„Ein Appell an die europäische Politik“

Autor Antonio Umberto Riccò war beeindruckt von der szenischen Lesung durch die Politiker.
 
Schlüpften mit großem Engagement in die Rollen der verschiedenen Protagonisten und des Erzählers: FDP-Landtagsabgeordneter Stefan Birkner (von links), die CDU-Landtagsabgeordnete Editha Lorberg, SPD-Landtagsabgeordneter Marco Brunotte, die SPD-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin Caren Marks und der CDU-Bundestagsabgeordnete Hendrik Hoppenstedt. Fotos: A. Wiese

Politiker aus SPD, CDU und FDP lesen eindrucksvoll „Ein Morgen vor Lampedusa“

Bissendorf (awi). „Es reicht nicht, abends vor dem Fernseher zu weinen“, zitierte Moderator Klaus von der Brelie als Vertreter des Rundes Tisches Integration der Gemeinde Wedemark den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. 16 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, mehrere tausend weitere seien seit Jahresbeginn im Mittelmeer ertrunken, 366 davon am Morgen des 3. Oktober 2013 vor der zwischen Sizilien und Afrika gelegenen Insel Lampedusa. Eine Katastrophe nicht nur für die Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Äthiopien und Syrien, auf der Flucht vor Krieg und Armut, voller Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa, eine Katastrophe auch für die Einwohner der Insel, die Fischer, den Arzt, die Frau, die einfach nur helfen wollten. Menschen, die die Bilder, die sie gesehen haben, einfach nicht mehr aus ihrem Kopf bekommen, die nachts nicht mehr schlafen können, weil sie traumatisiert sind genauso wie die Flüchtlinge, die die Katastrophe überlebt haben. In ihre Rollen schlüpften bei der szenischen Lesung am Dienstagabend im Bürgerhaus Politiker: die beiden Wahlkreisbundestagsabgeordneten von SPD und CDU, Caren Marks und Hendrik Hoppenstedt, und die drei Landtagsabgeordneten Editha Lorberg (CDU), Marco Brunotte (SPD) und Stefan Birkner (FDP). Sie lasen die Texte des italienischen Autos Antonio Umberto Riccò mit beeindruckender Einfühlsamkeit. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können im Bürgersaal, so konzentriert folgten die Zuhörer dem von extra für diesen Anlass von Francesco Impastato komponierter Musik und mit Bildern unterlegten Vortrag. Was an diesem Morgen geschah, was die Flüchtlinge erlebten, wie die Einwohner und Behörden reagierten – Antonio Umberto Riccò hat aus Zeugenaussagen und dokumentarischem Material einen Text entwickelt, der unterschiedliche Persepktiven auf die Katastrophe eröffnet und insbesondere die Einwohner von Lampedusa zu Wort kommen lässt. Was im Gedächtnis bleibt, ist vor allem die Verzweiflung der Flüchtlinge, die ihr mühsam zusammengekratzes Geld – in einem Fall 3.400 Dollar, im anderen sogar 4.800 Euro – fragwürdigen Schlepperbanden geben, in der Hoffnung auf eine Zukunft in einem europäischen Land ohne Krieg und Angst um ihr Leben. Und noch ein Eindruck bleibt hängen: Unverständnis für die italienischen Behörden, die die Fischer so unter Druck setzen, dass sie sich teilweise nicht trauen, den Schiffbrüchigen zu helfen, aus Angst, dass ihr Boot beschlagnahmt wird. „Mit der Angst im Nacken stirbt die Menschlichkeit“ – selten wird eine solche Aussage plastischer als bei der Lesung von „Ein Morgen vor Lampedusa“. Autor Antonio Umberto Riccò sagt im Anschluss nach Minuten der Stille: „Ich bin selber sprachlos, wie die Politiker hier heute das Stück vorgetragen haben. Danke für Ihre Bereitschaft!“ 68 Mal sei die Lesung mittlerweile inszeniert worden, berichtet Riccò, der kurz nach dem Unglück die Arbeitsgemeinschaft „Unser Herz schlägt auf Lampedusa“ mit ins Leben gerufen hat. Es seien schwierige Probleme zu bewältigen, räumt er ein, und da sei es schwer optimistisch zu sein und doch trügen die Reaktionen aus der Bevölkerung und neue Flüchtlingsinitiativen dazu bei, dass er seinen Optimismus nicht verliere. „Mein Wunsch ist es, dass jeder Politiker, wenn er im Parlament abstimmt und mit Flüchtlingsfragen zu tun hat, diese Bilder von heute wieder sieht“, so Riccòs Appell: „Wir müssen diese Texte umwandeln in eine menschliche Politik!“ Eine engagierte Diskussion zwischen Zuhörern und Politikern schloss sich an, deren Fazit ein Appell an die Europäische Politik ist, etwas zu verändern. „Menschen fliehen nicht, weil wir sie herlocken, sondern weil das Leben in ihrer Heimat so schlimm ist, dass sie es nicht ertragen können“, formulierte es ein Zuhörer im leider nicht vollständig besetzten Bürgersaal.