Europafest in der Wedemark

Bundespräsident a.D. Christian Wulff (von links), Bernd Lange, Burkhard Balz, Barbara Deitenbeck, Helge Zychlinski und Bernd Wolf haben sich zur Europahymne von ihren Plätzen erhoben. Foto: Bernd Stache
 
Bürgermeister Helge Zychlinski bei seiner Ansprache zum Europafest der Europa-Union im Forum Campus W. Foto: Bernd Stache

Bundespräsident a. D. Christian Wulff hält beeindruckende Festrede im Forum

Mellendorf (st). „Es ist unser Anliegen, dass wir unsere Sorge über Europa zum Ausdruck bringen, denn diese separatistischen und nationalistischen Tendenzen, die wir heute haben, beunruhigen uns natürlich. Wir müssen versuchen, Europa positiv zu gestalten, positiv zu denken, auch die Jugend anzusprechen und deutlich sagen: Wir brauchen Europa“, erklärte Barbara Deitenbeck, Organisatorin der überparteilichen Wedemärker Initiativgruppe „Bürgerinitiative Europa-Kundgebung“. Ihre Gedanken, sich für Europa stark zu machen, hatte Bernd Wolf, 1. Vorsitzender der Europa-Union Niedersachen, Kreisverband Hannover, aufgegriffen und am Sonnabend als Veranstalter zum Europafest auf dem Campus W nach Mellendorf eingeladen. Viele Europafahnen schmückten den Campus, auf einer großen Bühne und dem Platz gab es Musikdarbietungen und allerlei Unterhaltung unter dem Motto: Spaß und Spiel für die ganze Familie. Bei schönstem Sonnenschein mit dem Akkordeon-Orchester Wedemark, Fahnentanz der Montessori-Schule, Forward Jazz, Percussion tonal, Malaktionen, Speakers Corner, Speisen und Getränken und  vielen Gesprächen über Europa und mehr. Der Veranstaltungsreigen wurde mit einer Feierstunde im Forum Campus W eingeleitet. Nach seiner Begrüßung übernahm Bernd Wolf auch die Moderation. In ihrer Ansprache betonte Barbara Deitenbeck „Europa ist nicht selbstverständlich. Es lohnt sich, für Europa auf die Straße zu gehen und Flagge zu zeigen. Europa ist unsere Zukunft!“ Als zweiter Redner machte sich auch Bürgermeister Helge Zychlinski für Europa stark. „Ich kann es nicht ertragen, wenn Europa infrage gestellt wird.“ Deutschland profitiere sehr von Europa. Es liege im Interesse unseres Landes und unserer Gemeinde, zu Europa zu stehen. Zwischen den Wortbeiträgen der Gastredner spielte das Jugendblasorchester und trug damit zusätzlich zum feierlichen Rahmen bei. Bernd Wolf stellte in seiner Rede kurz die Arbeit der Europa-Union vor und sprach über das Thema „Leben in Europa“. Ihm folgte Wolfgang Lange von der Europäischen Wirtschaftlichen Interessenvereinigung mit einem Beitrag über das Zusammenwachsen Europas auf der Unternehmerebene. Souverän präsentierte sich Gymnasiastin Leonie Gelhaar auf dem Podium dem Publikum. Die Schülerin hatte Fragen von Mitschülern gesammelt und stellte diese sehr selbstbewusst an die beiden Europaabgeordneten Burkhard Balz, der im Europäischen Parlament für die CDU Niedersachsen sitzt, und Bernd Lange (SPD). In der angeregten Gesprächsrunde wurde auch das Thema Nationalismus erörtert. Auf die abschließende Frage von Leonie Gelhaar nach der Zukunft der Europäischen Union antwortete Bernd Lange: „Ich sehe eine positive Zukunft für die EU“. Ebenso positiv setzte sich auch Bundespräsident a.D. Christian Wulff für den europäischen Gedanken ein. Der 58-Jährige hielt eine viel beachtete, überzeugende Festrede und ein Plädoyer für Europa. Als Einstieg für seine Rede nutzte er den Scorpions-Titel „Wind of Change“ – mit Hinweis auf die Veränderungen in der damaligen Sowjetunion und die Hoffnungen der Menschen auf Demokratie überall auf der Welt. „Es ist anders gekommen. 2017/2018 hat man erneut das Gefühl eines Wind of Change, aber in Richtung Egoismus, Nationalismus, Protektionismus – alles, bis hin zum Hass.“ Es gebe keine Garantie dafür, dass unsere Gesellschaften liberal bleiben, dass Minderheiten geachtet werden und die Demokratie breiten Rückhalt erhält. Es mache sich immer mehr Egoismus breit – in der Gesellschaft und bei so manchem Staatsoberhaut, führte der frühere Bundespräsident aus. Zum Verständnis europäischer Demokratie gehöre die Wahrung der Menschenrechte, Vielfalt, Minderheitenrecht, Oppositionsrecht, Gewaltenteilung, Unabhängigkeit der Justiz und Pressefreiheit. Diese demokratischen Werte würden in immer mehr Ländern nicht mehr gelten, beziehungsweise immer mehr in Frage gestellt. Es braucht Demokraten, die sich dieser Bewegung entgegenstellen, mahnte Christian Wulff. Die Menschen seien verunsichert. Dafür nannte er drei Gründe, die ihm plausibel erscheinen und die er im Einzelnen mit gut ausgewählten Zitaten erläuterte: weltweiter Terrorismus, Missbräuche in der Globalisierung und unbewältigte Digitalisierung. „Wenn wir allem und jedem misstrauen, dann verändert das unsere Zivilisation, unsere Gesellschaft“, mahnte er. Deutschland sei seit Jahrhunderten ein Land der Vielfalt, machte Christian Wulff mit Hinweis auf Einwanderung und Zuwanderung sowie die Übernahme fremder Einflüsse deutlich, wofür er spontanen Applaus erhielt. Die Tendenz der Abschottung, „Wir wollen unter uns bleiben“, enthalte gefährliche Elemente. „Was glauben Sie, wie viele Probleme auf unserer Welt sofort gelöst wären, wenn wir alle Menschen so behandeln würden, wie wir selber gerne behandelt werden“, gab Christian Wulff unter Hinweis auf seine Tätigkeit als Vorsitzender der Deutschlandstiftung Integration zu bedenken. Er erinnerte auch an 70 Jahre Frieden in der Europäischen Union (EU), während es in Europa Kriege gegeben hat, auf dem Balkan, der Ukraine oder in Georgien. Angesprochen hatte er auch die Aufgaben der EU bei der Steuerung von Flüchtlingen und die Sicherung der EU-Außengrenze. Christian Wulff erwies sich – wie alle seine Vorredner – als leidenschaftlicher Europäer. Zum Abschluss der Feierstunde erklang die Europahymne, zu der sich alle von ihren Plätzen erhoben. Das Europafest fand seine Fortsetzung im Freien auf dem Campus W. Bundespräsident a.D. Christian Wulff trug sich im Rathaus in das Goldene Buch ein – zur Erinnerung an seinen Besuch in der Wedemark.