Symposium Erinnern – Wozu?

Professor Andor Izsák sorgt mit seinem Klavierspiel für den feierlichen, musikalischen Rahmen des Symposiums im Bürgerhaus in Bissendorf. Foto: B. Stache
 
Professor Andor Izsák sorgt mit seinem Klavierspiel für den feierlichen, musikalischen Rahmen des Symposiums im Bürgerhaus in Bissendorf. Foto: B. Stache

Festredner im Bürgerhaus Bissendorf betonen Bedeutung von Geschichte

Bissendorf (st). Zu einer besonderen und in dieser Form einmaligen Veranstaltung hatte die Gemeinde Wedemark am Montagnachmittag in das Bürgerhaus in Bissendorf eingeladen. Unter dem Titel „Erinnern – Wozu (überhaupt)?“ gab es im Rahmen des Projektes „Geschichte der Wedemark 1930-1950“ ein Symposium. Bürgermeister Helge Zychlinski begrüßte nach der musikalischen Eröffnung durch Professor Andor Izsák unter den 180 Gästen ganz besonders den Koordinator des Geschichtsprojektes, Dr. Franz Rainer Enste. Der Bürgermeister nutzte die Gelegenheit, allen an dem Projekt Beteiligten für ihr Engagement zu danken. Er erinnerte an die Anfänge der geschichtlichen Aufarbeitung in der Wedemark und zitierte die ehemalige Erste Gemeindrätin Konstanze Beckedorf anlässlich einer Besprechung im März 2014: „Wusstest du eigentlich, dass wir auf dem Friedhof in Elze Zwangsarbeiter-Gräber haben?“ Der Bürgermeister musste damals verneinen. „Wir wussten es auch als Verwaltung offiziell nicht“, erinnerte sich Helge Zychlinski. „Diese Gräber waren verwildert und vergessen, so ähnlich wie die Geschichte von 1930 bis 1950.“ Am Montagabend, zum Abschluss des Symposiums, übergab der Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für Historische Regionalforschung, Martin Stöber, gemeinsam mit der Wedemärker Historikerin Sabine Paehr die bisher ermittelten Ergebnisse des Projekts an Bürgermeister Helge Zychlinski. Es ist dies das Resultat gezielter Zusammenarbeit von ehrenamtlicher und professioneller historischer Forschung zur Beleuchtung der 20-jährigen Geschichte der jetzigen Wedemark vom Ende der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zum Kriegsende und zur demokratischen Neuorientierung sowie zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor hatten Professor Dr. Carl-Hans Hauptmeyer, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Niedersächsischen Instituts für Historische Regionalforschung, und der ehemalige Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ), Dr. Wolfgang Mauersberg, Festansprachen gehalten. In seiner geschichtsträchtigen Rede, bei der er sich zahlreicher Bilder aus der Ilias bediente, machte Professor Dr. Carl-Hans Hauptmeyer unter anderem den Unsinn von Krieg und Sinn von Frieden deutlich. „Konflikt, Kampf und Krieg als Droge – Leitmotiv des Nationalsozialismus“, formulierte es der Redner. „Das Verdienst dieser Arbeit liegt darin, dass Sie versucht haben, den Opfern Namen zu geben und ihr Schicksal nachzuzeichnen“, stellte Dr. Wolfgang Mauersberg fest und dankte dafür den Projektbeteiligten. Zum Thema Flüchtlinge erklärte er: „Krisen durch Flüchtlinge hatten wir schon mehrfach in unserer Geschichte. 1945 sind Millionen von Deutschen vertrieben worden und hier im Westen gelandet.“ Es habe damals durch den Zuzug große Probleme gegeben, die sich erst nach vielen Jahren aufgelöst hatten. Der Redner erinnerte auch an die Zeit Anfang der 1990er Jahre, als viele Menschen aus Russland und Jugoslawien nach Deutschland kamen. Damals habe es schwerwiegendere Probleme als heute gegeben, betonte Dr. Wolfgang Mauersberg. „Insgesamt hat unser Land von der Zuwanderung seit 1945 profitiert. Die meisten Einwanderer sind integriert oder in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Integration könnte auch diesmal gelingen, falls der Zustrom abnimmt“, stellte er fest. „Die Geschichte hat uns geprägt. Ihr verdanken wir unsere Erfahrung.“ Mit den Worten „Es gibt keinen Menschen ohne Geschichte“ schloss Dr. Wolfgang Mauersberg seine Festrede. Bürgermeister Helge Zychlinski fand in seinem Schlusswort mahnende Worte: „In Anbetracht der gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Monate und Jahre – und ich schließe da Wahlergebnisse ausdrücklich ein – ist die Erinnerung wichtiger denn je. Zu leichtfertig werden diejenigen Kräfte in unserer Gesellschaft gestärkt, die mit unserer Demokratie nichts Gutes im Schilde führen – übrigens auch hier in der Wedemark!“. Vor Beginn des Symposiums und während des Empfang gab es Gelegenheit, im Erdgeschoss des Bürgerhauses die bisherigen Projektergebnisse anzuschauen. Die Arbeit der beiden beteiligten Leistungskurse des Gymnasiums Mellendorf, des Arbeitskreises Regionalforschung und des Richard-Brandt- Museums, der Gedenkstätte Ahlem sowie die von Maria Eilers in dem Buch „Die Wedemark, meine Liebe“ erstellten Zeitzeugenberichte können sich sehen lassen. Viele Gäste machten von diesem Ausstellungsangebot Gebrauch. „Das ist schon ein bewegendes Gefühl, zu sehen, wie sich bei dieser Ausstellung motivierte, interessierte Menschen versammeln und sich mit einer Geschichte konfrontieren wollen, an die man sich nicht so gerne erinnert“, erklärte Professor Andor Izsák. Mit Blick auf die jugendlichen Teilnehmer am Symposium „Erinnern – Wozu?“ stellte er mit Begeisterung fest: „Ich glaube, dass es das Allerwichtigste ist, dass die Jugend diese Aufgabe an sich reißt. Wir Veteranen können nicht mehr lange mit unserer immer leiser werdenden Stimme darüber sprechen. Eine Zukunft gibt es ohne Erinnerung an unsere Geschichte nicht. Ich bin begeistert, wie viele junge Leute heute hier versammelt sind.“