„Licht am Ende des Tunnels“

Ömer Güven (r.) traf einen Holocaust-Surviver (M.).
 
Das Holocaust-Museum in Illinois.

Ömer Güven berichtet von seinem FSJ in Chicago

Wedemark. Ömer Güven aus Bissendorf-Wietze leistet zurzeit sein freiwilliges soziales Jahr in Chicago amIllinois Holocaust Museum ab. Zu den Sponsoren, die ihm dies durch ihren Beitrag ermöglicht haben, gehört neben der Gemeinde Wedemark auch das Wedemark ECHO. Jetzt hat Ömer Güven seinen ersten Erfahrungsbericht für die Leser des ECHO geschickt:
„Wenn ich nach sechs Monaten uber meine Erfahrungen erzahlen soll, so fallt mir spontan kaum etwas ein. Ich sitze hier gerade in Chicago an meinem Schreibtisch im Illinois Holocaust Museum und ehrlich gesagt, wenn ich jetzt gerade an zu Hause, an Freunde, an das Leben vor dem großen Aufbruch denke, so schießen mir nur einige Gesichter, einige Situationen und einige Momentaufnahmen durch den Kopf. „Unglaublich“ denke ich mir, 20 Jahre komprimiert in einer Szenenwelle von wenigen Millisekunden. Als ob ein Leben vorher nie existiert hatte. Dabei vergesse ich all zu leicht die, fur mich damals unendlich erschienen Phasen wie den Abistress, der nie vorbei gehen wollte, der Abschied von Familie und Freunden und was man sonst so in 20 Jahren Jugend erlebt hat... Jetzt sitze ich hier als einziger „Auslander“ mit einem quasi Highschool-Abschluss in einem Buro mit Kollegen, die einen Collegeabschluss in Oxford und an der Northwestern University haben. Einfach so ins Leben geworfen. Eigenes Apartment, fremde Kultur, selber Wasche machen, selber Kochen und mit seinem eigenen Geld klarkommen. Dabei fing alles so harmlos an: Ich wuchs in der Wedemark, einer Gemeinde im Landkreis Hannover mit ca. 30.000 Einwohnern auf. Eigentlich war ich mit meinem Leben soweit zufrieden bis auf die Tatsache, dass ich keinen Militardienst absolvieren wollte und auch ein normaler Zivildienst nicht das große Abenteuer und Leben versprach, was ich mir nach 13 Jahren Schule verdient hatte ;) Da ich mehr zufallig als gewollt von der Moglichkeit erfuhr, einen Freiwilligendienst anstelle des Zivildienstes im Ausland zu absolvieren, informierte ich mich uber verschiedene Tragerorganisationen, die einen solchen Dienst anbieten. Besonders wichtig war mir der Punkt, dass ich mich mit der Organisation identifizieren kann und auch sonst keine Zweifel aufkommen. Ehrlich gesagt habe ich etwa zehn Tragerorganisationen gefunden, habe mich aber nur bei einer beworben: ASF. Das Spannende an ASF ist, dass es sich mit dem Holocaust und ihren noch heutigen Opfern auseinandersetzt. Da mich dieses Thema schon im Geschichts-LK interessierte, baten sich besonders die Kategorien „politische und historische Bildung“ an, zwei von vier Kategorien neben „Arbeit mit sozial Benachteiligten“ und „Arbeit mit alteren Menschen“. Obwohl ich mich zwar schon durch das Bewerbungsschreiben mit dem Gedanken auseinandergesetzt hatte, dass ich gerne ein Auslandsjahr absolvieren mochte, wurde mir erst auf dem viertagigen Auswahlseminar wirklich bewusst, wofur ich mich eigentlich bewerbe. Als dann endlich der Brief ins Haus geflattert kam mit der Entscheidung, mich in die USA zu schicken, war die Freude riesig! Leider stand bis dato das genaue Projekt noch nicht fest (USA war eine Ausnahme). Einige Wochen spater bekam ich dann auch das