Projekt Wedemark 1930 bis 1950

Lehrerin Kathleen Möbius (Mitte) mit den 16 Abiturienten nach deren Präsentation „Verfolgungsschicksale in der Wedemark 1930 bis 1945“. Foto: B. Stache
 
Bürgermeister Helge Zychlinski (rechts) begrüßt die Gäste zur Präsentation im Rahmen des Projekts „Wedemark 1930-1950“. Foto: B. Stache

16 Mellendorfer Abiturienten sind der Geschichte auf der Spur

Mellendorf (st). 16 Abiturienten im Leistungskurs Geschichte des Gymnasiums Mellendorf hatten sich in das von Bürgermeister Helge Zychlinski ins Leben gerufene und von Dr. Franz-Rainer Enste begleitete Projekt „Wedemark 1930-1950“ eingebracht. „Wir sind sehr gespannt darauf, was Sie mit der großen Unterstützung durch Historiker und in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern über unsere Gemeinde herausgefunden haben“, erklärte der Bürgermeister am Montagvormittag im Gymnasium. Unter dem Titel „Verfolgungsschicksale in der Wedemark 1930 bis 1945“ präsentierten die Gymnasiasten im Beisein ihrer Fachlehrerin Geschichte Kathleen Möbius die Ergebnisse ihrer wissenschaftsnahen Arbeit. An der professionell vorbereiteten Präsentation nahmen unter anderem Anna Mohr, Dezernentin der Klosterkammer Hannover, VGH Vertriebsleiter Holger Baumert sowie Christina und Hans-Joachim Föst von der VGH-Vertretung in Bissendorf teil. Das auf mehrere Jahre angelegte Modellprojekt wird von der Klosterkammer Hannover und der VGH-Stiftung gefördert. „Wir haben uns vor gut zwei Jahren auf den Weg gemacht, einmal in der Wedemark zu schauen, was sich im dunklen Kapitel unserer deutschen Geschichte hier abgespielt hat“, erinnerte der Bürgermeister. In der folgenden Präsentation informierten die Schüler zunächst über den historischen Hintergrund ihres Betrachtungszeitraums von 1930 bis 1945. Im Focus stand dabei die Zeit, während die Kriegsgefangenen nach Deutschland gebracht wurden, um die eingezogenen Männer, insbesondere die Bauern und ihre Söhne, auf den Höfen zu ersetzen. „In der Wedemark kam der größte Teil der Kriegsgefangenen aus Frankreich. Aber auch aus Polen und der Ukraine kamen zahlreiche Arbeitskräfte. Vereinzelt wurden auch Russen als Kriegsgefangene hierher transportiert. Sie wurden in Lagern wie dem Saal des Gasthauses Stucke und der heutigen SB Halle in Mellendorf untergebracht und gingen von dort aus täglich zu den ihnen zugeteilten Höfen zum Arbeiten“, hieß es in der Präsentation einer Schülerarbeitsgruppe. Um mehr über die Lebensbedingungen von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in der Wedemark zu erfahren, hatten die Abiturienten Interviews mit drei Zeitzeugen geführt. Die Ergebnisse sind in den Kapiteln „Integration und guter Umgang“ (Die Zwangsarbeiter wurden überwiegend gut in die Familien integriert) sowie „Schlechter Umgang“ (Es gab auch Fälle, in denen die Zwangsarbeiter misshandelt wurden) beschrieben. Die Liebesbeziehung einer Deutschen zu einem Kriegsgefangenen führte zu einem Gerichtsverfahren, das die Schüler ausführlich vorstellten. Sie hatten sich auch mit vermeintlichem Widerstand in Burgdorf auseinandergesetzt. Dazu präsentierten sie ein Flugblatt, das Zwangsarbeiter dazu aufforderte, sich Waffen anzueignen und Betriebe zu stürmen. Die Echtheit dieses Papiers warf bei den Abiturienten Fragen auf – sie seien bei der Recherche auf zu viele Widersprüche gestoßen, hieß es. Eine Arbeitsgruppe erforschte Gräber von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in der Wedemark, eine weitere hatte sich das Kapitel „Jüdische Schicksale in der Wedemark“ vorgenommen. Am Beispiel der beiden vermögenden, jüdischen Familien Rothschild und Rose, die im Zooviertel Hannover lebten, zeigten die Schüler das große Unrecht auf, das den Familien unter anderem beim Verkauf ihres Wochenendhauses und Grundstücks in Gailhof durch die Nationalsozialisten zugefügt worden war. Dort steht heute das Jugend-, Gäste- und Seminarhaus Gailhof. Die Familie Rose wanderte 1939 zunächst nach England aus, die Rothschilds nach Luxemburg, und emigrierten später in die USA. Zum Abschluss der Präsentation lobte Projektkoordinator Dr. Enste die Abiturienten mit den Worten: „Kompliment, ganz große Klasse.“ Während sich die Schüler nun ihrem Abitur zuwenden, findet noch bis zum 18. April – innerhalb des geförderten Projektes – die sogenannte Nachlese statt. „Danach geht die ehrenamtliche Arbeit weiter“, erklärte der Koordinator. Am 19. September 2016 ist ein größeres Symposium zu der Thematik „Wedemark 1930-1950“ im Bürgerhaus in Bissendorf geplant. Dazu hat Bürgermeister Helge Zychlinski die 16 Abiturienten schon jetzt eingeladen.