Gutachter des Saales verwiesen

Voll besetzt war der Bürgersaal am Dienstag. Im Vordergrund Abschnittsleiter Heinz-Jürgen Krüger und Regionsbrandmeister Bernd Keitel.
 
Gutachter Holger de Vries verlässt den Saal, nachdem er unmissverständlich dazu aufgefordert wurde.Fotos: A. Wiese
 
Blick ins Podium: (v. l.) Gutachter Holger de Vries, Bürgermeister Tjark Bartels,FB-Leiter Jürgen Auhagen, Gemeindebrandmeister Michael Hahn, seinen Stellvertretern Klaus Wilhelms und Jens Kahlmeyer und Vertretern der SPD-Fraktion.
 

Fahrzeugtausch erhitzt die Gemüter

Wedemark (awi). Aufruhr am Dienstagabend bei der öffentlichen Informationsveranstaltung der Verwaltung zu Feuerwehrthemen: Es gab nicht nur den erwarteten heftigen Schlagabtausch zwischen Bürgermeister und Feuerwehrvertretern, sondern auch einen völlig unerwarteten Eklat: Der von der Verwaltung für die Bewertung der strittigen Themen Fahrzeugtausch und Rüstwagen-Neubeschaffung beauftragte Gutachter Holger de Vries vergriff sich ziemlich zu Beginn der Versammlung gegenüber Regionsbrandmeister Bernd Keitel dermaßen im Ton, dass nicht nur die mehr als 100 Feuerwehrleute im Zuschauerrraum des Bürgersaales in höchster Erregung den Abgang des Gutachters forderten, sondern SPD-Fraktionschef Jürgen Benk aus dem Podium heraus, de Vries unmissverständlich zum Gehen aufforderte. Der Gutachter hatte sich durch Äußerungen des Regionsbrandmeisters, der Parallelen, die de Vries zwischen Hamburger und Wedemärker Feuerwehrfahrzeugen gezogen hatte, offensichtlich persönlich angegriffen gefühlt und stellte darauf hin mit barschen Worten die fachliche Kompetenz des Regionsbrandmeisters und stellvertretenden Vizepräsidenten des Landesfeuerwehrverbandes, Keitel, in Frage.
Mit den Worten „Sie werden schon sehen, was Sie davon haben“ und „Um die Feuerwehr hier in der Wedemark tut es mir leid“ verließ der Gutachter wutentbrannt nach 20 Minuten den Saal. Zurück ließ er eine aufgebrachte Zuhörerschaft und einen völlig konsternierten Bürgermeister, der sich für die Entgleisung des von ihm beauftragten Gutachters mehrfach entschuldigte und ankündigte, das Vertragsverhältnis umgehend zu lösen.
Der Punkt Fahrzeugtausch hatte noch nicht einmal angestanden, als es schon kräftig knirschte. Es ging zunächst um einen neuen Rüstwagen für die Feuerwehr Mellendorf. Das Gemeindekommando möchte, dass Haushaltsmittel für 2013 vorgesehen werden, da eine Neubeschaffung an die zwei Jahre nach Bestellung dauert und die Feuerwehr ohne den Mellendorfer Rüstwagen ihren Auftrag nicht sicherstellen könne, so Gemeindebrandmeister Michael Hahn und seine beiden Vertreter Klaus Wilhelms und Jens Kahlmeyer übereinstimmend. Die Verwaltung beruft sich ihrerseits auf Gutachten, die dem Fahrzeug einen Zustand bescheinigen, der es noch mindestens zehn Jahre tauglich sein lässt. Man verständigte sich schließlich darauf, ein weiteres Gutachten der Landesfeuerwehrschule als neutrale Instanz einzuholen, das sich insbesondere auch auf die technischen Aufbauten bezieht, ohne die der Rüstwagen für die Feuerwehr wertlos ist, und außerdem die Verfügbarkeit von Ersatzteilen noch einmal zu klären.
Die Verwaltung hatte sich auch in diesem Fall der Unterstützung des Gutachters Holger de Vries bedient. Auf Nachfrage bestätigte de Vries, dass er seit April für die Verwaltung arbeite. Das ist genau der Zeitpunkt, zu dem Gemeindebrandmeister Michael Hahn dem Bürgermeister seine Stellungnahme zu dem umstrittenen Fahrzeugtausch ausgehändigt hatte. Eine Stellungnahme, die sehr persönlich gefärbt sei und für ihn daher keine Entscheidungsgrundlage geboten habe, so Bartels. Hahn war aus feuerwehrfachlicher Sicht, aber auch aus seiner Position als Führungskraft der Gemeindefeuerwehr, die auch die Motivation ihrer Mitglieder im Blick haben muss, zu dem Schluss gekommen, dass der