Erinnerungskultur ist Verantwortungskultur

Freuen sich über ein erfolgreich verlaufendes Geschichts-Symposium: Bürgermeister Helge Zychlinski (von links), Martin Stöber, Otto Hemme, Professor Carl-Hans Hauptmeyer, Sabine Paehr, Professor Rolf Wernstedt und Franz Rainer Enste. Foto: B. Stache
 
Franz Rainer Enste (links) und Martin Stöber präsentieren einen Vorschlag für den Gedenktafel-Text zur Erinnerung „an alle Verfolgten und Opfergruppen des verbrecherischen Regimes des Deutschlands der Jahre 1933 bis 1945“. Foto: B. Stache
 
Bürgermeister Helge Zychlinski (rechts) bedankt sich bei Franz Rainer Enste für dessen Engagement beim Projekt „Geschichte der Wedemark 1930 bis 1950“. Foto: B. Stache

Zweites Symposium gibt Einblicke in die Wedemark von 1930 bis 1950

Bissendorf (st). „Erinnerungskultur ist Verantwortungskultur – und sie hört nie auf.“ Mit diesen mahnenden Worten beendete Professor Rolf Wernstedt seinen informativen und tiefgründigen Vortrag über das Thema „Die Kultur der Erinnerung“. Der Landtagspräsident a.D. und frühere Niedersächsische Kultusminister war Gastredner beim zweiten Symposium im Rahmen des Projekts „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“. Bürgermeister Helge Zychlinski hatte dazu am Donnerstagnachmittag in das Bürgerhaus nach Bissendorf eingeladen. „Alltag in der Diktatur – Erinnerungen an das dörfliche Leben in der Wedemark“ lautete das Motto des Symposiums. In dessen Verlauf wurde Band drei aus der Wedemärker Geschichtsreihe vorgestellt: „Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in den Dörfern der heutigen Wedemark“. Viele Ehrenamtliche und Schüler des Gymnasiums Mellendorf haben gemeinsam mit Geschichtsprofis diese Historie aufgearbeitet und präsentieren ihre Ergebnisse in Buchform. Zu Beginn seiner Begrüßungsansprache bedankte sich der Bürgermeister bei Franz Rainer Enste, der vor mehr als drei Jahren die Koordination des Projekts „Geschichte der Wedemark 1930 bis 1950“ übernommen hatte. „Ein Mammutprojekt, das ganz wesentlich deiner ehrenamtlichen Arbeitsleistung geschuldet ist. Das ist im besten Sinne bürgerschaftliches Engagement. Die Aufarbeitung der Geschichte 1930 bis 1950 wird immer mit deinem Namen verbunden sein“, lobte Helge Zychlinski und überreichte Franz Rainer Enste Eintrittskarten für ein politisches Kabarett. In seiner viel beachteten Rede erinnerte der Bürgermeister an den 9. November als einen bedeutenden Tag in der deutschen Geschichte: Vor 99 Jahren wurde in Berlin die Republik ausgerufen und die Weimarer Republik begründet, 1938 Reichspogromnacht, 1967 sichtbarer Studentenprotest in Hamburg mit dem Banner „Unter den Talaren Muff von 1.000 Jahren“ sowie 1989 der „historische Versprecher“ von Günter Schabowski, der bei der Vorstellung des neuen DDR-Reisegesetzes zur sofortigen Grenzöffnung führte. „Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte mahnt uns für die Zukunft“, formulierte Helge Zychlinski. Er fand besorgte Worte gegen zunehmenden Rechtspopulismus in Deutschland. „Die Mechanismen und die Rhetorik der Populisten sind ähnlich gestrickt – damals wie heute.“ Zuversichtlich stimme ihn aber, dass sich bei der letzten Wahl mehr als 88 Prozent der Wedemärker Wähler gegen Parteien ausgesprochen hätten, „die dem rassistischen und fremdenfeindlichen Spektrum nahestehen.