Schlagerparty aus Polizeiperspektive

Einsatzleiter Rainer Stoermer (M.) und seine Kollegin Nicole Weigelt im Gespräch mit dem Security-Chef Holger Kossack vor dem Zelt der Schlagerparty.Foto: A. Wiese

Offene ständige Präsenz trägt entscheidend zur Deeskalation bei

Brelingen (awi). Ständige offene Präsenz heißt das Prinzip, das die Polizei Mellendorf bei Großveranstaltungen wie zum Beispiel der Schlagerparty in Brelingen am Sonnabend gerne und mit Erfolg anwendet. Diese Vorgehensweise trägt ganz entscheidend dazu bei, dass am Sonntag dann folgende Polizeimeldung herausgegeben werden kann: Die alljährlich stattfindende Schlagerparty in Brelingen verlief aus polizeilicher Sicht relativ unspektakulär. Lediglich nach 3.30 Uhr kam es zunächst zwischen zwei Besuchern der Party zu einem Streit, der in eine Handgreiflichkeit mündete. Bei dem Versuch der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, die Streitenden zu trennen, kam es zu leichteren Verletzungen bei den Beteiligten. Bei Verkehrskontrollen der abwandernden Besucher konnten keine gravierenden Verstöße festgestellt werden. Ebenso blieben die oftmals mit einer solchen Feier einhergehenden Vandalismusaktionen durch Heimkehrer aus beziehungsweise bislang unentdeckt.“
Dahinter steht dennoch für die Polizei eine lange Nacht, in der sie nicht nur mit der Regelbesetzung, sondern zusätzlichen eigenen Kräften plus einem mehrköpfigen Einsatzkommando aus Burgdorf ab 23 Uhr im Einsatz war. Nach der Besprechung im Kommissariat fahren Polizeihauptkommissar Rainer Stoermer, der in dieser Nacht die Leitung der Aktion hat, und seine Kollegin Polizeikommisarin Nicole Weigelt nach Brelingen, parken ihren Polizeibus vor dem Eingang und verschaffen sich einen ersten Überblick auf dem Veranstaltungsgelände. Ihre Kollegen Polizeioberkommissar Hermann Bielke und Polizeikommissarin Jennifer Oppermann übernehmen die Kontrollen des fließenden Verkehrs weiträumig um Brelingen. Um 22.25 Uhr kommen Stoermer und Weigelt zur Wache zurück, um zum einen die Pressevertreterin einzusammeln, die den Polizeieinsatz in dieser Nacht begleitet und zum anderen Absprachen mit den Taxiunternehmen zu treffen, die die Veranstaltungsbesucher zu späterer Stunde nach Hause fahren sollen. Wo sollen die Taxen warten, wo steht Rangierplatz zur Verfügung, sind die dringendsten Fragen. „Das Zelt füllt sich langsam“, ist die Nachricht, die Stoermer und Weigelt aus Brelingen mitbringen. Um 22.45 Uhr geht es zurück nach Brelingen. Die Burgdorfer Kollegen, die erwartet werden, sollen sich zunächst von Stefan Giere in der Wache einweisen lassen und dann nach Brelingen kommen. Dort unternehmen Rainer Stoermer und Kollegin Nicole Weigelt einen erneuten Gang übers Schlagerpartygelände, betreten das Zelt aber nicht. Sie wollen sehen und gesehen werden, zeigen die offene Präsenz einfach, indem sie ruhig dastehen. Von den Besuchern werden sie zu diesem Zeitpunkt so gut wie nicht beachtet. Polizei bei der Schlagerparty, das scheint keiner ungewöhnlich zu finden. Security-Chef Holger Kossack gesellt sich zu den Polizisten. „Wir sind mit zwölf Mann heute abend im Einsatz. Die Ausweiskontrollen zur Einhaltung des Jugendschutzgesetzes ziehen wir akribisch durch. Das will der Veranstalter so und das ist auch in Ordnung“, berichtet Kossack. Ausweiskontrollen und das Hausrecht wahrnehmen, das sind die Hauptaufgaben des Sicherheitsdienstes. „Wir haben quasi die Jedermannsrechte“, erklärt der Sicherheitschef. Kurz danach