Ein Wedemärker an der Tafel der Demokratie

Arnold Kirchner freute sich, den Bundespräsidenten doch noch persönlich sein Gedicht überreichen zu können. Foto: Kristoffer Finn
 
„Wo steht denn Ihre Frau?", fragte der Bundespräsident, woraufhin Arnold Kirchner mit dem deutlicher Fingerzeig antwortete. Foto: Kristoffer Finn

Ein Gedicht für Christian Wulff von Arnold Kirchner

Elze/Berlin (awi). Wenn es einer verdient hat, dann er: Arnold Kirchner, 87 Jahre alt, begnadeter Dichter aus Elze, dem für jeden lokalen oder überregionalen Anlass die passenden Zeilen einfallen. Und zwar Platz zu nehmen an der Tafel der Demokratie in Berlin. Schönster Moment für den patenten Senior aus der Wedemark: Dass er dem Bundespräsidenten sein für ihn geschriebenes Gedicht selbst überreichen konnte.
Der Souverän der Demokratie, die Bürgerinnen und Bürger richteten gemeinsam für ihren ersten Repräsentanten, das Staatsoberhaupt, zum Amtsantritt am Freitag die „Tafel der Demokratie" auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin aus. 1.500 Bürgerinnen und Bürger waren wie immer über Medienpartnerschaften mit den führenden Regionalzeitungen zur „Tafel der Demokratie" eingeladen. Die Institution der öffentlich zelebrierten Tafel verkörpert seit jeher die Gemeinschaft freier und gleicher Bürger, steht für Dialog und Begegnung und gilt als Manifestation gegenseitigen Vertrauens.
Die Bürger waren gebeten unter www.tafelderdemokratie.de ihre Visionen für Deutschland und ihre persönlichen Wünsche für den Bundespräsidenten zu veröffentlichen. Die Zukunftswünsche fanden Eingang in die Dramaturgie der „Tafel der Demokratie“. Arnold Kirchner hatte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, seine Wünsche für den Bundespräsidenten in Verse gefasst und eingereicht und war auch prompt eingeladen worden. Aber würde er die Chance bekommen, sie persönlich zu übergeben? Das war die große Frage. Zunächst schien es nicht so. Sein erster Gang entlang der langen Tafel führte Christian Wulff und seine Frau nicht so in die Nähe, dass eine Ansprache möglich war. Aber dann! Arnold Kirchner erzählt: „Ein paar Minuten später kam der Präsident nochmal an unserem Tisch vorbei. Ich sprang behände auf, stolperte über meine Krücke und überreichte ihm knapp bei Balance mein Blättchen. Und wie reagierte der Mensch, der mich noch nie gesehen hatte ? ----Er lachte freundlich beim Aufhelfen und sagte: "Wissen Sie, dass Sie heute in der Bildzeitung stehen ?"

