Bürgermeister cancelt „Monsterhallen“

Noch vor einer Woche sagte Bürgermeister Helge Zychlinski, er könne sich nicht vorstellen, was ihn veranlassen könne, die Pläne für die Ausweisung des Gewerbegebietes am Neuen Hessenweg in Gailhof nicht durchzuziehen, jetzt hat der massive Bürgerprotest genau das bewegt, dass sich Zychlinski von dem „Monsterprojekt“ der bauwo abgewandt hat und bereit ist, wieder ganz neu zu planen. Für die Flächen am Neuen Hessenweg heißt das „Alles wieder auf Anfang!“.Foto: A. Wiese

Überraschendes Aus für Pläne der bauwo zwischen Gailhof und Meitze

Wedemark (awi). Donnerstagmittag hat Bürgermeister Helge Zych-linski in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz bekanntgegeben, dass er „Abstand von dem geplanten Hallenprojekt der bauwo auf den Flächen zwischen Gailhof und Meitze“ nimmt. Das Projekt sei „gestorben“. Das habe er bauwo-Geschäftsführer Bernd Rathenow auch bereits mitgeteilt. Er habe klar zur Kenntnis nehmen müssen, so Zychlinski, dass die Akzeptanz des riesigen Hallenkomplexes auch vor dem Hintergrund des Erhalts von 150 Arbeitsplätzen nicht gegeben sei. „Bürgerbeteiligung ist dazu da, dass man sich austauscht. Ich habe den deutlich geäußerten Willen der Bürger vernommen“, erklärte Zychlinski.
Einen Zusammenhang mit der Kommunalwahl in wenigen Monaten oder den aus dem Publikum am Montag bei der Doppelortsratssitzung in Meitze geäußerten Zweifeln an den finanziellen Möglichkeiten der bauwo negierte der Bürgermeister energisch. Auch ein anderer Standort in der Wedemark für das Projekt sei nicht im Gespräch, betonte Zychlinski. Was das definitiv für die Arbeitsplätze der bisher nicht öffentlich genannten Wedemärker Firma bedeute, für die die bauwo das Millionenobjekt errichten wollte und die Vorverträge mit den Grundstückseigentümer bereits gemacht hatte, wisse er nicht, sagte Zychlinski. Definitiv seien die in Frage kommenden Flächen in Gailhof aber für Gewerbeansiedlung prädestiniert. „Wir fangen jetzt wieder bei Null an“, so der Bürgermeister am Donnerstag. Er räumte ein, dass ihn der Umfang des Protestes überrascht habe. Hinweise und Stimmungen aus der Bevölkerung ernst zu nehmen, gehöre jedoch zu seinen Aufgaben. Die Gemeindeverbandsvorsitzende der CDU, Editha Lorberg, die noch am Mittwochabend mit der Bewertung der Vorgänge aus ihrer Sicht an die Presse herangetreten war (siehe Seite 4), erklärte spontan, sie gratuliere allen, die sich unerschrocken und unverzüglich gegen dieses Projekt gestellt hätten. Hier habe die geballte Kraft des öffentlichen Protestes gesiegt. Das sei ein guter Tag für Gailhof und Meitze, aber auch für die Gesamtstruktur der Wedemark. „Nun können wir erst einmal aufatmen, dürfen aber unsere Wachsamkeit als CDU nicht aufgeben. Das Vertrauen in den Bürgermeister ist tief erschüttert. Er hätte nie ein solches Projekt auf den Weg bringen dürfen. Daher heißt es: Aufpassen, was als nächstes kommt. Außerdem bleibt wohl noch die geplante Baumschutzsatzung. Auch das muss vom Tisch“, so Lorberg. Die CDU-Ortsverbandsvorsitzende Mellendorf-Gailhof, Jessica Borgas, erklärte: „Ich freue mich natürlich für Gailhof und die Wedemark! Es ist toll und wichtig, dass wir nicht so einen Wellblechpalast vor die Nase gesetzt bekommen. Allerdings unterstelle ich dem Bürgermeister auch, dass er das nicht aus reiner Rücksicht und im Hinblick auf die Akzeptanz der Bürger getan hat, sondern hier auf jeden Fall auch die Kommunalwahl und somit das Ergebnis der SPD im Blick hat.“

Der Kommentar
Selbst, wenn der Gedanke an die bevorstehende Kommunalwahl und die Frage nach der zukünftigen Ratsmehrheit die Entscheidung des Bürgermeisters zum Aus für die „Monsterhallenpläne“ doch mehr beeinflusst haben sollte, als dieser zugibt, ist ihm für seine Haltung Respekt zu zollen. Adé möglicherweise Platz eins im Gewerbemonitoring der Region. Und einem Investor nach wochenlangen Verhandlungen eine solche Absage zu erteilen, macht garantiert auch keinen Spaß. Aber was letztendlich auch immer den Ausschlag gegeben haben mag, es war eine Entscheidung im Sinne der Wedemark, die hoffentlich Bestand hat. Und ein ehrliches Kompliment geht natürlich auch an die Bürger, die sich so prompt und bedingungslos für eine Sache eingesetzt haben, nicht nur die direkt betroffenen Anlieger, sondern auch ganz viele, die die Auswirkungen gar nicht unmittelbar zu spüren bekommen hätten. Dieser Verlauf der Dinge macht Mut, Mut, den Mund aufzumachen, wenn einem etwas gegen den Strich geht und nicht alles unwidersprochen hinzunehmen. Zugegeben, immer klappt es nicht, vor allem nicht so schnell. Dazu müssen dann schon einige Punkte zusammenkommen, dass ein seit Monaten geplantes 50-Millionen-Projekt wenige Tage nach der massiven Willensbekundung der Bürger gepaart mit der Ankündigung von Protest auf allen Ebenen, derart abgeschossen wird. Hier hat der Taktiker die Notbremse gezogen. Die Frage, die jetzt im Raum stehen bleibt, ist, wie die Gewerbeentwicklung in der Gemeinde generell angefasst werden soll. Was soll hier gewerbetechnisch noch passieren und vor allem wo. Wenn man große Gewerbekomplexe nicht kategorisch ausschließt, muss man ihnen in einer ehrliche, ergebnisoffenen und transparenten Diskussion auch mögliche Standorte aufzeigen. Der Gemeindeentwicklungsplan war dafür eigentlich eine gute Grundlage, die in der aktuellen Diskussion jedoch ganz offensichtlich ins Hintertreffen geraten ist.