schlagen seine Kollegen das erste Mal Alarm: Eine junge Frau ist umgekippt. Schnell steht fest, hier kamen wohl Alkohol- und psychische Probleme zusammen. Security und Polizisten übergeben die Frau dem Rettungsdienst. Es ist 0.10 Uhr. Mittlerweile ist die Verstärkung aus Burgdorf eingetroffen. Eine kurze Absprache bestätigt: Es soll offene Präsenz gezeigt werden. Der Sicherheitsdienst meint, es sei weniger los als in den Vorjahren, zumindest zu diesem Zeitpunkt. „Ich finds gut, wenn nichts passiert“, stellt Nicole Weigelt fest: „Es ist doch schön, wenn die Leute feiern. Ich war früher auf einem Revier in Hannover, da gab es oft genug Rangeleien.“ Zur Abwechslung begeben sich Störmer und Weigelt jetzt mal wieder zu ihrem Bus vorm Eingang. Die Burgdorfer Kollegen streifen in zwei Dreiergruppen über den Platz und gucken auch mal ins Zelt, aus dem die typische Schlagermusik in kräftiger Lautstärke nach draußen dringt. Um 0.20 Uhr fährt der Mellendorfer Wagen kurz zur Wache, ein bisschen aufwärmen, eine Scheibe Brot essen und was man sonst so zu erledigen hat. Doch lange dauert die Pause nicht. Um 0.50 Uhr sind Stoermer und Weigelt zurück in Brelingen, stehen wieder vorm Zelt. Je später die Stunde, des-to kontaktfreudiger werden die Schlagerpartybesucher gegenüber den Polizisten: „Darf ich meine Zigarettenkippe hier fallen lassen“, fragt der eine, der andere bewundert Nicole Weigelt „schöne braune Augen“ und gibt erst Ruhe, als sie ihren Ehering demonstrativ zeigt. „Endlich mal eine schöne Polizis-tin“, ist der Spruch, den sie sich um 1.20 Uhr anhören muss und von da an werden die Kommentare häufiger. „Sieh an, die Staatsmacht“, gehört noch zu den unverfänglichsten Sprüchen. Doch Nicole Weigelt und Rainer Stoermer reagieren immer gleichbleibend ruhig und gelassen, lassen sich in ein Gespräch ein und drehen sich um und gehen weiter, wenn sie keine Lust mehr haben. Gegen 0 Uhr fiel auf, dass viele Eltern ganz offenbar ihre minderjährigen Kinder abholen, die die Veranstaltung laut Jugendschutzgesetz um Mitternacht verlassen müssen. Gegen 1 Uhr wird die Taxenschlange länger und tatsächlich, jetzt geht ein großer Schwung „mittelalter“ Besucher. Gut angenommen wird der Einsatzbus, den der Veranstalter organisiert hat und der stündlich von Brelingen über Mellendorf, Bissendorf, Kaltenweide, Engelbostel und Langenhagen wieder zurück nach Brelingen pendelt – kostenlos. Jetzt macht sich der wachsende Alkoholpegel der verbleibenden Besucher bemerkbar. „Da schreien sich zwei im Gebüsch an“, werden die Polizisten um 3.15 Uhr alarmiert. Wenig später, als sie sich in weiser Voraussicht bereits im Zelteingang aufhalten, kommt es im Zelt zur eingangs genannten Auseinandersetzung. Die Polizei unterstützt die Security, nimmt die beiden Beteiligten mit nach draußen, notiert Personalien, beruhigt aufgeregte Freundinnen und versucht Klarheit in das Geschehen zu bringen. Das zieht sich bis nach 4 Uhr hin, als verabredungsgemäß die Musik ausgeht. Stoermer und Weigelt bleiben in Brelingen, bis um 5.15 Uhr auch die letzten zum Teil stark alkoholisierten Besucher in Taxen, Busse oder die Privatwagen nichtalkoholisierter Fahrer verfrachtet sind, denn die Temperaturen sind mittlerweile unter null Grad gerutscht und da kommt eine Nacht im Graben, um seinen Rausch auszuschlafen, nicht so gut. Um 5.30 Uhr sind Rainer Stoermer und Nicole Weigelt wieder auf der Wache in Mellendorf, um ihren Bericht zu schreiben: „Es war eine unspektakuläre Nacht.“