Ein Paradebeispiel für gelungene Integration

Mohammad Reza Tinehzadeh und Zakir Rasooly sprechen sehr gut Deutsch und engagieren sich sozial

Wedemark (awi). Von Integration Geflüchteter reden ist eine Sache, die praktische Umsetzung eine andere. Entscheidend ist, dass die Betroffenen integriert werden wollen und sich aktiv einbringen. Zwei Paradebeispiele dafür sind zwei 17-jährige Realschüler aus der zehnten Klasse: Mohammad Reza Tinehzadeh aus dem Iran und Zakir Rasooly aus Afghanistan. „Zwei tolle Jungs, die ganz tolle Leistungen bringen und auf die ich sehr stolz bin", sagt Realschulleiter Jens Szabo.
Verblüfft ist er vor allem von dem Tempo, mit dem Mohammad Reza die deutsche Sprache gelernt hat und von der Qualität seiner Schulleistungen. Mohammad Reza und seine Familie starteten ihre Flucht aus dem Iran am 31. März letzten Jahres. Über Griechenland kamen sie nach Deutschland, wurden am 6. April 2016 in Braunschweig registriert, kamen dann ins Lager nach Fallingbostel und von dort in die Wedemark, wo sie zu den Familien gehörten, die zunächst in der Sammelunterkunft in der Jugendhalle in Mellendorf untergebracht wurden: Der 17-jährige Mohammad, seine 21-jährige Schwester und seine Eltern. Seine Familie habe soziale Gründe für die Flucht gehabt, erzählt Mohammad im Gespräch mit dem ECHO. Sein Vater arbeitete im Iran in der Ölindustrie, er besuchte die elfte Klasse des Gymnasiums. Rund einen Monat lang habe die Familie die Flucht vorbereitet. Um sein Einverständnis sei er nicht gefragt worden, aber er sehe ein, dass es keine andere Lösung gegeben habe, sagt Mohammad und stellte sich auf die Situation ein: Als erstes besorgte er sich ein deutsches Wörterbuch, das er immer in der Tasche hatte. Mit dessen Hilfe und mit seinem Handy bemühte er sich von Anfang an, sich auf Deutsch verständlich zu machen. Einfach sei das nicht gewesen, gibt der 17-Jährige zu, denn es waren ja nicht nur Grammatik und Vokabelkenntnisse, die ihm fehlten. Auch die Schrift war anders. Ob in Braunschweig, Fallingbostel oder Wedemark – Mohammad schloss sich überall sofort anderen Jugendlichen an, die teilweise schon länger da waren als er und bereits etwas Deutsch konnten. "So habe ich viel und schnell gelernt", sagt er. Außerdem hatte er auf dem Gymnasium im Iran bereits Englisch. Das habe ihm auch enorm geholfen. Mit seinen Eltern und seiner Schwester zuhause rede er weiterhin persisch, doch außerhalb des Hauses in der Schule und im Freizeitbereich auch mit anderen Geflüchteten ausschließlich Deutsch, berichtet Mohammad, der für elf Monate in Deutschland die Sprache wirklich bereits erstaunlich gut beherrscht. Seine Familie hat jetzt den Anerkennungsstatus, er selbst will im Sommer auf die IGS Wedemark wechseln. Sein Ziel ist Abitur zu machen, wie er es auch im Iran vorhatte. Die zehnte Klasse wird er an der IGS noch einmal wiederholen, dann in der Oberstufe Mathe und Englisch als Leistungsfächer wählen. "Ich möchte später Medizin studieren", sagt Mohammad Reza selbstbewusst, seine Mutter ist auch Ärztin. Sie macht gerade ein Praktikum, um bald wieder in ihrem Beruf arbeiten zu können. Die Familie wohnt mittlerweile in Hellendorf, die Tage in der Sammelunterkunft gehören der Vergangenheit an. Seine Freizeit verbringt Mohammad gerne im Fitnessstudio oder spielt Fußball. Doch viel Freizeit bleibt ihm nicht. "Ich muss viel lernen. Ich bin noch nicht gut genug in der deutschen Sprache." Ein bis zwei Stunden am Tag lerne er Deutsch, erzählt der 17-Jährige. Er lerne viel auswendig und lese E-Books auf dem Handy. "Die Entscheidung hierher zu kommen war richtig", ist Mohammad überzeugt: "Ich kann es schaffen, wenn ich positiv denke und nach vorne schaue."
