Erst Kinderdemo, dann Kompromiss

Auch Christiane Freude von der Unicef trat am Montagabend bei der von den Anliegern aus Bissendorf-West initiierten „Kinderdemo“ ans Rednerpult und beschwor die Politiker bezüglich des Verkehrsflusses Diersrahe-Bissendorf-West eine Entscheidung zum Wohl der Kinder zu fällen. Foto: A. Wiese
 
Am Ende der Kinder-Bürgerdemonstration vor dem Bürgerhaus kamen dann am Montagabend auch noch einmal die Kinder zu Wort: mit Plakaten und am Mikrofon. Foto: A. Wiese

Ortsbürgermeisterin und Anlieger machen jeweils Zugeständnisse

Bissendorf (awi). „Es muss ein Ende haben. Seit vier Wochen wird geredet, es werden Vorschläge gemacht und wieder abgelehnt. So geht das nicht weiter.“ So formulierte es ein Anlieger in der Ortsratssitzung am Montagabend. Und zumindest in diesem Punkt sind sich Anlieger und Politiker einig. Es muss ein Ende haben und eine Entscheidung zum Verkehrsfluss zwischen geplantem Baugebiet Diersrahe und bestehendem Baugebiet Bissendorf-West getroffen werden, die nicht nur auf Zeit gilt. Der vom Ortsrat mehrheitlich getragene Beschluss lautet jetzt: Schließung der Durchfahrt Diersrahe-Bissendorf-West währen der Bauzeit (etwa drei Jahre) und anschließend Rücknahme dieser Schließung, aber parallel Schließung des Dieter-Mysegades-Weges in Höhe des Penny-Marktes.
Dafür nahmen sich am Ende beide Seiten – Ortsbürgermeisterin Susanne Brakelmann und die Anlieger – zurück und gingen aufeinander zu. Und auf beiden Seiten gibt es nach wie vor jemanden, der die Intention des anderen nicht nachvollziehen kann, das machten Statements einiger Anlieger ebenso deutlich wie die Gegenstimme von dem Ortsratsmitglied Horst Menze von den Grünen und die Enthaltung von CDU-Ortsratsmitglied Susanne Kopp. SPD-Ortsratsmitglied Rainer Fischer gab für sich und seine Parteigenossin Gitta Jansen als Erklärung ab, dass man dem aktuellen Vorschlag von Susanne Brakelmann zustimmen werde. Ursprünglich habe die SPD eine andere Meinung gehabt, sei damit aber unterlegen, habe in den letzten Tagen viele Gespräche geführt und sei jetzt zu dem Schluss gekommen, mit dem aktuellen Beschluss auch den Anliegern gerecht werden zu können. Die hatten ihre Wünsche vor der Ortsratssitzung am Montagabend vor dem Bürgerhaus mit einer eindrucksvoll inszenierten Kinder- und Bürgerdemonstration vorgetragen. „Ja zur Sicherheit der Kinder“, “Rettet unsere Spielstraße“, „Kinder an die Macht“ – so und anders lauteten die Aufschriften auf den Schildern, die die Kinder auf der Treppe des Bürgerhauses hochhielten, vor der sie mit Straßenkreide eine Spielstraße aufgemalt hatten. Am Rednerpult wechselten sich derweil die Wortführer ab. Christiane Freude von der Unicef trug das Grußwort von Holger Hofmann, Leiter des Deutschen Kinderhilfswerks vor, und forderte in dessen Namen die örtlichen Entscheidungsträger auf, die Interessen von Kindern im Zusammenhang mit der Ost-West-Anbindung Diersrahe/Bissendorf-West nicht aus den Augen zu verlieren. Der betroffene verkehrsberuhigte Bereich schaffe in besonderem Maße positive Lebensbedingungen für Kinder und ihre Familien und sei Kennzeichen einer kinderfreundlichen Kommune. Und zu dieser Zielsetzung habe sich die Wedemark ja erst vor kurzem mit dem Siegel bekannt und „es wäre tragisch, wenn das Erreichte fast in einem Atemzug unter die Räder käme“, ließ Hofmann ausrichten. Das Spiel im Freien sei in besonders ausgeprägter Weise ein selbstbestimmtes Lernen mit allen Sinnen, mit starker emotionaler Beteiligung, mit geistigem und körperlichem Einsatz. Hofmann und Chris-
