Herzliches Dankeschön an Arbeitgeber

Autohauschef Heiko Lindmüller lässt seine Monteure Martin Thies (l.) und Heiko Oehlerking nicht nur an Feuerwehrautos schrauben, sondern stellt sie auch für Einsätze frei. Foto: A. Wiese

Feuerwehrführung und Gemeindespitze schätzen Bereitschaft zur Freistellung hoch ein

Wedemark (awi). Angenommen, es brennt, und keine Feuerwehr kommt zum Löschen, weil die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr von ihren Arbeitgebern nicht freigestellt werden! Der „Worst Case“ und eigentlich nicht möglich, da die Freistellung ehrenamtlicher Einsatzkräfte in Einsatzfällen und auch für weiterbildende Lehrgänge gesetzlich verankert ist. Theoretisch. Praktisch verhindert jedoch die aktuelle Arbeitsmarktsituation jedoch häufig die Umsetzung. Das zeigt die zunehmende Diskussion dieser Thematik auf den Jahresdienstversammlungen der freiwilligen Wehren – auch in der Wedemark, obwohl die Situation hier noch nicht wirklich kritisch und eine hohe Tagesverfügbarkeit der Einsatzkräfte gewährleistet ist.
Dabei ist nicht die finanzielle Seite das Problem, denn in Deutschland bekommen die Arbeitgeber den weitergezahlten Lohn auf Antrag von der Kommune erstattet. Wie ein Arbeitgeber in einer solchen Situation denken kann, erfuhr das ECHO im Gespräch mit Heiko Lindmüller, dem Chef des Mercedes Autohauses Lindmüller in Mellendorf. Er wurde beispielhaft für die vielen Arbeitgeber in der Wedemark ausgewählt, die ihre Angestellten problemlos zum Einsatz eilen lassen, wenn Pieper oder Sirene gehen. Dabei arbeiten bei Lindmüller gleich drei ehrenamtliche Feuerwehrmänner, und zwar alle als Monteure in der Werkstatt, also im produktiven Bereich. Martin Thies ist Oberfeuerwehrmann in der Bissendorfer Wehr und seit über zehn Jahren Feuerwehrmitglied. Das ist in seiner Familie nicht nur Tradition, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Als er sich vor fünf Jahren als Monteur in der Werkstatt bei Lindmüller bewarb und auf seine Feuerwehrtätigkeit hinwies, war Heiko Lindmüllers Kommentar: „Überhaupt kein Problem.“ Und der Chef wusste, worauf er sich einließ, denn er hatte mit Heiko Oehlerking bereits seit vielen Jahren einen weiteren aktiven Feuerwehrmann der Bissendorfer Wehr im Haus. „Bei uns in der Feuerwehr ist das so abgesprochen, dass Heiko und ich in zwei verschiedenen Schleifen sind, also nur in Großlagen alle beide tagsüber alarmiert werden. Je nachdem, woran wir gerade arbeiten, vertreten wir uns dann auch gegenseitig.“ 45 Einsätze hatte die Bissendorfer Wehr im letzten Jahr, knapp die Hälfte davon im Tagesbereich, schätzen die beiden Oberfeuerwehrmänner Thies und Oehlerking. Sie sind also im Schnitt knapp zweimal im Monat während ihrer Arbeitszeit von der Feuerwehr gefordert. Dabei ist die Dauer der Einsätze ganz unterschiedlich. „Ist es nur ein Fehlalarm einer Brandmeldeanlage, ist man nach einer halben Stunde wieder da, ein großer Einsatz kann auch drei bis vier Stunden dauern“, erzählt Martin Thies. Nach einem Großeinsatz im Gewerbegebiet Bissendorf vor einigen Jahren, bei dem ein Kamerad schwer verletzt wurde, sei er sogar am nächsten Tag noch ausgefallen, erinnert sich der Oberfeuerwehrmann. Aber das seien natürlich Ausnahmen. „Wir versuchen immer so schnell wie möglich, an unseren Arbeitsplatz zurückzukehren, schicken von unterwegs SMS, wie lange es voraussichtlich dauern wird. Und in unserer Wehr ist es so, dass die, die Urlaub oder aus anderen Gründen frei haben, das Aufräumen und Saubermachen übernehmen, damit die berufstätigen Kameraden so schnell wie möglich wieder loskönnen.“ „Natürlich kann es vorkommen, dass ein Auto deswegen mal nicht wie geplant fertig wird, aber dann vertrete ich das dem Kunden gegenüber auch und sage ihm, warum das so ist“, sagt Heiko Lindmüller. Aber meistens ließen sich die Ausfallzeiten der Feuerwehrmänner durch das Einspringen von Kollegen, das Verschieben von Autos oder eine Verlängerung der Arbeitszeit kompensieren. „Jeder kann und sollte etwas für seine Gemeinde tun. Ich als Arbeitgeber tue das, indem ich meine Mitarbeiter für Einsätze freistelle, auch wenn mit dem dritten Feuerwehrman Tim Böttcher aus der Brelinger Wehr fast 30 Prozent meiner Monteure betroffen sind“, sagt Heiko Lindmüller.