Fahrzeugtausch der Sache nicht dienlich sei. Auch Jens Kahlmeyer, der selber jahrelang Ortsbrandmeister in Berkhof war, und jetzt stellvertretender Gemeindebrandmeister ist, unterstrich mit einer Liste, dass bei 80 Einsätzen in den letzten drei Jahren die zusätzlichen 250 Liter Wasser oder die Möglichkeit, bereits auf der Anfahrt Atemschutz anzulegen, nicht ein einziges Mal eine Rolle gespielt hätten. „Hier haben Sie die Liste. Da Sie ja meinen, feuerwehrtechnische Beurteilungen treffen zu können, können Sie mir ja sicher sagen, in welchem Fall wir das andere Fahrzeug gebraucht hätten“, so Kahlmeyer. Das könne er so unvorbereitet nicht, erklärte der Bürgermeister. Für ihn seien die Punkte Atemschutz und Wassertank entscheidend, blieb er bei seiner Argumentation. „Sie sind der Verwaltungschef und wenn Sie sagen, wir sollen mit der Schubkarre zu den Einsätzen, tun wir das“, so Regionsbrandmeister Bernd Keitel: „Aber Sie müssen den Wedemärkern, die Sie gewählt haben, erklären, warum Sie so entschieden haben, wenn dadurch die Sicherheit auf der Strecke bleibt.“ Ganz bewusst habe man sich bei der Neuanschaffung vor einigen Jahren in Duden-Rodenbostel für das Fahrzeug mit dem größeren Wassertank entschieden. „Die Wasserversorgung in den Bosteldörfern ist nachweislich schlecht. Wenn man einen Hydranten anzapft, hat man dahinter kein Wasser mehr“, erklärte Gemeindebrandmeister Michael Hahn. Auch ihm merkte man die starke Anspannung ebenso wie allen anderen Beteiligten an, doch blieb er die ganze Zeit ruhig und sachlich. Allerdings ließen auch seine Äußerungen im Laufe des Abends keinen Zweifel daran, dass das Verhältnis zwischen ihm und dem Bürgermeister mehr als angeschlagen ist. Als Bartels ihm zum wiederholten Mal Gesprächsbereitschaft anbot – allerdings nicht mehr zum Thema Fahrzeugtausch – fragte Hahn zurück: „Wie groß soll die Tür sein, durch die wir beide passen, Herr Bürgermeister?“ Kein Wunder also, dass aus dem Publikum die Frage kam: „Wie soll es jetzt weitergehen mit Verwaltung und Feuerwehr?“ Eine Antwort gab es darauf nicht, so wie viele Fragen an diesem Abend unbeantwortet im Raum stehen blieben. Mehrfach wurde der Bürgermeister gefragt, woher überhaupt die Initiative für den Fahrzeugtausch gekommen sei. Als dieser sich an Berkhofs Ortsbrandmeister Michael Hartmann wandte, dieser solle doch mal bestätigen, dass er das Fahrzeug gut brauchen könne, war Hartmanns Antwort heftig: „Als Sie mich im Rathaus trafen und auf das Bennemühlener Fahrzeug ansprachen, habe ich Ihnen gesagt, dass das Fahrzeug keine Verbesserung darstellt. Und wenn ich schon der Arsch der Wedemark bin, will ich wenigstens ein richtiger Arsch sein und ein besseres Fahrzeug haben.“ Er fühle sich entsprechend schlecht seinen Kameraden gegenüber – diese Aussage nahm Michael Hartmann auch später im Gespräch mit dem ECHO nicht zurück. Er müsse als Führungskraft seiner Ortswehr das Beste für seine Wehr anstreben, und doch habe er zu keinem Zeitpunkt einer anderen Wehr etwas weg nehmen wollen, betonte Hartmann ausdrücklich. Regionsbrandmeister Bernd Keitel sagte dem Bürgermeister auf den Kopf zu, dass Hintergrund des Fahrzeugtausches sei, eine Neubeschaffung in Berkhof um mindestens zehn Jahre hinauszuschieben und sich so haushaltsmäßig Luft zu verschaffen. „Wenn Sie das von Anfang an offen gesagt hätten, wäre alles sicherlich anders gelaufen. Dann hätte auch die örtliche Feuerwehrführung anders reagiert. So aber haben Sie eine falsche Entscheidung mit Macht getroffen. Und das wird Folgen haben“, so die abschließenden Worte des Regionsbrandmeisters. Wie es personell in Duden-Rodenbostel weitergehen wird, wie die Feuerwehrmitglieder dort auf die Anordnung zum Fahrzeugtausch reagieren werden, wurde nur am Rande diskutiert, wird aber in den nächsten Wochen sicherlich noch Thema sein.


