Im Ernstfall muss alles perfekt funktionieren

Mit Hilfe eines Trennschleifers entfernen die Einsatzkräfte bei der Übung das Gitter von dem Fenster, hinter dem ein Jugendlicher um Hilfe ruft. Foto: A. Wiese
 
Die Atemschutzgeräteträger brechen eine Stahltür auf, um in den Supermarkt zu gelangen.

Großübung in Elze: Drei vermisste Kinder im verrauchten Supermarkt

Elze (awi). Containerbrand hinter Supermarkt, drei Kinder im völlig verrauchten Markt vermisst, kein offener Zugang - das war die Ausgangslage für eine Großübung der Feuerwehren im Norden der Wedemark am Montagabend. Übungsobjekte solcher Qualität fallen der Feuerwehr selten in den Schoß, und so nahm die Gemeindefeuerwehrführung das Angebot der Firma Donnarumma & Horstmann gerne an, im ehemaligen NP-Markt an der Walsroder Straße in Elze, der ab 27. Februar abgerissen wird, eine Übung für Atemschutzgeräteträger durchzuführen.
Gemeindebrandmeister Maik Plischke, sein Stellvertreter Christoph Boss, Ausbildungsleiter Dirk Thelow, Mellendorfs Ortsbrandmeister Cord Hanebuth und Ausbilder Eike Hanebuth gehörten zum Organisationsstab. Sie wollten vor allem wissen, wie gehen die Gruppenführer und Einsatzleiter vor Ort die Problematik an und wie klappt das Zusammenspiel der Kräfte aus den verschiedenen Wehren. Wenige Minuten vor 18 Uhr steckte Eike Hanebuth mit Hilfe Petroleum getränker Lappen einen Holzhaufen hinter dem Supermarkt in Brand - der angebliche Containerbrand. Schließlich sollten echte Flammen für die anrückenden Kräfte zu sehen sein, die - anders als kürzlich bei der Übung in der Hellendorfer Grundschule - bis zum Eintreffen vor Ort nicht wussten, dass es sich nicht um einen Ernstfall handelte. Um die Verwirrung komplett zu machen wurde die Elzer Feuerwehr zunächst zu einer vermeintlichen Ölspur am Wasserwerk geschickt, um dann während der Anfahrt den Alarm "Containerbrand hinter Supermarkt" zu bekommen. Zeitgleich wurden über Sirene auch die Ortsfeuerwehr Bennemühlen und über Pieper ausgewählte Kräfte der Feuerwehr Mellendorf alarmiert. Der Gruppenführer der Elzer Wehr, die mit ihrem TLF als erstes Fahrzeug am Markt eintraf, erkundete zunächst die Lage. Beim Anblick der Feuerwehrführung mit ihren Notizblöcken war jetzt klar, dass es sich um eine Übung handelte. Das sollte zwar am Ablauf der Abarbeitung des Einsatzes nichts ändern, senkt aber sichtlich den Adrenalinausstoß. Das Löschen des Brandherdes hinter dem Markt war die eine Sache, die Rettung der vermissten Kinder aus dem durch Qualm des "Containerbrandes" total verrauchten Marktes eine andere. Yannik Thelow als vermeintliches Opfer machte sich lautstark hinter einem vergitterten Fenster bemerkbar. Doch bis die Einsatzkräfte ihn befreien konnten, verging noch eine knappe Viertelstunde nach Eintreffen des ersten Fahrzeuges. Die Atemschutzgeräteträgertrupps machten sich fertig, die Wehren aus Meitze, Brelingen und Berkhof wurden nachalarmiert, um ausreichend Nachschub bei den ATGs zu haben. Doch in diesem aktuellen Fall ging es erst einmal darum, sich überhaupt Zugang zu dem Gebäude zu verschaffen. Die Entfernung des Fenstergitters per Brechstange scheitere, der Trennschleifer musste ran. Dann konnte Yannik als erstes Opfer aus dem Fenster klettern. Während er auf seine "Rettung" wartete, hatte ein Feuerwehrmann Kontakt mit ihm gehalten, doch als er anschließend die Frage, ob er Sanitäter benötige, ablehnte, kümmerte man sich nicht weiter um ihn, woraufhin der "unter Schock stehende" Jugendliche durch das Fenster noch zweimal in den Markt zurückkehrte, wo er seine Freunde wusste. Diese wurden in Form von Dummys rund zehn Minuten später kurz nach einander von den Atemschutzgeräteträgertrupps geborgen. Ein Trupp hatte die Glasscheibe neben der Eingangstür im vorderen Bereich des Marktes eingeschlage und sich so Zugang verschafft, ein anderer mittels Brechstange und erheblichem Kraftaufwand eine Tür direkt neben dem bereits geöffneten Fenster aufgebrochen. Insgesamt waren 65 Feuerwehrmänner und -frauen aus sechs Wehren vor Ort, wenn letztendlich auch nicht alle im Einsatz waren, als Christoph Boss nach einer guten Stunde "Ende der Übung" verkündete und nach dem Aufräumen zur Abschlussbesprechung in den Markt einlud, wo es schließlich noch Würstchen und Getränke gab.
Das Fazit von Christoph Boss und Dirk Thelow als Leiter der Abschlussbesprechung: Die Übung ist erfolgreich verlaufen, alle "Vermissten" wurden im Zeitfenster gerettet, wenngleich die beiden Dummys, wären sie Kinder gewesen, vermutlich zumindest eine leichte Rauchvergiftung davon getragen hätten. Doch gaben die Beobachter ein paar Punkte zu bedenken: Das erste Einsatzfahrzeug war so platziert worden, dass die Besatzung im Ernstfall die ganze Zeit während ihrer Ausrüstung im Rauch gestanden hätte. Die ersten Atemschutzgeräteträger hätten direkt durch das für die Rettung des ersten Opfers bereits geöffnete Fenster in das Gebäude gelangen können. Das Opfer wiederum hätte betreut werden müssen, damit es nicht in das verqualmte Gebäude hätte zurückkehren können. Doch um solche Punkte aufzuzeigen, gibt es Übungen, und ob die Entscheider im Ernstfall nicht doch anders vorgegangen wären, blieb offen. Eine ernsthafte Mahnung der Beboachter gab es jedoch dafür, dass die Atemschutzgeräteträger in das Gebäude gegangen seien, bevor der Sicherungstrupp da war. "Eigensicherung muss immer vorgehen", so Dirk Thelow. In dem Fall, dass den Atemschutzgeräteträgern im Gebäude etwas zugestoßen wäre - in solchen Hallen kommt bei einem echten Feuer schnell die Decke herunter - wäre niemand da gewesen, um ihnen zu helfen. Er habe die Nachricht gehabt, dass der Sicherungstrupp unterwegs sei, das habe ihm gereicht, weil durch die vermissten Kinder Gefahr im Verzug gewesen sei, erklärte dazu der verantwortliche Gruppenführer. Insgesamt sei diese Übung wesentlich besser abgearbeitet worden als die im vorigen Jahr in Brelingen, zeigte sich Gemeindebrandmeister Maik Plischke zufrieden, ohne weiteren Optimierungsbedarf in Abrede zu stellen.