Sicherheit für die Kinder steht obenan

Die Flüchtlingsfamilie Suliman mit Sozialarbeiterin Mathea Müller (Mitte). Foto: A. Wiese

Familie Suliman aus dem Irak war zwei Jahre lang auf der Flucht

Mellendorf (awi). Es dauert einen Moment, bis man als Außenstehender durch die Verhältnisse in der irakischen Familie Suliman durchgestiegen ist, aber dann kann man nur sagen: Hochachtung vor dem Zusammenhalt und dem Verantwortungsgefühl. Im Mittelpunkt stehen die Kinder: die Geschwister Younis (10), Shakir (8) und Khaula (6), die Brüder Nashwan (12) und Anas (10). Für sie hat ihr Onkel Marwan (29) die Verantwortung un die Vormundschaft, denn die Väter der Kinder, seine Brüder sind noch im Irak und wann sie nachkommen können, steht noch in den Sternen, denn zurzeit seien die Jesiden im Schutzstreifen der UN sicherer als wenn sie sich auf die lange und gefährliche Flucht begeben würden, erzählt Marwan mit Hilfe von Dometscher Avar Azad. Der arbeitet für den ASB und unterstützt die Gemeinde Wedemark mit seinen Sprachkenntnissen. Mit Familie Sulimann verständigt er sich auf Kurdisch, die Sprache, in der sich auch die Familienmitglieder untereinander unterhalten. Doch sie bemühen sich, auch zuhause vermehrt Deutsch zu sprechen, denn dass die Sprache ihres neuen Heimatlandes ihr Schlüssel für die Zukunft hier ist, ist allen klar. Die Kinder, die zur Schule gehen, wie zum beispiel Nashwan und Anas und die jungen Männer Reza (19) und Nawas (21), Cousins von Marwan Suliman, die die Kurse des IKT besuchen, verstehen bereits ganz gut Deutsch. Es vor Fremden zu sprechen, da ist die Hemmschwelle noch groß, aber auch das klappe schon recht gut, versichert Dolmetscher Azad. Mittelpunkt der Familie ist neben Familienoberhaupt Marwan, der als gelernter Mechaniker gerade ein Praktikum im Autohaus Kahle absolviert und sich eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker gut vorstellen könnte, Wahida Darwesh (26), die Mutter von Shakir, Khaula und Younis und Frau von Marwans Bruder, der noch im Irak ist. Sie kümmert sich auch um Anas und Nashwan, die Kinder des anderen, ebenfalls im Irak verbliebenen Bruders, deren Mutter tot ist, und den noch minderjährigen Cousin Anwar (16). Trotzdem bemüht sich Wahida, mehrmals in der Woche ebenfalls zu Deutschkursen des IKT in Mellendorf und im Gemeindehaus in Mellendorf zu gehen. Alle zehn Familienmitglieder hatten sich im Rahmen eines großen Flüchtlingstrecks mit rund 1.000 Personen, die meisten Jesiden, im August 2014 i,nach dem Angriff des IS auf die Stadt Shingal im Irak zu Fuß auf den Weg gemacht, zunächst nach Syrien. Teile des Flüchtingszuges zogen weiter in die Türkein, die anderen wie auch Familie Suliman, bleib zunächst in Syrien, musste sich jedoch dann wieder auf den Weg zurück in den Irak machen und landete für über ein Jahr in einem Camp im Nordirak. Für die Kinder gab es provisorischen Schulunterricht in einem Zelt bei ehrenamtlichen Lehrern, zu Leben hatte die Großfamilie nur das Nötigste. Ende 2015 machten sich die Sulimans wieder auf den Weg, zu Fuß in die Türkei, von dort mit einem Boot nach Griechenland und weiter über die damals noch offene Balkanroute über Mazedonien und Serbien zu Fuß und mit dem Bus, einmal sogar 20 Kilometer mit einem Taxi nach Europa. Mit Essen versorgt wurden sie unterwegs vor allem vom Militär und der Polizei, berichtet Marwan Suliman. Doch auch viele ganz normale Leute hätten ihnen unterwegs Essen gegeben. „Wir haben uns über alles gefreut, was wir bekommen haben, haben alles gegessen, wir waren müde und hungrig