Euthanasie und Zwangssterilisation

Stellvertretender Regionspräsident Michael Dette (von links), Bürgermeister Helge Zychlinski, Landtagspräsident a.D. Jürgen Gansäuer und Franz Rainer Enste beim 3. Symposium im Forum Campus W. Foto: B. Stache
 
Sabine Paehr stellt den fünften Band der Wedemärker Geschichtsreihe mit dem Titel „Kinder- und Jugendzeit in der Wedemark“ vor. Foto: B. Stache

Gymnasiasten berichten über Ermordung behinderter Menschen im Nationalsozialismus

Mellendorf (st). Herr S. aus Hellendorf, Herr G., Frau D. und Herr B. – sie allen stammten aus der Wedemark und sie alle wurden Opfer von Euthanasie oder Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Die Schicksale dieser Menschen fanden Schüler des Leistungskurses Geschichte des Gymnasiums Mellendorf heraus, die sich mit dem Thema „Verfolgung und Ermordung behinderter Menschen“ beschäftigten. Die Gymnasiasten hatten in Archiven über Euthanasie und Zwangssterilisation geforscht und Schicksale von Menschen aus der Wedemark ermittelt. „Um die Opfer und ihre Familien zu schützen, werden wir nicht ihre vollständigen Namen nennen und auch die Buchstaben der Nachnamen wurden geändert“, hatte einer der Schüler vor der Präsentation erklärt. Ihre aufwendigen Recherchen konnten die Schüler beim dritten Symposium „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ am Montagnachmittag im Forum Campus W in Mellendorf den zirka 200 Gästen präsentieren. Dazu lieferten die Gymnasiasten geschichtliche Hintergrundinformationen über die Entwicklung hin zur perfiden, oft verdeckten Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten, die auch die nächsten Angehörigen der Opfer über die wahren Todesursachen täuschten. Sie zitierten beispielsweise Texte einer Propagandaschrift gegen Behinderte und Kranke, präsentierten die Chronologie der Euthanasie im Nationalsozialismus und sprachen über die sogenannte T-4 Aktion, die Menschen in bestimmte Kategorien wie arbeitsunfähig, unheilbar krank, lernbehindert, Alkoholiker oder auch Blindheit und Taubheit einteilte. Die Schüler zeigten dabei den Weg eines Euthanasieopfers in den Tod auf. „Gedenken macht Leben menschlich, vergessen macht es unmenschlich“. Mit diesem nachdenklichen Zitat aus dem Jahr 1993 von Rita Süssmuth, der ehemaligen Bundestagspräsidentin, endete die Präsentation. Die Arbeitsergebnisse der Schüler werden in einem sechsten Band im Rahmen der Geschichtsreihe „Die Wedemark von 1930 bis 1950“ Ende März veröffentlicht, der auch den Verlauf des dritten Symposiums zum Inhalt haben wird. Bürgermeister Helge Zychlinski begrüßte beim dritten Symposium zur Geschichte der Gemeinde Wedemark unter anderem den Projektkoordinator Franz Rainer Enste, Landtagspräsident a.D. Jürgen Gansäuer als Gastredner, den ehemaligen Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung Wolfgang Mauersberg, den stellvertretenden Regionspräsidenten Michael Dette sowie die Landtagsabgeordnete Editha Westmann. Namentlich begrüßt wurden zudem die Historiker Sabine Paehr und Martin Stöber, Schulleiterin Swantje Klapper und besonders die Gymnasiasten, die Helge Zychlinski als die Hauptpersonen des Abends titulierte und denen er für ihr Engagement herzlich dankte. Unter großem Beifall überreichte der Bürgermeister den Schülern ein Geschenk der Bundestagsabgeordneten Caren Marks: eine Fahrt nach Berlin. „Und etwas Kleingeld für eine Cola“ gab Helge Zychlinski ihnen persönlich mit auf den Weg. Das Datum für das Symposium, der 29. Januar, war bewusst ausgewählt worden – es liegt zwei Tage nach dem Gedenktag „Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“, die am 27. Januar 1945 erfolgte. „Es geht bei unserem Symposium hier in der Wedemark um den Themenkomplex Erinnerungskultur. Daher ist ein solches Erinnerungskultur trächtiges Datum auch sehr wichtig“, machte Franz Rainer Enste, der vor Jahren die Koordination des Wedemärker Geschichtsprojekts übernommen hatte, vor der Veranstaltung deutlich. Sabine Paehr war es beim Symposium vorbehalten, den fünften Band der Wedemärker Geschichtsreihe mit dem Titel „Kinder- und Jugendzeit in der Wedemark“ vorzustellen. Der Inhalt des achtzigseitigen Werks beruht auf Zeitzeugengesprächen, die Historikerin Sabine Paehr mit Menschen aus der Wedemark geführt hat, die bereits älter als 90 Jahre sind – Personen, die die damaligen Lebensverhältnisse hier vor Ort in der Wedemark schon bewusst wahrgenommen haben, wurden systematisch befragt und die Ergebnisse wissenschaftlich ausgewertet. (Das Ergebnis findet sich in dem Band wieder.) Den Gastvortrag zum Thema „Kulturverlust einer Epoche – und seine Lehren für die Zukunft“ hielt Jürgen Gansäuer. Einen Ausblick auf den weiteren Fortgang des Projekts „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ gab Franz Rainer Enste. Im Rahmen der Veröffentlichung von Band sechs im kommenden März soll auch der Sonderband, unter anderem mit Dokumenten von Heimatforscher Otto Hemme aus Elze, erscheinen. „Ein weiterer Band sieben steht auch schon im Raum“, deutete Franz Rainer Enste an. 2019 ist ein weiteres Symposium geplant. Für einen würdigen Rahmen der Veranstaltung sorgten das Orchester des Gymnasiums Mellendorf unter Leitung von Axel Matzantke sowie einzelne Solisten – sie fanden vor allem während der Präsentation ihrer Mitschüler den richtigen, angemessenen Ton.