“ Der Bürgermeister lobte das vielfältige, auch ehrenamtliche Engagement der Wedemärker, unter anderem im aktuellen Geschichtsprojekt, aber auch in der Flüchtlingshilfe und der Kirche. Als zweiter Redner berichtete Martin Stöber vom Niedersächsischen Institut für Historische Regionalforschung e. V. über die Forschungsarbeiten zur Situation der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in der Wedemark. Er erinnerte mit einer Übersicht beispielhaft an vier unterschiedliche Schicksale: An einen französischen Kriegsgefangenen, der 1942 in Brelingen erhängt wurde, einen sowjetischen Kriegsgefangenen, der 1944 bei einem Autounfall in Mellendorf ums Leben gekommen ist, einen polnischen Zwangsarbeiter, verstorben im Januar 1945 in Duden-Rodenbostel an einer Lungenentzündung, sowie ein polnisches Kind, das in einer Unterkunft für Zwangsarbeiter in Großburgwedel 1944 noch im ersten Lebensmonat verstarb. „Das Nennen ihrer Namen soll vor dem Vergessen bewahren“, führte Martin Stöber aus. Dazu schlug er vor, drei Erinnerungstafeln in der Wedemark am Rathaus sowie auf den Friedhöfen in Elze und Mellendorf zu platzieren. Martin Stöber präsentierte eine solche Tafel und zitierte Eingangszeilen und den Schlusstext. Die endgültige Entscheidung über Textfassung, Layout und Aufstellungsorte werden die zuständigen Entscheidungsträger der Gemeinde treffen. Historikerin Sabine Paehr beschrieb anschließend die Entwicklung der politischen Parteien in den Jahren der Weimarer Republik. Sie spannte den Bogen zur Reichstagswahl 1933 und zeigte dazu die Wahlergebnisse in einzelnen Dörfern der Wedemark auf. „Die genauen Ergebnisse sind in diesem Buch nachlesbar“, erklärte sie mit Hinweis auf Band drei der Wedemärker Geschichtsreihe. Gemeinsam mit Professor Carl-Hans Hauptmeyer, Gründer des Niedersächsischen Instituts für Historische Regionalforschung, überreichte Sabine Paehr das erste Exemplar der Neuerscheinung an Bürgermeister Helge Zychlinski. Professor Carl-Hans Hauptmeyer hatte zuvor über die Entwicklung in den Gemeinden bis hin zu politischen Strukturen in der Weimarer Republik referiert. Sehr anschaulich präsentierte anschließend Otto Hemme aus Elze den Sachstand zum neuen Buchprojekt „Leben in einem deutschen Dorf von 1930 bis 1950“. Für die Geschichte über einen abgestürzten amerikanischen Luftwaffensoldaten am 8. März 1944 am Ortsrand von Elze hatte Otto Hemme einen Original-Fallschirm – aus Seide – mitgebracht. „Dies ist der Fallschirm, aus dem das Brautkleid für meine Mutter entstanden ist“, erklärte er. Nach der Buchpräsentation übergab Hauptmeyer das Manuskript zum Band vier an den Bürgermeister. Für den musikalischen Rahmen beim Symposium sorgte die Musikschule Wedemark. Vier Mitglieder traten als „Saxophonics“ auf mit den Stücken „Lioness“ und zum Abschluss „Bohemian Rhapsody“. Zuvor hatte Sängerin Laura Tamak die Gäste mit „The Climb“ und „Last Boy“ erfreut und wurde dabei von Musikschullehrerin Nora Dervishi am Keyboard begleitet. Musikschülerin Katharina Grund begeisterte mit ihrem Geigenspiel „Brazil“. Der Bürgermeister dankte allen am Symposium Beteiligten und schenkte den Schülern der Musikschule Kinogutscheine. Er richtete seinen Dank auch an die Mitarbeiter im Rathaus, die nicht im Focus dieser Veranstaltung standen, sich aber für das Geschichtsprojekt besonders engagierten. Das dritte Symposium wird es am Montag, 29. Januar 2018, im Forum des Schulzentrums der Gemeinde Wedemark geben, kündigte Helge Zychlinski an. Dort wird es besonders um die Arbeit der Schülerinnen und Schüler gehen, die sich im Fach Geschichte mit der Thematik beschäftigt haben und deren Ergebnisse in Band vier zu lesen sein werden. Das zweite Symposium im Bürgerhaus endete mit einem Imbiss und vielen angeregten Gesprächen.