Der Kommentar: „Chance vertan“

„Größe ist ein Begriff, der sich nicht nur auf die Materie bezieht. Größe bedeutet auch Fehler einzugestehen und falsche Entscheidungen revidieren zu können. Die Argumente des Bürgermeisters für den Fahrzeugtausch sind am Dienstagabend samt und sonders widerlegt worden. Von Feuerwehrführungskräften, die ihre Aufgabe zum Teil seit Jahrzehnten versehen, und von den Feuerwehrleuten, die an Bord der Fahrzeuge sind, wenn sie zu Einsätzen ausrücken. Widerlegt wurde eindrucksvoll vom Regionsbrandmeister, dass es sich bei der der Stellungnahme des Gemeindebrandmeisters um eine nicht neutrale gehandelt habe. Widerlegt wurde, dass die Berkhofer ein anderes Fahrzeug unbedingt brauchen beziehungsweise selbst angefordert haben. Der Fraktionschef der SPD, der eigenen Partei also, ließ keinen Zweifel daran, dass er die Entscheidung des Bürgermeisters für falsch halte. Es gab Phasen, da dachte jeder, jetzt muss doch eine Einlassung kommen, dass der Verwaltungschef einräumt, seine Entscheidung zumindest noch einmal zu überdenken – als Ergebnis einer Versammlung, die unstrittig zu einem viel zu späten Zeitpunkt stattfand. Und doch wäre eine Revidierung der Entscheidung noch möglich gewesen, einer Entscheidung, die dem Bürgermeister zwar mehrfach ausdrücklich zugestanden wurde, dass er das Recht habe sie zu treffen, aber die – was auch immer sie faktisch an Vorteilen bringen mag – etwas zerstört, was mit Haushaltsgeldern nicht zu bezahlen ist: das Vertrauensverhältnis zwischen Verwaltung und Feuerwehr allgemein und Bürgermeister und Gemeindekommando im Besonderen. Eine Rolle rückwärts hätte dem Bürgermeister in diesem Fall Respekt verschafft und einige Meinungen über die Art und Weise, wie er sein Amt wahrnimmt, revidieren können. Die Chance ist vertan und die jetzt vorhandenen atmosphärischen Störungen sind mit der angebotenen Gesprächsbereitschaft nicht aus der Welt zu schaffen.“ Anke Wiese