Neue Krippe wird Leuchtturmprojekt

Tim Arndt-Sinner und Architektin Gunhild Niggemeier auf dem Baugelände für die neue Krippe neben dem Haus am Teich. Foto: A. Wiese

Verein der Kinderfreunde lädt am 24. Oktober zum ersten Spatenstich am Teich ein

Mellendorf (awi). Wenn der Verein der Kinderfreunde am 24. Oktober zum ersten Spatenstich für seine neue Krippe am Teich II einlädt, ist dies in mehrfacher Hinsicht etwas Herausragendes: Ein 1980 von einigen Eltern gegründeter Verein, der eine Millioneninvestition tätigt, um dort im Auftrag der Gemeinde Wedemark eine integrative Krippe zu betreiben, für die es vor wenigen Jahren angeblich noch keinen Bedarf gab.
Und ein energetisches Leuchtturmprojekt, das zumindest in Niedersachsen, vermutlich sogar in Deutschland seinesgleichen sucht – der Grund, warum nicht nur die Gemeindewerke ganz groß in die Förderung des Projekts einsteigen, sondern auch Region und Land tief in die Tasche greifen, um den Bau dieser Krippe angemessen zu fördern. „Ohne diese Fördermittel ginge es auch nicht“, gibt Tim Arndt-Sinner, mittlerweile hauptamtlicher Geschäftsführer des Vereins der Kinderfreunde, unumwunden zu, denn immerhin verteuern die energetischen Experimente das Bauvorhaben um satte 300.000 Euro. Doch 250.000 Euro Zuschuss aus öffentlichen Mitteln – „damit mache ich es“, hat Tim Arndt Sinner beschlossen. An dieser Stelle ist ein Blick in die Vereinsgeschichte interessant: 1980 gründeten einige Eltern den Verein, als die Spielkreise knapp waren, an Krippen für unter Dreijährige dachte zu dem Zeitpunkt noch niemand. In den Kindergärten gab es Vor- und Nachmittagsplätze, die Kinder mussten trocken sein, um angenommen zu werden. „Auch meine Großen hatten erst nur Nachmittagsplätze“, erinnert sich Arndt-Sinner. Irgendwann kam dann der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. 1985 bot der 1980 gegründete Verein der Kinderfreunde seine Spielkreisgruppen erstmals im Haus am Teich an, das damals multifunk-
tional von den verschiedensten Gruppen vom Mütterzentrum bis zum Kinderkochen genutzt wurde. Im Jahr 2000 wurden beim Verein 80 Kinder in acht Gruppen betreut. Ein Spielkreis wurde an drei Tagen in der Woche, einer an zwei Tagen angeboten. Es gab vier Mutter- und Kind-Gruppen und zwei Spielkreise in Abbensen. Als Tim Arndt-Sinner 2008 den Vorsitz der Kinderfreunde übernahm, gab es schon mal ganz vage erste Gespräche über eine mögliche Krippe für die ganz Kleinen. 2010 wurden die Pläne dann konkreter und Arndt-Sinner erinnert sich an eine Ankündigung der damaligen ersten Gemeinderätin Konstanze Beckedorf: „Wir werden Krippengruppen einrichten, mit oder ohne Sie!“
Der Vorstand der Kinderfreunde kam schließlich zu dem Schluss: „Wir machen das, auch in dem Bewusstsein, dass das mittelfristig das Aus der Spielkreise bedeutet.“ Die erste Krippengruppe des Vereins der Kinderfreunde eröffnete im Oktober 2013 im Haus am Sande in Mellendorf provisorisch. Zum damaligen Zeitpunkt war noch ein Kindergartenneubau neben dem Haus am Teich geplant. Diese Pläne zerschlugen sich, als sich abzeichnete, dass durch das Auslaufen der Berthold-Otto-Schule dort Räume frei wurden und die Region der Gemeinde das Schulgebäude übergab. Die Gemeinde richtete dort zwei Kindergartengruppen ein, übergab die Trägerschaft 2014 den Kinderfreunden und baute zugleich den früheren Anbau vom Haus am Teich zu einer Krippe aus. Schon 2013 spielte Tim Arndt-Sinner mit dem Gedanken an eine integrative Krippengruppe, stieß damit bei der Gemeinde jedoch nicht auf Gegenliebe. Zwei Jahre später erfolgte dann die