Zufällig wusste ich es, denn der BILD-Kolumnist hatte mich am frühen Morgen angerufen und gesagt: "Kauf Dir mal die heutige BILD-Zeitung." --- Aber woher konnte der Präsident das so schlagfertig aus dem Ärmel zaubern ?
In der BILD-Zeitung stand unter "Meine Top 10 der Woche" die kurze Notiz: „...für ein Gedicht auf Christian Wulff („Wenn ein deutscher Präsident ausgleicht, was die Bürger trennt...") erfährt Arnold Kirchner aus Niedersachsen: Er darf heute vor dem Brandenburger Tor an der "Tafel der Demokratie" mit dem Staatsoberhaupt und anderen speisen. Unser Pech bei der Übergabe: Keiner aus der näheren Umgebung hatte seine Kamera knipsbereit. Da bewährte sich eine bei Kriegsbeginn vor 71 Jahren in einem Berliner Internat begründete Freundschaft: Der inzwischen prominent gewordene Kolumnist Mainhardt Graf von Nayhauss war damals knapp 13 und ich knapp 16. Als viele unserer Lehrer zur Wehrmacht eingezogen wurden, verpflichtete man die Älteren zu "Hilfserziehern" bei den Jüngeren. Zu meinen Aufgaben gehörte es zum Beispiel, im Spind des Grafen darauf zu achten, dass seine Unterhosen und die sonstige Wäsche sauber und gerade auf Kante gestapelt waren. Wehe, wenn ein Wäschestück auch nur einen halben Zentimeter aus der Senkrechten gerutscht war. Dann konnte es z.B. heißen: "Alle Klamotten rausreißen, in zehn Minuten neuer Spindappell !" Heute revanchierte sich der Graf dafür, dass ich damals wohl nicht allzu hart mit ihm und seinen Stubengenossen umging: Er kam vom VIP-Tisch zu mir rüber und sagte: „Komm mal mit, das bringen wir in Ordnung!" Der Präsident hatte inzwischen bei einer bayrischen oder sächsischen Gruppe Platz genommen. Die Bodygards machten keine Schwierigkeiten und mein Freund Maini sagte zum Präsidenten: „Der jungen Mann hier kriegt Trouble mit seiner Lokalzeitung, wenn seine Frau nicht ein vernünftiges Foto abliefert." Es war wohl der berühmte Vorführeffekt, dass die Kamera genau in diesem Moment nicht funktioniert, aber Glück muss man haben: Ein junger Fotograf, Kristoffer Finn, sprang ein und stellte Arnold Kirchner das Foto zur Verfügung, so dass auch die ECHO-Leser in den Genuss dieser netten Aufnahme kommen. „Ansonsten war das ein wunderbarer Tag in fröhlicher und gelöster Stimmung, Berliner Luft wie Samt und Seide. Selbst die Bodygards lächelten freundlich, wenn sie mal jemanden zurecht rücken mussten, der sich mit Rasierklingen an den Ellenbogen an den Präsidenten drängeln wollte", betont Arnold Kirchner, wie sehr er diesen besonderen Tag genossen hat. Und hier sein Gedicht im Original, das er dem Präsidenten in einer von dem Wedemärker Layoutexperten Helmut Winkler mit dem Bundesadler aufbereiteten Version überreichte:
Wünsche an den Präsidenten und Visionen für Deutschland
zur Tafel der Demokratie am 20. August 2010
aus Wedemark, dem Tor zur Heide

von Arnold Kirchner

Wenn ein deutscher Präsident
ausgleicht, was die Bürger trennt,
die, die leiten, die, die dienen,
auch die Schwarzen, Roten, Grünen,
die, die in „Ost-West“ noch denken,
kann er die zur Eintracht lenken,
dann verdient der Präsident,
dass man ihn 'versöhnlich' nennt.

Wenn ein deutscher Präsident
würdevoll wie ein Regent
fremde Ehrenfront abschreitet,
doch dabei den Weg bereitet
zu den Herzen jenes Landes,
durch ein Lächeln des Verstandes,
dann verdient der Präsident,
dass man ihn 'befähigt' nennt,

Wenn er einen Gast empfängt
und erreicht, dass dieser denkt:
"Deutschland kann ein guter Freund sein,
Deutschland wird nie wieder Feind sein",
dann verdient der Präsident,
dass man ihn 'grundehrlich' nennt.


Wenn ein deutscher Präsident
fröhlich mit den Kindern lacht,
alten Menschen Freude macht,
Mut bringt und Vertrauen schafft
in die deutsche Arbeitskraft,
dann verdient der Präsident,
dass man ihn auch 'volksnah' nennt.

Wenn ein deutscher Präsident
warnt, weil er Gefahr erkennt,
die Parteien überspielen,
weil sie auf die Wahlen schielen,
dann verdient der Präsident,
dass man ihn auch 'mutig' nennt.

Alles dieses und noch mehr
wünsch' ich Christian Wulff nun sehr
…..und den Bürgern unsres Landes!

Er sei Knüpfer eines Bandes
zwischen allen, die hier leben
und dem Land die Kräfte geben,
die es braucht, um zu bestehen
und die Zukunft froh zu sehen.