solche Kapseln etwa von Grundsteinlegungen bei Neubauten. Genau so etwas hat der Mellendorfer Hermann Scholing bei Umbauarbeiten in seiner Wohnung an der Wedemarkstraße gefunden. Unter dem Holzfußboden entdeckte Scholing eine bauchige grüne Flasche. „Die war unter dem alten Holzfußboden geschoben und mit Wachs aufwendig versiegelt“, berichtete Scholing, der das ECHO über seinem Fund informierte. Von außen habe er nicht viel erkennen können, beim Öffnungsversuch wurde die Flasche beschädigt; der Inhalt jedoch erwies sich als unversehrter Gruß aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. „Neben vielen Geldnoten war dort auch ein Brief“, so Scholing.
Dieser Brief stammt von Frida Anna Lina Balke, damals 24 Jahre alt. „Heute lege ich den Brief nebst Inhalt unter die Schiebetür“, schrieb die Mellendorferin am 12.11.1925. Um mehr über die Verfasserin des Briefes zu erfahren, fragte das ECHO beim Bissendorfer Familienforscher Dr. Hellmuth Hahn nach. Dieser konnte durch akribische Nachforschungen Näheres über die damaligen Bewohner des Hauses herausfinden, in dem der Finder der Flasche, Hermann Scholing nun wohnt.
„Der Hof gehörte 1867 Heinrich Luis Balke und seiner Frau Dorothea Sophie Henstorf. Das steht vorne am Haus im ehemaligen Türjochbalken des Wirtschaftsteils eines Fachwerkgebäudes, in dem sich heute das Café Vatter befindet. Diese Anbauerstelle (Anbauer und Abbauer sind dasselbe) mit der Nr. 46 ist auf dem abgeteilten Gelände des südlich davon liegenden Hofes Nr. 39 Lohsen Haus errichtet worden. Die reiheberechtigten Höfe in Mellendorf gingen ursprünglich nur bis zur Nr. 45, deshalb findet man diesen Hof auch nicht bei Gimmler, der nur die reiheberechtigten Höfe bearbeitet hat. Die nach 1840 erbauten Anbauernstellen erhielten ihre Brandkassennummern in der Reihenfolge, wie sie erbaut wurden, ganz gleich, wo sie entstanden. Anbauer und Häuslings Heinrich Dietrich Luis Balke, geboren 1831, gestorben am 28. August 1912 als Witwer im Alter von 81 Jahren, war der Sohn des Rademachers Heinrich Balke zu Mellendorf und der Ilse Marie Hanebuth. Er heiratetete 1862 Sophie Dorothee Henstorf, geboren 1838, gestorben am 6. Juni 1903 im Alter von 65 Jahren. Dieses Ehepaar hatte folgendes Kind: Den Abbauern Heinrich Friedrich August Balke, geb. 23. 05. 1863, gest. nicht zu finden. Der wiederum heiratete am 23. Mai 1890 in Mellendorf Sophie Dorothea Emilie Brockmann, geb. 11. 09. 1863 in Melldorf, gestorben am 8. März 1941 im Alter von 78 Jahren, eheliche Tochter des Hauswirths Johann Heinrich Brockmann aus den Osterhöfen bei Mellendorf Nr. 44 und dessen Ehefrau Sophie Dorothee Friederike Hanebuth aus Mellendorf. Sie hatten fünf Kinder, zu denen auch die 1901 geborene Briefeschreiberin Frieda Anna Lina Balke gehörte.
„In dem Brief beschreibt Frieda Balke den Anbau eines Wohnhauses an den noch vorhandenen Wirtschaftsteil des in Fachwerk aufgeführten Hauses“, erklärte Hahn. Auch damals sei das Bauen von Häusern nicht leicht gewesen, dies schreibt auch Frida Balke: „Den Bau angefangen haben wir Anfang August oder Ende Juli. Wir haben tüchtig helfen müssen. Steine abladen und so weiter. Es ist sehr, sehr schwer in dieser Zeit zu bauen.“ Grund hierfür war eine in der Familie bevorstehende Hochzeit, so Hahn, „wahrscheinlich war der alte Wohnteil so baufällig, das Willi Balke seiner 1926 bevorstehenden Heirat mit Elisabeth Stucke ein angemessenes Zuhause bieten wollte.“, denn Frida Balke schreibt dazu: „Mein Bruder Willi will sich zum Frühjahr verheiraten mit Elisabeth Stucke, deshalb hatten wir keinen Platz.“ Die Gründe für den Bau und die Beschwerlichkeiten der damaligen Zeit stellt Frieda Balke anschaulich dar, aber auch das gesellschaftliche Umfeld nach dem ersten Weltkrieg und die daran anschließende Inflation beschreibt sie auf anschauliche Weise. So wird anschaulich deutlich, wie sehr auch die Menschen in der Wedemark vor knapp 100 Jahren unter den wirtschaftlichen Auswirkungen zu leiden hatten. Finder Scholing freut sich zwar über Geldnoten mit dem damaligen Wert von 50.000, 500.000, eine Millionen, 500 Millionen bis hin zu 100 Milliarden Mark, die er in der Flasche vorfand; „im Grunde ein Millionenfund“, so Scholing lächelnd. Doch auch beim Blick in die Zeilen des Briefes wir deutlich, dass die Geldnoten auch schon 1925 kein Vermögen waren. „Die Welt ist arm. Durch den Krieg und die Inflation sind wir arm geworden.“, heißt es in dem Brief, groß hingegen dann die Freude über Münzgeld, welches das immer wertlosere Papiergeld im Wert von Millionen von Reichsmark ablöste. Frieda Balke schreibt dazu: „Seit zwei Jahren haben wir wieder festes Geld. Vorher rechneten wir nur noch Millionen und Billionen.“ Es ist die direkte Art, wie die Verfasserin der Zeilen ihre Gefühlslage zum Ausdruck bringt, die einen beim Lesen der Zeilen fesselt. Denn so kann man sich ein Bild von den damaligen Auswüchsen der Inflation anhand der bei der Flasche befindlichen Scheine machen. Auch dies dokumentiert Frieda Balke; „verschiedene Scheine habe ich beigelegt.“ Unzufriedenheit über die Preispolitik gab es demnach auch schon 1925, wie Frieda Balke schreibt, „Mein Vater ist oft unzufrieden dass jetzt alles so viel Geld kostet.“ Bemerkenswert ist, dass sich die damals 24jährige durchaus bewusst war, ein gutes Versteck für ihren Gruß gewählt zu haben; „wenn Ihr diese findet, sind wir wohl alle nicht mehr hier.“ Mit dieser Vermutung lag sie richtig, durch die Nachforschungen von Hellmuth Hahn ist bekannt, dass Frieda Balke, die den Gestütsbeamten Ernst Hadeler heiratete, 1989 mit 88 Jahren in Celle starb. Traurig stimmen muss einen das Auffinden ihres Briefes lang nach ihrem Tod jedoch nicht, denn zum Ende des Briefes verabschiedet sie sich 1925 mit einem zugegebener Maßen nahe gehenden Abschiedsgruß: „Euch, die Ihr dieses findet, wünsche ich, dass es Euch recht gut geht. Mir geht es auch gut! Meine Jugend war sehr schön nur mein Deutschland ist in Not von innen und außen.“
Hermann Scholing überlegt, seinen Fund an jemanden zu übergeben, der es der Allgemeinheit zugänglich machen kann. „Denn dies sollte den Einwohnern der Wedemark gezeigt werden als ein Stück ihrer Geschichte vor der eigenen Haustür.“