„Bürger mehr involvieren"

Bürgermeister Helge Zychlinski wendet sich mit einem Neujahrsgrußwort an die Wedemärker. Foto: A. Wiese/Montage: M. Schmidt

Neujahrsgrußwort des Wedemärker Bürgermeisters Helge Zychlinski

Liebe Wedemärkerinnnen, liebe Wedemärker,
und wieder geht ein Jahr zu Ende und ein neues beginnt. Auch wenn Datumsgrenzen und die Einteilung der Zeit rein menschgemachte Kategorien sind, so bietet sich an solchen Daten die Gelegenheit, auf das Vergangene zurückzuschauen und seine Gedanken in die Zukunft schweifen zu lassen.
Leider sind uns im Jahr 2016 viele große und bedeutende Menschen genommen worden: Hierunter waren wichtige Kulturschaffende wie Roger Willemsen, Peter Lustig, Götz George und Manfred Krug und bekannte Politiker, die unser Land mitgeprägt haben wie Hans-Dietrich Genscher, Walter Scheel, Guido Westerwelle und Hildegard Hamm-Brücher. Stellvertretend für von uns gegangene Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Wedemark möchte ich Klaus von der Brelie nennen. Der langjährige Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung war ein engagierter und rastloser Wedemärker, der sich in den letzten Jahren seines Lebens besonders stark für Geflüchtete in unserer Gemeinde eingesetzt hat. Er fehlt uns.
Der Einsatz von Klaus von der Brelie für vor Kriegen geflohene Menschen mahnt uns, über den Tellerrand der Gemeinde hinaus zu schauen: Leider gibt es in der Welt immer noch viele bewaffnete Konflikte. Hunderttausende von Menschen sterben, werden vertrieben oder bleiben traumatisiert und versehrt zurück. Selbst in Europa gibt es einen bewaffneten Konflikt, der aufgrund der vielen schrecklichen Bilder aus anderen Regionen, die uns jeden Tag erreichen, ein wenig aus der Wahrnehmung geraten ist. In der Ost-Ukraine herrscht ein Bürgerkrieg, der trotz vieler Bemühungen noch nicht zu einem friedlichen Ende gebracht werden konnte.
Aufgrund all dieser Konflikte sollte uns unser Leben in Deutschland und Westeuropa geradezu himmlisch erscheinen. Seit nun 70 Jahren herrscht Frieden in Deutschland. Seit 70 Jahren erleben wir eine Zeit, die die Generationen vor uns zu Ihren Lebenszeiten nicht erleben durften. Ein Grund mehr, uns mit unserer schlimmen Geschichte zu beschäftigen, die 1939 den schrecklichsten der Kriege hervorbrachte. Und dies werden wir in der Wedemark auch in 2017 mit großem Nachdruck tun! Ich lade hierzu alle Interessierten herzlich ein – denn die Aufarbeitung des (in der Wedemark Geschehenen) ist das Fundament, das wir benötigen, um Demokratie und Freiheit auch in Zukunft verteidigen zu können. Eine Aufgabe, die nicht in Berlin oder Brüssel beginnt, sondern vor Ort bei jedem Einzelnen von uns! Und wer glaubt, unserer Demokratie könne so schnell nichts anhaben, der möge bitte in Richtung USA oder Türkei schauen.
Seit 70 Jahren dürfen wir in Frieden und Wohlstand leben. Und immer noch geht es uns gut! Wirtschaftlich stehen wir sehr gut da: Die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr – in der Wedemark herrscht gar Vollbeschäftigung. Die Wirtschaft hat gerade ihre Aussichten auf zukünftige Geschäfte so hoch wie schon lang nicht mehr eingeschätzt und die Bundesbank prognostiziert ein solides Wachstum für das Jahr 2017 – ein Bild, das sich erfreulicher Weise auch bei vielen Wedemärker Unternehmen zeigt. Vieles ist im positiven Fluss.
Auch die Gemeinde Wedemark konnte sich im vergangenen Jahr weiter verbessern: Dem Ziel, Wohnraum für Senioren und Personen mit Einschränkungen zu schaffen, kommen wir Schritt für Schritt näher: In Elze und Resse sind gerade Objekte fertiggestellt worden, die selbstbestimmtes Wohnen für ältere Menschen ermöglichen und der Verkauf des Grundstückes an der Stargarder Straße ist der Startschuss für ein Vorzeige-Wohnquartier. In der Kinderbetreuung steht die Wedemark an der Spitze der Region Hannover und wir konnten die zwei großen Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete in diesem Jahr schließen, weil wir alle Menschen in privatem Wohnraum unterbringen konnten.