Sein Freund Zakir Rasooly hat aufmerksam zugehört. Der ebenfalls 17-jährige Abbenser hat zunächst einmal eine andere Lebensplanung. Er ist mit seiner Familie und einigen Cousins aus Kabul in Afghanistan geflohen, aus Sicherheitsgründen. Über die Türkei, Griechenland, Serbien und Ungarn kam die Familie nach Deutschland. 2013 seien sie in Afghanistan mit elf Leuten in die Türkei gestartet, berichtet Zakir. Sein Vater und ein Bruder seien zunächst in der Türkei geblieben und dem Rest der Familie ein Jahr später gefolgt. Per Auto, Boot und Flugzeug seien sie auf der Flucht gewesen, mit sieben Kindern und sie hätten Angst gehabt, so der 17-Jährige. Mittlerweile wohnen sie mit elf Familienmitgliedern in einer Wohnung in Abbensen. Einige der älteren Geschwister haben bereits eine eigene Wohnung. Eng ist es trotzdem. Zakirs größter Wunsch wäre ein eigenes Zimmer, denn auch er möchte viel lernen und das ist gar nicht so einfach, wenn der jüngere Bruder bereits schläft. Immerhin gibt es noch drei jüngere Geschwister. Doch alles sei besser, als das, was er und seine Geschwister auf der Flucht und in den Aufnahmelagern erlebt hätten. Zakir wurde bereits nach den Osterferien 2015 auf der Realschule Wedemark eingeschult. Auch ihm halfen seine Englischkenntnisse. Er hatte in Afghanistan ein Jahr lang eine private Schule besucht und dort Englischunterricht gehabt. "Bis zur siebten Klasse war ich auf einer staatlichen Schule, dann wechselte ich zur privaten. Geld war zuhause für uns kein Problem. Ich hatte in Afghanistan materiell alles, was ich hier nicht habe", sagt Zakir nachdenklich, aber nicht verbittert. Wie auch sein Freund Mohammad Reza wirkt er älter, reifer als 17 Jahre. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater hatte ein Schmuckgeschäft. Die Untätigkeit mache seinem Vater zu schaffen, sagt Zakir. Er besuche einen Deutschkurs und warte ab, wie es weitergeht. Doch alle in der Familie seien sich einig: Die Sicherheit gehe vor. In Afghanistan seien sie ihres Lebens nicht sicher gewesen. "Man geht von zuhause weg und man weiß nicht, ob man heil zurückkommt. Überall sind Bomben", sagt der 17-Jährige ernst. Wie genau es für ihn nach der Entlassung aus der Realschule Ende Juni weitergeht, weiß er noch nicht. Er hat sich am beruflichen Gymnasium in Hannover angemeldet, aber sich parallel auch um einen Ausbildungsplatz als Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik in Burgwedel beworben. "Aber ich weiß noch nicht ob das klappt, ich glaube meine Allgemeinbildung und mein Deutsch müssen noch besser werden", sagt Zakir selbstkritisch. Aus dem ersten Halbjahr ist er mit einem Notendurchschnitt von 2,2 gekommen. Langfristiges Ziel ist ein Fachhochschulstudium. Sicher weiß er: Nur in der Schule lernen reicht nicht, man muss parallel auch zuhause kräftig büffeln. Beide Jungen, Mohammad Reza und Zakir haben vier Monate ehrenamtlich in der Jugendhalle gearbeitet, als diese noch Sammelunterkunft war. Sie haben für ihre Landsleute übersetzt und denen Deutschunterricht gegeben, die es noch nicht so gut können wie sie. Auch Zakir geht übrigens gern ins Fitnessstudio. Sein Bruder macht dort inzwischen eine Ausbildung. Um Geld zu verdienen, arbeitet der 17-Jährige zwei Mal in der Woche in einem Restaurant, hilft beim Abspülen in der Küche. Realschulleiter Jens Szabo ist voll des Lobes über Zakirs soziales Engagement: Wenn er eine Freistunde hat, nutzt er sie, um für andere Geflüchtete zu übersetzen und mit ihnen Deutsch zu üben oder ihnen bei anderen Dingen zu helfen. Er und Mohammad Reza können sich übrigens auch in ihrer Muttersprache unterhalten. Zakir spricht nämlich Dari, das ist so ähnlich wie persisch, aber das tun sie höchst selten. Meistens sprechen sie deutsch miteinander. "Wir leben jetzt in Deutschland, also sprechen wir Deutsch", sind sie sich einig und haben beide mit ihrem Auftreten und ihrer Einstellung absolut beeindruckt.