tiane Freude als Vertreterin vor Ort appellierten an die Mandatsträger in der Wedemark: „Richten Sie Ihre Entscheidungen an den Werten und Maßstäben der kinderfreundlichen Kommunen aus, um lebenswerte Wohnumfelder in Ihrer Gemeinde zuschaffen, in denen sich alle Bewohner geborgen fühlen und Kinder sich bestmöglich entfalten können.“ Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Caren Marks ließ von ihrer Mitarbeiterin und SPD-Ratsfrau Rebecca Schamber ein Grußwort vortragen: „Wir stehen hier heute, weil es den Plan gibt, eine verkehrsberuhigte Straße zu einer Durchfahrtsstraße zu machen. Ich halte das für keine gute Idee.“
Eine Spielstraße solle eine Spielstraße bleiben, so Marks in ihrem Grußwort. Gerade im Hinblick darauf, dass die Gemeinde Wedemark kürzlich das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ erhalten habe, finde sie es unverständlich, dass dies in der Vorlage zum Bebauungsplan Diersrahe scheinbar keine Berücksichtigung gefunden habe. In Bissendorf sei die Verkehrssituation sehr angespannt. Ziel müsse es sein, Verkehrsströme bestmöglich zu lenken. Ein Verkehrskonzept sei daher sicher der richtige Ansatz, um eine bestmögliche Situation für alle Bissendorfer zu finden und nicht aktuell für die Dieter-Mysegades- und Ursula-Greve-Wege, bezog sich Marks auf den bisher ausgehandelten
Koalitionskompromiss zwischen CDU und SPD-Gemeinderatsfraktion. Diesen, der vorsah, dass die Situation nach der Bauphase neu bewertet werden solle, hatten die Anlieger jedoch nicht akzeptiert (das ECHO berichtete). Ortsbürger-
meisterin Susanne Brakelmann hatte daraufhin gestern bereits vor der Kinder-Bürger-Demo im Vorfeld der Ortsratssitzung ihren neuen Vorschlag vorgelegt, der nach der Bauphase die definitive Sperrung des Dieter-Mysegades-Weges in Höhe des Penny-Marktes vorsehe und dem der Ortsrat schließlich unter dem Punkt Anträge mehrheitlich zugestimmt hatte. Brakelmann betonte noch einmal ausdrücklich, dass der Ortsratsbeschluss nur Empfehlungscharakter habe. Als nächstes wird sich voraussichtlich der Fachausschuss für Planen und Bauen in seiner Sitzung am 2. Mai mit der Thematik befassen. Ortsbürgermeisterin Susanne Brakelmann begründete ihre Intention für den neuen Antrag damit, sie wolle auf jeden Fall verhindern, dass die beiden Gebiete Diersrahe und Bissendorf-West separate, von einander getrennte Bereiche würden. Genau das sehe sie jedoch als gegeben an, wenn es zwischen beiden auf Dauer lediglich eine fuß- und radläufige Verbindung gebe. Die Sperrung des Dieter-Mysegades-Weges, der dazu führe, dass auch Bissendorf-West dann ausschließlich über die neue Straße Diersrahe beziehungsweise von Süden aus vom Langen Acker erschlossen werden könne, sei für sie das kleinere Übel, um den Anliegern entgegenzukommen und ihnen die Angst zu nehmen, die Straße könnte zur Durchfahrtsstraße und Rennbahn werden. Überzeugt wirkten die meisten Anlieger am Ende zwar nicht, aber überredet, wie es so heißt. Sie bezweifelten in ihren Redebeiträgen allerdings, dass man mit den Anliegern aus dem neuen Gebiet Diersrahe gut zusammenwachsen könne, wenn diese nun den kompletten Erschließungsverkehr von beiden Baugebieten zu verkraften hätten. Diese Straße werde aber für eine solche Nutzung ausgelegt und unter anderem mit zwei Bürgersteigen ausgestattet, argumentierte Ortsbürgermeisterin Brakelmann dagegen und zudem wüssten die Anlieger im Vorfeld, worauf sie sich einstellen müssten.