Schüler arbeiten am Thema „Flüchtlinge“

Die Schüler bedankten sich bei den Zeitzeugen mit einer Rose: Ronja Martens bei Georg-Wilhelm Kuske (vorne) und Mareile Schmieta bei Jochen Wimmer (im Hintergrund). Allen hat das Projekt sehr viel gegeben, bestätigten sie bei der abschließenden Filmvorführung. Fotos: A. Wiese
 
Bürgermeister Helge Zychlinski (von links), Claudia Woitzic und Shaun Hermel von der Gedenkstätte Ahlem, Schulleiterin Swantje Klapper und Tutorin Kathleen Möbius waren begeistert von dem Projekt der Schüler.

Gymnasiasten interviewen Zeitzeugen von 1945 und haken aktuell nach

Wedemark (awi). Gespannt verfolgen Georg-Wilhelm Kuske und Jochen Wimmer den 15-minütigen Film, den Schüler des Geschichtsleistungskurses des Gymnasiums Mellendorf im Rahmen ihres Projektes zum Thema Flüchtlinge erstellt haben. Kuske und Wimmer sind zwei der Zeitzeugen, die die Schüler nach einer Fortbildung in der Gedenkstätte Ahlem interviewt haben. Shaun Hermel und Claudia Woitzik von der Gedenkstätte , Bürgermeister Helge Zychlinski und Dr. Franz Enste, Sprecher des Projektes Erinnerungskultur – Aufarbeitung der Geschichte der Wedemark von 1933 bis 1950/55, sowie Martin Stöber vom Institut für Regionalgeschichte sitzen ebenfalls im Publikum. Tutorin Kathleen Möbius begrüßt die Schüler und Gäste und startet den Film. Am Anfang habe die Frage gestanden, inwieweit Schüler einen Beitrag zu dem Gemeindeprojekt leisten könnten, sagt Lehrerin Möbius. Sie sei überzeugt, dass es ihnen gelungen sei, die Bilder im Film sprächen für sich.
Sein Nachbar, der Deutsche, habe erst so geguckt, aber dann nach einem Monat sein Herz für ihn aufgemacht, als er gesehen habe, dass er regelmäßig arbeiten gehe und freundlich grüße, erzählt ein ausländischer Mitbürger: „Dann hat der Nachbar zu mir gesagt, Ausländer, die wie ich sind, seien herzlich willkommen.“ Auszüge aus dem Mellendorfer Kriegstagebuch vom März 1945 werden gezeigt und Georg-Wilhelm Kuske erzählt im Interview von seiner Flucht aus Pommern: „Für uns Kinder hatte das am ersten Tag noch einen Hauch von Abenteuer, aber dann kamen wir nur noch im Schweinestall unter, es war kalt und hat gestunken. Später wurden wir in Baracken geführt, haben auf Strohsäcken geschlafen. Als meine Mutter und ich ein kleines Zimmer zugeteilt bekommen haben, mussten wir uns selber durchbringen, aber wie macht man das, wenn man keine Beziehungen hat. Und das schlimmste war: Ich konnte monatelang nicht zur Schule gehen – weil ich keine Schuhe hatte.“ Jochen Wimmer aus Bückeburg, dessen Enkelin mit zum Leistungskurs Geschichte gehört, erinnert sich, dass seine Mutter in dem kleinen Dorf im Landkreis Langensalza, in dem die Familie auf der Flucht einquartiert worden war, vergeblich um Milch gebettelt habe, um ihr Baby zu ernähren. „Ihr habt hier nichts verloren“, habe man ihnen an den Kopf geschmissen. Hannelore Halberstadt hat Verständnis dafür, dass die Leute nicht begeistert waren, dass ihre Zimmer für die Flüchtlinge von den Trecks beschlagnahmt wurden. Doch gerade deshalb möchte sie heute die Menschen, die ihre Heimat verloren haben, freundlich empfangen.