genaue Projekt per Email zugeschickt: Illinois Holocaust Museum & Education Center, Skokie, Chicago. Das Museum hat frisch im April letztes Jahr eroffnet und hat eine Flache von 20.000 m2 mit vier Stockwerken. Mit uber 350 Freiwilligen und 26 Staff-Membern ist es das drittgroßte Holocaust Museum in den USA. Das Besondere ist außerdem, dass in der Ausstellung nicht nur der Holocaust. behandelt wird, sondern generell Genozide auf der ganzen Welt wie zum Beispiel Darfur oder Srebrenica. Arbeitsalltag: Als Staff-Member im Education Department bin ich in die ganzen Angelegenheiten, die mit Education und Schulen zu tun haben, involviert. Mein Alltag besteht u.a. darin, die Koordination der Fieldtrips zu ubernehmen. Es kommen taglich vier Schulen mit jeweils 50-120 Schulern im Museum an. Da strenge Sicherheitskontrollen existieren und die Schuler in kleinere Gruppen mit jeweils einem Guide aufgeteilt werden, muss das ganze naturlich koordiniert werden, was eine von meinen Aufgaben ist. Zusatzlich wird jeder Schule auch ein Speaker zugeteilt. Unter Speaker versteht man Zeitzeugen wie Holocaustuberlebende, amerikanische Liberatoren oder hidden Children, die dann 40 min lang uber ihre Erfahrungen sprechen. Der enge und personliche Kontakt zu diesen Zeitzeugen ist ein wichtiger Teil der ASF Arbeit und von besonderer Wichtigkeit. Dazu aber spater mehr. Leider waren die Workshops fur die Guides schon vorbei als ich ankam und deshalb bin ich gerade dabei mein eigenes Konzept fur die Touren zu kreieren, was dann spater hoffentlich noch meine Hauptaufgabe sein wird. Das Gute an der Arbeit im Holocaust Museum ist, dass jeder Tag ein anderer ist und es sozusagen keine wirkliche Routine gibt. Man hat mit verschiedenen Voluntieren, Schulern, Lehrern, Zeitzeugen, Historikern und vielen anderen Personlichkeiten zu tun, sodass man nicht wirklich von einem geregelten Arbeitsalltag sprechen kann. Manchmal muss auch einfach mal Buroarbeit sein. Das bedeutet dann Briefe wegschicken, kopieren, Emails schreiben, Ordner sortieren oder Dokumente ubersetzen. Regelmaßig finden auch Events wie Teacher Workshops, Student Leadership Days oder andere kleinere und großere Events statt, die organisiert werden mussen. Gerade diese Events fuhren dazu, dass die Arbeit im Illinois Holocaust Museum so vielschichtig ist, aber auch dementsprechend ofter auch mal eine langere Anwesenheit gefordert wird. Highlight: Ein Highlight, which is still stuck in my mind, war die Begegnung mit einem Holocaust Survivor. Eigentlich dachte ich immer, dass ich viel uber den Holocaust weiß – immerhin hatte ich ja damals schon viel daruber gelesen. Zusatzlich hatte ich ja auch in der Schule mehre Jahre das NS-Regime behandelt und x Bucher gelesen. Ich wusste, wann Hitler an die Macht kam, wie er an die Macht kam und ich wusste auch, was mit den Juden und den anderen Opfern des Holocaust passiert war. Ich wusste von den Nurnberger Rassengesetzen, auch von der Wannsee-Konferenz und naturlich die Daten dazu. Jedoch hatte ich bei dem ganzen sachlichen Fachwissen eine Sache vergessen: Die Emotionen, das Personliche. Eventuell vorstellbar, dass man bei der ganzen Leserei sich von dem Thema auf eine bestimmte Weise distanziert und da man ja selbst nicht dabei gewesen ist und die vielen Schwarz-Weiß-Filme das Ganze naturlich auch noch