Inklusion: Lehrer äußern ihren Unmut

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt wurde bei ihrem Besuch an der Grundschule Bissendorf am Mittwoch von Lehrkräften aller Wedemärker Schulen mit Plakaten empfangen. „Tenor: Inklusion so nicht!“ Foto: Privat
 

Kultusministerin und Bundestagsabgeordnete mit Plakaten empfangen

Bissendorf (awi). „Inklusion? Ja – aber nicht unter diesen Bedingungen!“ Einen ungewöhnlichen Empfang haben Lehrer aller in der Wedemark vertretenen Schulformen am Mittwochnachmittag Kultusministerin Frauke Heiligenstadt bereitet, die auf Einladung der SPD-Bundestagsabgeordneten Caren Marks die Bissendorfer Grundschule besuchte, um das Thema Inklusion mit den im Thema erfahrenen Grundschulen zu besprechen.
Die Demonstration der Lehrer, die diesen Ausdruck dafür eigentlich gar nicht verwenden möchten, war eine relativ spontane Aktion, hervorgegangen aus einer Situation, mit der sich die Betroffenen zurzeit ganz offensichtlich überfordert fühlen. In einem Schreiben, das sie Frauke Heiligenstadt überreichten, betonten die Lehrer, dass sie an den allgemeinbildenden Schulen, für die sie ausgebildet seien, guten Unterricht bis ins Rentenalter machen wollen. „Wir wollen nicht zu den vielen Lehrkräften gehören, die wegen der hohen beruflichen Belastungen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden müssen“, formulieren sie. Doch die Schulwirklichkeit empöre sie: „Inklusion so? Verbrechen an unseren Kindern“, „Bürokratenlogik triumphiert über Schulqualität!“, „Verlust von Schulqualität durch falsche Anforderungen und überhöhte Belastung“, „Minifortbildungen machen aus Regelschullehrkräften keine Förderschullehrkräfte“ und „Förderschullehrkräfte sind spezialisiert auf bestimmte Bereiche und können nicht wahllos eingesetzt werden“, waren nur einige der Parolen, die auf den Plakaten und Spruchbändern zu lesen waren. „Die Umsetzung von Inklusion nach Ihren Vorgaben kann nicht gelingen“, legten die Lehrer der Kultusministerin ans Herz. Sie fordern für die Inklusion ausreichende und durchgängig professionelle Unterstützung durch ausgebildete Fachkräfte wie Psychologen, Sozialarbeiter, Regelschullehrkräfte und Förderschullehrkräfte, durchgängige Doppelbesetzungen von Förderschullehrkräften und Grundschullehrkräften in Inklusionsklassen, Entlas-tungsstunden für Mehrarbeit, kleinere Klassen, Senkung der Pflichtstunden, Erhöhung der Leitungszeit für die Schulleitung und mehr Zeit zum Fördern, für Kooperation, Supervision, Austausch über die Kinder, Entwicklung und Planung von Unterricht. Mit ihrem Vorhaben „zukunftsoffensive Bildung“, das Heiligenstadt laut Schulverwaltungsblatt 8/2013 „als größtes Bildungspaket aller Zeiten in Niedersachsen“ deklariere, gehe die Kultusministerin in die falsche Richtung, mahnten die Wedemärker Lehrkräfte und appellierten an die Landespolitikerin: „Kommen Sie Ihrer Fürsorgepflicht für Lehrkräfte und Schüler beziehungsweise Schülerinnen nach!“
Heiligenstadt nahm das Schreiben entgegen und setzte sich dann wie geplant mit Caren Marks und den Leitern der Grundschulen Bissendorf, Brelingen und Elze, der Förderschule Berthold-Otto, der Ersten Gemeinderätin Konstanze Beckedorf und anderen zusammen.
Sie gebe sich die allergrößte Mühe, so Heiligenstadt, allen Seiten gerecht zu werden. Doch habe sie einen Haushalt mit 100 Millionen Euro Schulden übernommen. Weiterbildungen für die Lehrer kosteten jedoch Geld. Die Frage von Bissendorfs Schulleiterin Andrea Grunwald-Seitz, warum gerade jetzt zu einem Zeitpunkt, wo die Grundschulen mit der Inklusion vor eine große Herausforderung gestellt würden, parallel wieder neue Schulinspektionen angesetzt würden, beantwortete Heiligenstadt scharf: „Ich habe Respekt vor Ihrer Arbeit und wünsche mir, dass Sie Respekt vor meiner haben. Ich habe ein ganzes Land im Blick zu behalten. Wird haben 1.640 zusätzliche Lehrkräfte für die Inklusion eingestellt. Der Ausbau der Schulinspektion ist ein Schwerpunkt, damit Unterstützung für den Bereich der Unterrichtsentwicklung geleistet werden kann.“ Sie habe nicht den Ansatz, so Heiligenstadt, „mit dem Knüppel durch die Schulen zu gehen und zu prüfen!“ Gespräche, wie sie jetzt in Bissendorf geführt worden seien, seien wichtig, betonte Caren Marks. Was die Inklusion betreffe, sei man in Deutschland unerfahren und habe großen Nachholbedarf gegenüber vielen europäischen Ländern. Marks dankte den Schulleitungen und Kollegien in der Wedemark für die Arbeit, die sie bisher geleistet hätten und sie dankte Rat und Verwaltung für die Begleitung von Seiten des Schulträgers. „Ich habe großen Respekt vor Ihrer Leistung“, bescheinigte die Politikerin den Pädagogen. Die große Herausforderung könne nur gelingen mit Menschen, die das Thema Inklusion wichtig fänden, betonte Marks.