Ganz ehrlich sagt Heiko Lindmüller aber auch seine Meinung zu den Doppelmitgliedschaften für Feuerwehrleute, die durch die Änderung des Brandschutzgesetzes mittlerweile möglich sind: Um die Tagesverfügbarkeit einer Wehr zu erhöhen sollen die Feuerwehrleute die Möglichkeit haben, nicht nur in der Wehr ihres Wohnortes, sondern auch in der ihres Arbeitsplatzes Mitglied zu sein und eingesetzt werden zu können. „In diesem Fall wäre die Belastung für den Betrieb wirklich zu hoch“, sagt Lindmüller, wie gesagt in diesem Gespräch beispielhaft für einen Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter freistellt, ausgewählt. Und da ist er sich übrigens mit seinen Mitarbeitern Heiko Oehlerking und Martin Thies auch absolut einig. Was für Lindmüller vorstellbar wäre: „Ich hätte nichts dagegen, wenn meine Mitarbeiter in Ausnahmefällen von der Wehr am Arbeitsort gezogen werden, um die Einsatzfähigkeit zu gewährleisten, also wie eine dritte Schleife.“ Aber so funktioniere das Prinzip der Alarmierung in der Wedemark ja ohnehin, erklären Thies und Oehlerking: „Wenn absehbar ist, dass die Mellendorfer Wehr Verstärkung benötigen wird, werden Nachbarwehren nachgezogen, und da Bissendorf eine der nächstgrößeren Wehren ist, geht dann bei Oehlerking und Thies schnell der Pieper. Beide haben übrigens auch eine Ausbildung auf die Mellendorfer Drehleiter, Oehlerking als Maschinist, Thies für den Einsatz im Korb. Lindmüller betont übrigens, dass es durchaus auch Vorteile habe, Feuerwehrleute im Betrieb zu haben. Es habe schon häufiger kleine Einsätze für Thies und Oehlerking im Werkstattbereich gegeben und der Blick auf Gefahren der beiden gut geschulten Oberfeuerwehrmänner sei ein ganz anderer. Auch die Sanitäterausbildung, die beide absolviert haben, haben beide an ihrem Arbeitsplatz schon anwenden können. Sie betonen das gute Arbeitsklima in ihrem Betrieb, das Verständnis und die Bereitschaft der Kollegen, jederzeit für sie einzuspringen und ihren „sehr sozialen Chef“ als unabdingbare Voraussetzungen, ihren ehrenamtlichen Job als Feuerwehrleute mit vollem Einsatz leisten zu können. Selbstverständlich ist für sie, dass sie die Bereitschaft ihres Chefs nicht ausnutzen. Dazu gehört beispielsweise, die Freistellungsmöglichkeit, wenn es irgend geht, nicht für Lehrgänge zu nutzen, sondern diese an Abenden, Wochenenden oder im Urlaub zu absolvieren. Ihr Chef Heiko Lindmüller hat aber auch Verständnis dafür, dass nicht alle Arbeitgeber so denken wie er: „Es kommt ja auch auf die Branche an. Wenn eine ganze Produktion stehen bleibt, weil der Mitarbeiter zum Einsatz muss, sieht das schon ganz anders aus. Bei uns arbeiten die Monteure an einzelnen Objekten. Aber ich bin auch überzeugt, dass es die Pflicht jedes Einzelnen ist, freiwillige Hilfsdienste nach seinen Möglichkeiten zu unterstützen.“ Vielleicht regen diese Äußerungen der Feuerwehrleute und ihres Chefs den einen oder anderen zum Nachdenken an. Letztendlich wird, wenn es hart auf hart geht, der Job, mit dem man sich und die Familie ernährt, Vorrang vor dem Einsatz für die Freiwillige Feuerwehr haben. Das geben auch Oehlerking und Thies offen zu. Zum Glück stehen sie jedoch nicht vor einer solchen Entscheidung. Feuerwehrführung und Gemeindespitze nutzen jede Hauptversammlung, um sich nicht nur bei den Feuerwehrmännern für ihre Einsatzbereitschaft, sondern auch bei ihren Arbeitgebern dafür zu bedanken, dass sie ihren Mitarbeitern diesen Einsatz ermöglichen. Über weitere Anreize für die Arbeitgeber soll nachgedacht werden (siehe Bericht im ECHO vom 30. Januar über die Bissendorfer Hauptversammlung der Feuerwehr). Alle Beteiligten wollen tun, was in ihren Kräften steht, um zu verhindern, dass eben diese Situation eintritt, dass es brennt oder eine technische Hilfeleistung notwendig ist, und die Feuerwehr nicht kommen kann, weil ihre Mitglieder ihren Arbeitsplatz nicht verlassen können.