Es sieht bei uns eigentlich sehr gut aus: Frieden, Prosperität und Erfolg.
Nur fühlt es sich für einige Menschen offensichtlich nicht so an – im ganzen Land, aber auch in unserer Gemeinde.
Jede noch so kleine Meldung über Fehler und Versäumnisse wird genommen und durch die Multiplikatormaschine der sozialen Netze gejagt. Und irgendwie lassen sich auch an den positivsten Meldungen noch negative Aspekte erblicken, so dass doch irgendwie, gefühlt, alles schlecht sei.
Eine Sehnsucht nach einfachen Antworten auf die immer komplexer werdenden Fragen unserer Zeit wird spürbar. Dabei ist uns allen eigentlich klar, dass wir mit 140 Zeichen in einem Tweet bestenfalls gegen Lösungsvorschläge zu Felde ziehen, in keinem Fall aber eine Lösung präsentieren können.
Statt mit notwendiger kritischer Distanz werden die Institutionen unseres Landes immer mehr mit Misstrauen, gar Verachtung betrachtet. Immer mehr werden bewährte und im internationalen Vergleich führende Einrichtungen und Behörden schlecht gemacht und die Kompetenz angezweifelt. Informationen, die ausgewiesene Fachleute präsentieren, werden als „gesteuert“ oder „unfähig“ identifiziert.
Neue, herausfordernde Gegebenheiten werden zunehmend als Krise und Bedrängnis identifiziert.
Dabei ist nicht jede Veränderung gleich eine Krise. Nicht jede neue Herausforderung ist ein Problem. Oft sind Veränderungen wichtig und richtig. Oft zeigen sich bei neuen Herausforderungen unsere besten Eigenschaften – dies ist in den vergangenen Monaten auch in der Wedemark wieder zu beobachten gewesen als wir in der Hochzeit der Flüchtlingswelle gemeinsam diese größte Herausforderung seit Gründung der Gemeinde gemeistert haben. Wie können wir aber zusammen die subjektiv schlechten Gefühle, die im krassen Gegensatz zu den objektiv guten Zahlen und Leistungen stehen abmindern? Wie können wir alle zusammenstehen und gemeinsam an der Verbesserung unserer Gesellschaft, unserer Kommune, unseres Landes und unseres europäischen Kontinents arbeiten und uns von permanenten Negativprophezeiungen lösen? Ein Schlüssel liegt nach meiner Überzeugung darin, wieder zivilisiert und vernünftig miteinander zu reden. Die ständigen Beschimpfungen und das Kleinmachen von Institutionen und Andersdenkenden, wie in sozialen Netzwerken leider üblich geworden, müssen einem Dialog weichen, in dem man die Sorgen und Nöte des jeweils anderen hört und wahrnimmt. Wir müssen wieder ein gemeinsames Miteinander anstreben, Kompromisse schließen und diese als Chance verstehen.
Hierfür möchte ich in 2017 meinen Beitrag leisten und habe mir in der Tat gute Vorsätze für das neue Jahr gegeben: Ich möchte noch mehr zuhören, mehr Menschen an Entscheidungen beteiligen und noch mehr als bisher informieren. Sie, liebe Wedemärkerinnen und Wedemärker, lade ich herzlich ein, sich auch jenseits Ihrer persönlichen Belange für unser Gemeinwesen zu engagieren und sich einzubringen.
Denn die Gemeinde Wedemark will im kommenden Jahr die Grundlagen für ein Mehr an Bürgerbeteiligung schaffen. So erarbeiten wir in der Gemeindeverwaltung gerade Mechanismen und Methoden, um Sie als Einwohnerinnen und Einwohner unserer tollen Gemeinde stärker in Entscheidungsprozesse involvieren zu können. Dabei gilt es zu beachten, dass jeder und jede sich an den Verfahren beteiligen kann und alle Bevölkerungsgruppen angesprochen werden. Nicht zuletzt müssen wir aber auch sicherstellen, dass der demokratisch gewählte Rat in seinen Kompetenzen stark bleibt. Denn dort engagieren sich 35 von Ihnen gewählte Frauen und Männer ehrenamtlich und für die Dauer von fünf Jahren für die Allgemeinheit. Dieses Engagement ist von uns allen zu würdigen, zu wertschätzen und zu unterstützen! Sie können den Rat durch Ihr Mitwirken bei der Gestaltung der Wedemark stärken. Bringen Sie ihr Know-how, Ihre Erfahrungen und Ihr Engagement für unser Gemeinwesen ein!
Darf ich mit Ihnen in 2017 rechnen, wenn es um die Gestaltung unserer Gemeinde geht? Ich würde mich sehr darüber freuen!
Ich wünsche Ihnen allen ein gesundes, glückliches und frohes Jahr 2017!
Herzliche Grüße
Ihr
Helge Zychlinski
Bürgermeister