„Deutsche Sprache – schwere Sprache“

Maren Marchetti-Albanese hängt mit ihren Schülern einen Adventskalender auf. Sie sollen auch etwas über deutsche Kultur lernen.

Die Schüler der Sprachlerngruppe sind hochmotiviert und kommen gut voran

Mellendorf (awi/fk). Schülerinnen und Schüler sitzen gemeinsam in einem Klassenraum und lernen. Das ist kein ungewöhnliches Bild. Und doch ist es anders: Denn für einige aus den Krisengebieten der Welt stammenden Flüchtlingskinder ist es das erste Mal, dass sie eine Schulbildung erhalten. Zwei Jahre waren sie teilweise auf der Flucht. „Zwei oder drei mussten wir erst einmal alphabetisieren. Aber alle sind hochmotiviert und wollen lernen, insbesondere die deutsche Sprache“, sagt Hauptschulleiter Wilfried Osing. Er ist genauso wie die beiden Lehrerinnnen Maren Marchetti-Albanese und Anett Allert sehr zufrieden mit der Entwicklung der Schüler, die drei Stunden am Tag gemeinsam Deutsch haben und dann in die unterschiedlichen Schulen zum Unterricht gehen. Wilfried Osing richtete in Abstimmung mit seinen Kollegen der anderen weiterführenden Schulen zu Anfang des neuen Schuljahres für die insgesamt 28 ausländischen Kinder verschiedener Altersgruppen, zwei Sprachlerngruppen ein. Denn die teilweise traumatisierten Kinder und Jugendliche konnten kein Wort Deutsch als sie in ihrem neuen Umfeld ankamen, sie so in altersentsprechende Klassen zu schick-en sei „gelinde gesagt Blödsinn“, stellt Osing fest. Maren Marchetti-Albanese und Anett Allert bemühen sich, ihre Schützlinge mit Vokabel- und Grammatikübungen zu fördern. Für den Beobachter hört sich das so an, als wenn unsereins Spanisch oder eine andere Fremdsprache lernt. Da werden Begrüßungsformeln, Vorstellungen sowie Fragen und Antworten geübt. Unterstützt werden sie dabei von ehrenamtlich arbeitenden Lernpaten, die besonders die jüngeren Schüler im Deutsch-Förder-Unterricht unterstützen. Einer davon ist Hartmut Gramann. Der 80-jährige Rentner engagiert sich bereits seit einem Jahr für das Projekt und hilft, wo er kann. „Betreuung ist das, was diese Kinder am meisten brauchen“, ist seine Einschätzung. Geduldig erklärt er das, was vorne an der Tafel angeschrieben steht, bildet neue Beispielsätze. Ebenfalls ehrenamtlich dabei ist Jacky Penzhorn. „Ich weiß, wie sich die Schüler fühlen“, sagt sie aus eigener Erfahrung. Sie war 19 Jahre alt, als sie das erste Mal aus ihrer Heimatstadt Kappstadt in Südafrika nach Deutschland kam. Später wanderte sie mit ihrem namibianischen Mann mit deutschen Wurzeln hierher aus und gibt heute Nachhilfeunterricht in ihrer Muttersprache Englisch. „Ich möchte helfen und bin da, wenn ich gebraucht werde“, erzählt sie. Die Lernpaten sollen den schwächeren Schülern helfen, besser mitzukommen und sich einzugliedern. Ihre Aufgaben sind das Reden, Korrigieren und Erklären der deutschen Sprache. Denn das Sprichwort „Deutsche Sprache, schwere Sprache“ gilt tatsächlich, bestätigt auch Rektor Wilfried Osing. Er hofft dennoch, dass die Schüler mit dieser Anschubunterstützung ihren Weg in ihrer neuen Heimat meistern, vielleicht sogar einen Schulabschluss machen können. Gern würde er dafür auch die Möglichkeit nutzen, dass die Muttersprache der Schüler als Fremdsprache anerkannt wird. „Dann könnte das bei einigen mit einem regulären Abschluss klappen“, hofft Osing. Dass sich die Schüler aus den Sprachlerngruppen als eigene Einheit sehen, wundert ihn nicht. „Sie bleiben unter sich und haben wenig Kontakt zu unseren Schülern. Aber das gibt sich in dem Maße, wie sie die Sprache sprechen“, ist er überzeugt. Er lobt ausdrücktlich Höflichkeit, Pünktlichkeit und Motivation der Sprachlernschüler. „Sie sind willensstark und wollen etwas leisten. Sie fragen nach und sind bemüht“, fügt auch Lehrerin Anett Allert hinzu. Diese Schüler werden in wenigen Monaten so weit sein, dass sie in „normale“ Klassen eingegliedert werden können. Aber es kommen laufend weitere Flüchtlingskinder nach. „Ich kann zurzeit niemanden mehr aufnehmen. Jetzt nehmen die anderen Schulen auf. Sie können genauso wie die Hauptschule auch bei der Landesschulbehörde Förderstunden aus dem großen Topf beantragen“, erklärt Osing. Allerdings zeige sich bei vielen Dingen, dass es mit dem reinen Deutschunterricht nicht getan ist. Die ausländischen Schüler brauchten Unterstützung in vielen Bereichen. „Bei uns kriegen sie die“, versichert Osing.