und oft verzweifelt", erinnert sich Marwan. Mitte November 2015 erreichten sie die Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig und kamen von dort im Januar 2016 in die Wedemark, wo sie zunächst Aufnahme in der Jugendhalle in Mellendorf fanden. Waren sie enttäuscht, nicht sofort eine Wohnung zu bekommen? Nein, sagt Familienoberhaupt Marwan: "Wir waren einfach dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben und in Sicherheit zu sein." Sie wussten ja auch, das die Sammelunterkunft nur eine Übergangslösung sein sllte. Im März konnte die zehnköpfige Familie ihre Wohnung in Mellendorf beziehen. Dort haben sie die kompette untere Etage eines Einfamliienhauses mit fünf Zimmern zur Verfügung und einen großen Garten, den sie auch bereits eiftig bearbeiten. Wahida und die kleinen Kinder haben ein Zimmer für sich, ebenfalls die jungen Männer und die älteren Kinder. Familienchef Marwan schläft im Wohnzimmer auf dem Sofa. Alle Familienmitglieder befinden sich zurzeit im Status der Gestattung, erklärt Sozialarbeiterin Mathea Müller von der Gemeinde Wedemark, die die Familie betreut. Der Asylantrag ist gestellt, sie warten jetzt auf die Rückmeldungvom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, ob er genehmigt wird. "Da bestehen aber bei der Familie Suliman eigentlich keine Zweifel", sagt Mathea Müller angesichts der politischen und religiösen Verfolgung der jesidischen Familie. Mit Genehmigung der Ausländerbehörde können die jungen Männer in diesem Status auch eine Arbeit aufnehmen und absolvieren zur Zeit ein Praktikum, Marwan im Autohaus, Nawas als Krankenpfleger im Krankenhaus Großburgwedel.
Beide streben eine handwerkliche Ausbildung an, aber auch die Krankenpflege gefällt Nawas ausgesprochen gut.
Crash-Integrationskursusw
Sie haben bereits einen dreimonatigen Crash-Integrationskurs absolviert und kommen mit dem Deutschlernen gut voran. Für Wahida ist die Situation viel schwieriger: Anders als die Männer hat sie im Irak keine Schule besucht und ist noch nicht alfabetisiert. Aber das will die hochmotivierte junge Frau auf jeden Fall nachholen, versichert sie mit Hilfe von Dolmetscher Avan Azad. Der zwölfjährige Nashwan besucht die sechste Klasse der IGS Wedemark und die Sprachlernklasse. Im normalen Unterricht gefallen ihm die Fächer Englisch, Gesellschaftskunde und Deutsch am besten, erzählt er. Seine Mitschüler und die Lehrer seien sehr hilfsbereit. Nashwan meint momentan, er würde selbst gern einmal Lehrer werden, räumt aber ein, dass sich das noch mal ändern könnte. In seiner Freizeit geht er am liebsten Inline Skaten, hat sich in seiner Zeit in der Jugendhalle viel von Johannes Schnehage und seinen Skaterfreunden, die die Flüchtlingskinder, die Interesse am Skaten hatten, unter ihre Fittiche genommen hatten, abgeguckt.
Am letzten Donnerstag ging die ganze Familie Suliman mit dem Nabu zum Apfelpflücken in einem Garten an der Hermann-Lönsstraße, anschließend backte Wahida jede Menge Apflelkuchen und alle gingen zu einem großen Treffen jesidischer Famlien in Hannover am Sahlkamp, ein Projekt, das Dolmeter Avan Azad vermittelt hat. „Wir sind sehr dankbar, dass wir hier mit offenen Armen aufgenommen wurden und möchten uns auch unbedingt integrieren, doch wir möchten auch unsere Kultur nicht verlieren“, sagt Familienoberhaupt Marwan ernst. Er und seine Cousins haben großen Respekt vor den Menschen hier und ihrer großen Toleranz und Hilfsbereitschaft, und doch haben alle auch noch ein wenig Heimweh, vor allem nach den Familienmitgliedern, die noch im Irak sind.