Ausschreibung für eine Krippe mit I-Gruppe, Bedingung für den Betreiber waren eigenes Grundstück und Gebäude. Ein eigenes Grundstück hatten die Kinderfreunde nicht, aber eine Idee, wie es gehen könnte: Sie reichten ihr Konzept bei der Gemeinde ein und bekamen den Zuschlag. Errichtet wird die neue Krippe auf dem Gelände vom Haus am Teich. Der Verein hat sich das Grundstück über Erbpacht gesichert. Mit Gunhild Niggemeier engagierte der Verein der Kinderfreunde genau die Architektin für den Neubau, die – damals als Angestellte der Gemeinde – auch den Krippenneubau als Anbau ans Haus am Teich verantwortlich geplant hatte. Niggemeier ist inzwischen wieder freiberuflich tätig und nahm den Auftrag gerne an. Äußerlich wird sich das Bauwerk dem Bestandsbau perfekt anpassen (siehe Zeichnung auf Seite 1). Die Fertigstellung ist spätestens im August nächsten Jahres geplant. Die Erdarbeiten für die Bodenplatte, die dieses Jahr noch fertig werden wird, beginnen noch in diesem Monat. Der vordere Teil ist eingeschossig, der hintere zweigeschossig, so entstehen auf 305 Quadratmetern Grundfläche 373 Quadratmeter Nutzfläche. Der erste Entwurf von vor 15 Monaten war nur eingeschossig und sah einfache Technik vor, ein schlichter Kubus, vor allem preislich interessant, die Fläche so knapp wie möglich bemessen. Doch dann entwickelte sich aus der Idee, eine Photovoltaikanlage für 10.000 Euro aufs Dach zu bauen die Vision eines energetischen Leuchtturmprojektes: Etwas Großes, komplett Neues mit „Wow-Effekt“. Ein Energieplaner führte mehrere Komponenten zusammen: Photovoltaik und Solarthermie und eine völlig neue Art der Speicherkapazität – die Wärme wird in einen Tank in einer Art Sandkiste unter der Bodenplatte geleitet und hält die Wärme dort bis Januar/Februar, so dass das Gebäude über Wärmetauscher beheizt werden kann. Voraussetzung ist natürlich Passivbaustandard mit 43 Zentimeter dicken Außenwände, kontrollierter Be- und Entlüftung und Wärmerückgewinnung, Solarthermie und Energietank. „Zumindest in Nieder-
sachsen gibt es einen solchen Krippenbau noch nicht“, ist sich Architektin Gunhild Niggemeier sicher. „Wenn man mit solch innovativer Technik bauen kann und die entsprechenden Fördermittel dafür kriegt, tut man es auch“, sagt Tim Arndt-Sinner. Es erforderte allerdings etwas zusätzlichen Platz, die Technik unterzubringen. Das Konzept sieht jetzt vor: unten die Kinder, oben Verwaltung, Sozialräume, Wartebereich für die Eltern, die ihre Kinder von der offenen Galerie aus sehen können, und Technik. Die Waschräume mit integrierten kleinen Duschen gehen direkt von den Gruppenräumen ab, die Schlafräume vom Flur. Es gibt einen Therapieraum und das Besondere: Es gibt keine Ecken. Die Fenster sind in Brusthöhe der Kinder, etwa 40 Zentimeter, so dass Rauskrabbeln problemlos möglich ist. Vor jedem Gruppenraum ist eine Terrasse, Lamellen schützen vor Sonneneinstrahlung. Die Gruppenräume sind jeweils 45 Quadratmeter groß, die Schlafräume je 19 Quadratmeter. Die lange Liste von Vorschriften des GUV (Gemeindeunfallsversicherungsverbandes), hat Tim Arndt-Sinner, der pädagogischen Leiterin Iris Eppert und Architektin Gunhild Niggemeier so manchen Schweißtropfen auf die Stirn getrieben, doch letztendlich wurde alles bewältigt. Der Neubau wird in Holzrahmenbauweise errichtet, das geneigte Gründach wird vorne bewachsen sein. Eine Forderung der Gemeindewerke für ihre Förderung war, dass die Technik einsehbar für die Öffentlichkeit ist. So wird es unter anderem Displays geben, die die aktuelle Energieversorgung transparent machen, kündigte Arndt-Sinner an.