„Eine Reise, die ihr Leben veränderte“

Hanna mit einem der Kinder, die sie betreute.
 
Hanna bei der Küchenarbeit.

Bengt-Pflughaupt-Preis für Jhana Nelles Reportage über Hanna Hölkers Arbeit in Mexiko

Das Flugzeug für den Rückflug nach Deutschland bewegt sich langsam über die Rollbahn hin zur Startlinie in New Mexiko. Allmählich werden die Turbinen lauter und der Körper der Boing 747 fängt an zu zittern. Sie gewinnt immer mehr an Geschwindigkeit und dann ist der Moment gekommen, in dem die Passagiere denken, ihr Magen sei noch auf der Rollbahn. Während die Insassen in ihre Sitze gepresst werden, hebt sich die Boing 747 majestätisch in die Luft.
,,Meine Damen und Herren, sie können nun ihre Gurte entfernen. Ladys and Gentlemen …“ Der Rest des Satzes einer Stewardess geht in allgemeinem Gemurmel unter. Kleine Kinder drücken ihre Nasen platt an die Scheiben, um auf keinen Fall etwas zu verpassen, eine alte Oma rückt ihren Rock zurecht und setzt sich gemütlich mit einer Zeitschrift in der Hand, hin, eine junges Mädchen ist in den Armen der Mutter eingeschlafen, an einer Fensterseite sitzt eine junge Frau- Hanna Hölker. Eine blonde Locke löst sich aus ihrem Pferdeschwanz und fällt ihr über die gebräunte Wange. Nachdenklich blickt sie aus dem Fenster. Das Gefühl des Startes ist ihr schon bekannt. Sie muss ein bisschen schmunzeln, als sie sich an den Hinflug nach Mexiko vor einem Jahr am 27. August. 2007 erinnert. Damals war sie noch angespannt in den Flieger gestiegen, der sie für ein Jahr von ihrer Familie und den Freunden trennte. Alles fing damals mit einer Werbung von ADRA (Adventist Development and Relief Agency) für ein freiwilliges soziales Jahr an. Nach dem Beenden des Abiturs wollte Hanna sich nicht ganz normal in einer Uni einschreiben, da sie vom Lernen genug hatte und praktische Erfahrungen sammeln wollte. Spontan reichte sie bei ADRA ihre Anmeldung mit Lebenslauf und einem Motivationsschreiben - natürlich auf Englisch – ein. Schnell stand ein Bewerbungsgespräch an und schon nach 2 Wochen wusste sie, dass sie nächstes Jahr im Bundesstaat Sonora in Mexiko in einem Kinderheim arbeiten sollte.
Ein Vorbereitungsseminar warf bewusst Fragen auf: Was passiert, wenn sie krank werden würde? Was, wenn sie die Sprache nicht lernen könnte? Was, wenn sie ihre Familie zu stark vermissen würde? Alle diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie in das Flugzeug einstieg und eine Reise antrat, die ihr Leben veränderte. Aber ihr Entschluss stand fest. Zwar angespannt, aber sie flog damals. Schon an der Bahnstation, wo niemand sie erwartete, wurde klar: Hanna brauchte Durchhaltevermögen. Sie war auf sich allein gestellt. Aber auch das begegnete ihr: Eine bis dahin nicht gekannte Herzlichkeit, mit der sie von der Gastfamilie aufgenommen wurde. Nun kam der arbeitsreiche Alltag: Morgens um 5. 30 Aufstehen. Nach einem Frühstück in der Gastfamilie fuhr sie zu dem Kinderheim und bereitete das Frühstück vor. Bis mittags waren die Kinder in der Schule und Hanna hatte Zeit, das Mittagsessen vorzubereiten und die Küche zu putzen. Nach dem Mittagsessen musste alles wieder gewaschen werden und danach war die Hausaufgabenzeit. Wo Hilfe gebraucht wurde, war Hanna zur Stelle und erklärte, machte vor und wischte Tränen ab, die durch eine schlechte Note oder ein aufgeschürftes Knie nicht mehr enden wollten. Zusätzlich kam das Wäsche waschen. Abends dann der Kontrollgang, um alles geordnet abzuschließen. Man kann sich vorstellen, wie müde Hanna nach Rückkehr in die Gastfamilie Abend für Abend ins Bett fiel. Aber lange blieb es nicht bei einem geregeltem Ablauf. Ein Hurrikan bahnte sich seinen Weg durch Nawoja und durch das Kinderheim, in dem Hanna arbeitete, und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Weil sie beim Wiederaufbau nicht mithelfen konnte, wurde sie um Mithilfe in einem anderen Kinderheim gebeten. Bei aller Arbeit und Gefahr, unvergessen bleiben die kleinen Momente der gefühlten Sinnerfüllung: ein kleines Kind, dass Hanna lächelnd in den Arm nehmen konnte, die Versuche, den Kindern Worte in einer anderen Sprache beizubringen, eine gelungene Feier für die Kinder nach mexikanischer Tradition vorzubereiten oder einfach nur, wenn ein Kind ihre Hand nahm. Für die Erholung war der Kurzurlaub in dem Staat Chiwawa in der Stadt Kreel gut. Dort war sie mit anderen jungen Leuten zusammen, die sich auch für ein Jahr in Mexiko entschieden hatten, auf einer Ranch untergebracht. Während eines Tagesausrittes ging der sonst schon Pferde begeisterten Hanna das Herz auf. Wenn sie an die Zeit zurückdachte, als sie neben Wasserfällen und auf hohen Bergen ritt, wurde ihr bewusst, dass es sich gelohnt hatte, über den eigenen Schatten zu springen und neue Erfahrungen zu machen, auch wenn sie in diesem Jahr bis an die eigenen Grenzen gegangen war. Spätesten als Hanna an die drei singenden Mexikaner unter ihrem Fenster der Gastfamilie denkt, kommt ein Lächeln auf ihre Lippen und eine leichte Röte breitet sich auf ihren Wangen aus. Ja, sie ist sich sicher. Dies war nicht ihre letzte Reise und amüsiert betrachtet sie ihre Füße. „Beim nächsten Mal nehme ich einen ganzen Vorrat an Flip-Flops mit.“