weiter in die Ferne rucken lassen, war es fur mich eine der wenigen Ereignisse in meinem Leben, die mich wirklich tief beruhrt haben. Ich konnte jetzt naturlich die Geschichten wiedergeben, die ich mitbekommen habe oder ich konnte besonders die Szenen erzahlen, die mich besonders bewegt haben, aber leider wurde dies nicht im geringsten das prasentieren, was ein echter Zeitzeuge, in Auschwitz erlebt hat. Somit mochte ich wirklich jedem ans Herz legen, solange noch Zeit ist(!), sich ein eigenes Bild zu machen. Herausforderung im Ausland: Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie ich bei dem Auswahlseminar gesagt habe, dass mich die Herausforderung reizt. Ich habe mich immer als selbststandig und unabhangig eingeschatzt, dennoch hatte ich am Anfang echt zu kampfen. Gerade weil da doch mehr ist, als man anfangs einschatzen hatte konnen. Es ist schwer von der großten Herausforderung zu sprechen, da irgendwie das Gesamtpaket und auch oftmals die kleinen Dinge im Alltag den kompletten Neubeginn so schwierig gemacht haben. Spontan wurde ich einfach mal sagen, dass die Umstellung vom Schulalltag zum Arbeitsalltag der großte Schritt zum Erwachsenwerden war. Eigentlich muss ich von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr arbeiten. „Eigentlich“- wenn da nicht die amerikanische Arbeitsmentalitat ware, die erfordert, dass man auch nach der Arbeit seine Mails checkt oder wenn ein Projekt ansteht, gewisse Arbeiten einfach erledigt werden mussen. Und wenn man dann schonmal ein Projekt fur ein Event plant, dann muss man daran naturlich auch teilnehmen. Deshalb variiert die Stundenzahl oft von Minimum 40 Stunden bis auch schonmal 55 Stunden die Woche. Wir reden hier von der Arbeit, wo man leider auch erst hinkommen muss. Da ich leider kein Auto wie in Deutschland habe,muss ich die offentlichen Transportmittel nutzen. Problem ist hier, dass Skokie ein Suburb ist und obwohl gerade mal 15 Miles entfernt, die Hinfahrt und Ruckfahrt auf Grund der schlechten Verbindung locker uber zwei Stunden in Anspruch
nimmt. Da man sich naturlich auch gerne vor der Arbeit duscht und sich anzieht, muss man dann einfach mal jeden Tag um 5.30 aufstehen. Abends kommt man dann um ca. 18 Uhr zu Hause an. Normalerweise erwartet man jetzt naturlich ein deftiges Essen. Aber wisst ihr, was ich gelernt habe? Essen macht sich nicht von selbst! Da ich wenig Ubung mit kochen hatte, hat mich das Ganze naturlich auch nochmals ca. eine Stunde gekostet. To make a long story short: Freunde finden, soziales Netzwerk aufbauen, Hobbys, genug Schlaf finden, Kochen, Waschen, Putzen, Sprache, fremde Kultur, Einkaufen, sich selbst motivieren, Zeitverschiebung, eigenes Geld managen, Großstadtleben... Dies alles erfordert eine gewisse Disziplin und Durchhaltevermogen. Wenn sich die Routine mit diesen Dingen eingestellt hat, dann fangt es an wieder Spaß zu machen. Und JA, meine Disziplin und Durchhaltevermogen hatten schwache Phasen und ich hatte auch besonders am Anfang das ein oder andere Down, aber wenn diese schwierigen Phasen erst einmal uberstanden sind, ja dann schreckt man vor keiner Herausforderung mehr zuruck und das Licht am Ende des Tunnels fangt an heller und intensiver zu leuchten als je zuvor. Aber wahrend ich gerade diese Zeilen schreibe fallt mir auf, dass dies wohl mit allen Dingen so ist.“