Eltern kämpfen für die Förderschule

Sehen die Voraussetzungen für eine Fortführung der Berthold-Otto-Schule durchaus gegeben: Gemeindeelternratsvorsitzender Mario Stumpf und die Schulelternratsvorsitzende Anja Nußbicker. Foto: A. Wiese

Brief an die Landesschulbehörde und Bitte um Hilfe an Landtagsabgeordnete

Wedemark (awi). Nach der Freude über die politische Einmütigkeit im Bildungsausschss für die Fortführung und den Bestandsschutz für die Berthold-Otto-Förderschule mit Schwerpunkt Lernen kam für die Eltern und Lehrer der Schule ganz schnell die Ernüchterung: Bürgermeister Helge Zychlinski erklärte, die Verwaltung habe den Antrag zwar wie politisch beschlossen gestellt, er sehe aber keine Chance auf Genehmigung durch die Landesschulbehörde, weil die rechtlichen Voraussetzungen nicht gegeben seinen.
Rechtliche Voraussetzungen – das bedeutet unter anderem, dass pro Jahrgang 13 Schüler eingeschult werden sollten. Die Betonung liegt auf „sollten“, sagen die Schulelternratsvorsitzende Anja Nußbicker und Gemeindeelternratsvorsitzender Mario Stumpf, von Haus aus Jurist. Auch in der Vergangenheit seien diese Zahlen nicht erreicht worden und niemand habe sich daran gestört, bestätigt der kommissarische Schulleiter Günter Brauer im Gespräch. Auch Zychlinskis Aussage, durch die Nutzung des Schulgebäudes für den Kindergarten und das Mehrgenerationenhaus seien die Vorgaben für die Fachräume nicht mehr erfüllt, kann Brauer so nicht bestätigen. In der zur Zeit auslaufenden Schule gebe es noch drei Klassen mit eigenen Räumen, ein vierter steht zur Verfügung. Die Schüler haben einen Kunstraum, eine Küche, einen Werkraum, einen Tonraum und einen Raum, in dem sie Musik machen können. Dafür werde aber auch oft die Agora genutzt. Der bisherige Musik-raum wurde zum Schuljahresende als Bewegungsraum an den Kindergarten übergeben.
Die Umfrage unter den Eltern der Grundschüler, auf die sich der Bürgermeister bezogen hat, ist für Anja Nußbicker und Mario Stumpf nicht repräsentativ. Sie können sich nicht vorstellen, dass nicht ein einziges Elternteil die Beschulung auf der Förderschule in Erwägung zieht und sind darüberhinaus der Meinung, dass die Schüler mit Förderbedarf, die mittlerweile die weiterführenden Regelschulen in der Wedemark besuchen, zum Teil auch wieder zurück auf die Förderschule gehen würden, wenn diese wieder Bestandsschutz habe. „Die Zahlen sprechen für sich“, so Anja Nußbicker und verweist auf die Entwicklung der Schülerzahlen mit Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt Lernen in der Wedemark, die ihr vorliegen. Danach besuchen im aktuellen Schuljahr 2017/2018 insgesamt 71 Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen die weiterführenden Schulen: 18 die Berthold-Otto-Schule, vier die Realschule, 14 die ebenfalls auslaufende Hauptschule und 35 die IGS. Im vierten Jahrgang der Grundschule gibt es nach dieser Auflistung acht Schüler mit dem genannten Förderschwerpunkt, im zweiten und dritten Jahrgang neun. Im Schuljahr 2016/17 waren es an den weiterführenden Schulen 53 Schüler mit Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt Lernen, also 18 weniger. Dazu komme, dass in den Nachkommunen Langenhagen und Burgwedel die Förderschulen nach politischem Beschluss ebenfalls ausliefen, es hier aber trotz der Gesetzesänderung auf Landesebene keine politische Iniitative zur Fortführung gebe. Man könne also durchaus davon ausgehen, dass Eltern aus Burgwedel und Langenhagen das Angebot einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in der Wedemark nutzen würden, so dass die angestrebte Schülerzahl pro Jahrgang gar nicht mehr so unrea-
listisch erscheine.
Anja Nußbicker hat im Namen des Elternrates der Berthold-Otto-Schule ein Schreiben an die Landesschulbehörde geschickt. Darin betont sie, dass das Gremium die Möglichkeit der inklusiven Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf Lernen durchaus befürtwortet, fordert aber zugleich, den Eltern die Wahlfreiheit, wie sie alle Eltern von Kindern mit Unterstützungsbedarf anderer Schwerpunkte in ganz Niedersachsen haben, zurückzugeben und die Berthold-Otto-Schule (BOS) in der Wedemark zu erhalten. Die BOS habe nämlich als einzige Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in dieser Region ein Ganztagsangebot und genieße über die Gemeindegrenzen hinaus einen ausgezeichneten Ruf. Der Großteil der Schülerschaft der BOS erreiche nach erfolgreicher Absolvierung der Förderschule, zusätzlich noch den Hauptschulabschluss und damit eine andere Pers-
pektive als zum Beispiel HARTZ IV. Trotz allem Bemühen seitens der Lehrer und Eltern, sei der Versuch der inklusiven Beschulung überwiegend erfolglos. Die Bedingungen für eine gut funktionierende Inklusion sei derzeit nach Ansicht der betroffenen Eltern noch nicht ausreichend geschaffen. Die Klassen in den Regelschulen seien zu groß, die Lehrerzahlen zu knapp und es stünden auch keine zusätzlichen Differenzierungsräume zur Verfügung, führt Nußbicker unter anderem in ihrem ausführlichen Schreiben aus. Der Gemeindeelternrat werde noch in diesen Tagen ebenfalls die LSB anschreiben, bestätigte Vorsitzender Mario Stumpf im Gespräch am Dienstag. Er werde zudem den Kontakt mit Elternvertretern der Nachbarkommunen suchen. Anja Nußbicker hat sich mittlerweile an die Landtagsabgeordnete Editha Westmann (CDU) und Rüdiger Kauroff (SPD) mit der Bitte um Unterstützung ihres Anliegens auf Landesebene durch die große Koalition gewandt. Westmann hatte bei ihrem Ausscheiden aus dem Rat vor wenigen Wochen ausdrücklich betont, dass ihr die Fortführung der Berthold-Otto-Schule sehr am Herzen liege und ihre Ratskollegen gebeten, sich für den Bestand stark zu machen.