Schülerin Ronja hat Bilder bei der Pegida-Demonstration in Hannover und auch auf der Gegendemonstration, die eigentlich ihr Ziel war, gemacht und sie in den Film integriert. Auch die aktuelle Problematik der Flüchtlingsunterbringung in der Wedemark und die Beschlagnahme der Turnhalle in Scherenbostel kommen zur Sprache. Bürgermeister Helge Zychlinski berichtet von den Herausfordreungen, vor die die Gemeindeverwaltung gestellt ist. 300 Menschen mussten im letzten Jahr untergebracht werden, 112 in diesem Jahr, bis die augenblickliche Quote erfüllt ist. Dennoch haben Passanten den Schülern bei einer Umfrage gesagt, dass 42 Prozent meinen, es müssten noch weitere Kapazitäten geschaffen werden, 39 Prozent finden, es seien ausreichend Kapazitäten vorhanden. „Ärger, der sich massiv entlädt, kann ich nicht feststellen“, sagt Zychlinski im Interview. Die Schüler haben Zeitungsartikel gesammelt und sind schließlich sogar im Gemeindearchiv – den Kis-ten mit Akten im Keller des Rathauses – fündig geworden: Die Schulkinderzahl in Mellendorf ist nach 1945 durch die Flüchtlinge von 94 auf 171 gestiegen. „Der Umgang der Kinder untereinander war immer noch der normals-te“, erinnert sich Hannelore Halberstadt.
„Wir hatten noch lange den Stempel Flüchtling“, weiß Georg-Wilhelm Kuske: „Wir waren die von drüben, die alles in den Hintern gepustet bekamen, wie die Leute dachten. Das ist mir auch noch in Meitze passiert. Dabei haben meine Mutter, mein Bruder und ich lediglich 16.000 Mark für unseren Bauernhof in Pommern bekommen. Würden Sie dafür Ihren Bauernhof hergeben?“ Auch Jochen Wimmer erinnert sich, dass die Schüler sich auch beim Klassentreffen nach 40 Jahren noch „Der Ausgebombte“ oder „der Preuß“ nannten. „Das saß tief“. Mit jeweils einer Rose bedankten sich die Schüler nach dem Film bei ihren Interviewpartnern. „Wir haben gemerkt, was fü ein zerbrechliches Gut das Wissen der Zeitzeugen ist. Irgendwann ist es weg“, sagt Mareile Schmieta und sie hat sich vorgenommen, ihre Großeltern mehr nach der Vergangenheit zu befragen. „Das Emotionale findet man nicht in Büchern.“ Emi Muminovic findet, dass bei der Umfrage in der Bevölkerung schnell die Tendenz klar wurde. Keiner wollte als ausländerfeindlich dastehen, aber man habe gemerkt, wenn jemand keine flüchtlingsfreundliche Einstellung hatte. Sie habe bis zu diesem Projekt nicht gewusst, was in Ahlem passiert sei, weil sie erst vor zwei Jahren hergezogen sei. „Wir müssen viel toleranter gegeüber den Flüchtlingen sein“, ist Emi überzeugt. Katharina Welk fühlte sich mit der Recherche im Gemeindearchiv zunächst total überfordert, war frustriert. Doch dann hätten sie doch was gefunden und festgestellt: „Wir hatten Geschichte in der Hand!“ Ronja Martens fand es spannend mit ihren Filmaufnahmen von der Demo in Hannover im Film die Brücke zwischen heute und damals zu spannen. „Ich bin auf beiden Seiten Ressentiments begegnet. Die krassen Extreme haben mich emotional sehr berührt“, so Ronja. Shaun Hermel von der Gedenkstätte Ahlem zollte den Schülern ein dickes Lob. Sie hätten ein fast schon „unnatürliches Engagement“ gezeigt. Der Film sei total gelungen, ein Brückenschlag in die Vergangenheit, den die Gedenkstätte gerne einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen würde. Er dankte auch der engagierten Klassenlehrerin Kathleen Möbis und hofft, dass das Projekt mit jungen Menschen weiterläuft. Es sei viel anschaulicher, als dies Fakten und Zahlen aus den Geschichtsbüchern sein könnten. Claudia Woitzic sieht in diesem Projekt ein Vorbild für modernen Geschichtsunterricht. Schulleiterin Swantje Klapper bedankte sich ebenfalls sehr herzlich bei den Zeitzeugen: „Wir konnten erfahren, wie bewegend Ihre Geschichte ist, durch welche Talstrecken Sie gehen mussten in Ihrer Jugend und es ist toll, dass Sie das weitergeben!“ Bürgermeister Helge Zychlinski sah das ebenso. Die Bereitschaft der Zeitzeugen über das Erlebte zu reden, sei nicht selbstverständlich. Er freut sich, dass das Gymnasium mit einem neuen Kurs das Projekt der Gemeinde, ihre Geschichte von 1933 bis 1955 aufzuarbeiten, unterstützen will und bat um eine Kopie des Films.