Szenische Lesungen zum Thema Holocaust

Die Schauspieler Harald Schandry (links) und Bernd Surholt diskutieren mit den Gymnasiasten nach der szenischen Lesung. Foto: B. Stache
 
Die Schauspieler Bernd Surholt (links) und Harald Schandry bei der szenischen Eichmann Protokolle-Lesung am Gymnasium Mellendorf. Foto: B. Stache

„Den Nationalsozialismus und seine Brutalität kann man nicht verdrängen“

Mellendorf (st). Äußerst beeindruckt waren die Schüler des Gymnasiums Mellendorf von den beiden szenischen Lesungen, die den Kern der Gedenkfeier zur Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungs- und Konzentrationslagers Auschwitz bildeten. Während am Dienstagvormittag in allen 7. und 8. Klassen Schüler Texte zum Thema Holocaust und Auschwitz vorlasen, hatte die Geschichtsfachgruppe des Gymnasiums um Fachschaftsleiterin Geschichte, Reglindis Plasch, die beiden Lesungen durch professionelle Schauspieler und Bühnenleser arrangiert. Den 250 Schülern der 9. und 10. Klassen stellte Plasch die beiden Akteure der ersten Lesung vor. Frank Braunert-Saak, Schauspieler vom Bremer Tourneetheater, sowie Jens Ihnen, Autor und Lesereisender, traten mit „Adressat unbekannt“ nach dem 1938 veröffentlichten, gleichnamigen Briefroman der Amerikanerin Kathrine Kressmann Taylor auf die Bühne. Der Roman liefert tiefe Einblicke in die Psyche eines Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Jens Ihnen verkörperte als Max einen in Amerika lebenden Juden, während Braunert-Saak die Rolle des in München wohnhaften deutschen Freundes und Kunsthändlers Martin übernahm. Zwischen beiden Männern entwickelte sich vor und während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland ein Briefwechsel, der die erschreckende Wandlung des Martin – vom Liberalen Geist zum fanatischen Nationalsozialisten und Anhänger Adolf Hitlers – widerspiegelt. „Ein Führer ist erkoren. Ein Führer wohin?“ lautet ein Zitat aus einem der ersten Briefe des Martin an seinen amerikanischen Freund. Während Martin zu Beginn noch Zweifel am Erfolg der neuen Machthaber in Deutschland hegt, zeigt der weitere Briefwechsel die am Nationalsozialismus zerbrechende Freundschaft zwischen den zwei Männern beiderseits des Atlantiks. „Während des Stückes war ich fassungslos und tief betroffen. Wie sich der Deutsche Martin in seinem Inneren so wandeln kann und ihm die jahrelange Freundschaft mit Max plötzlich nichts mehr bedeutet“, beschrieb die 15-jährige Lea-Marie Hennings ihre Gefühle. 250 Schüler der 10. und 11. Klassen nahmen an der zweiten Lesung teil. „Wesentlich ist die Auseinandersetzung mit der Psychologie der Täter“, erklärte Reglindis Plasch zur Einführung in die szenische Lesung „Eichmann Protokolle: Arzt hätt` ich nicht werden dürfen“ mit den Schauspielern Harald Schandry als israelischer Verhöroffizier und Bernd Surholt, der die Rolle des Eichmann spielte. Otto Adolf Eichmann, der bei seinen Verhören in Israel versuchte, sich als Befehlsempfänger und Unschuldiger darzustellen, organisierte und leitete während des Zweiten Weltkriegs die Vertreibung und Deportation der Juden. Er trug damit einen großen Teil der Schuld an der Ermordung von zirka sechs Millionen Menschen in Europa – allein in Auschwitz wurden 1,1 Millionen Juden ermordet. „Führerworte haben Gesetzeskraft. Egal, was mir befohlen wurde, ich habe gehorcht“, wird Eichmann zitiert. Nach der beeindruckenden Lesung folgte eine Diskussion mit den Gymnasiasten. Dabei lieferten die beiden Schauspieler den Schülern weitere Hinweise zur Person Eichmanns. Es wurde deutlich, dass Eichmann während der Naziherrschaft eine ganz andere Rolle spielte, als er während des Prozesses vorgab. „Wir tragen durch unser Tun einen Teil zur Aufarbeitung bei. Ihr könnt das weitertragen“, rief Bernd Surholt den Gymnasiasten zu. Nach dieser Lesung erklärte die 17-jährige Maxi Knoche: „Ich konnte nicht nachvollziehen, wie sich ein solcher Mensch, der so etwas getan hat, unschuldig fühlen kann.“ Die schauspielerische Leistung der beiden Darsteller fand die Schülerin großartig, vor allem die Mimik des Eichmann-Darstellers Bernd Surholt. „Die Aussagen zur Tätersicht waren für mich ein ungewohnter, aber wichtiger Beitrag. Den Nationalsozialismus und seine Brutalität kann man nicht einfach verdrängen.“ Schauspieler Harald Schandry fand nach der Vorstellung lobende Worte für sein junges Publikum. „Das waren sehr aufmerksame, gut vorbereitete Schüler, die auch tiefgründige Fragen gestellt haben.“ Schulleiterin Swantje Klapper erklärte zum Abschluss der besonders gestalteten Gedenkfeier: „Ich bin sehr dankbar, dass die Fachgruppe Geschichte die Organisation so perfekt übernommen hat und unsere Schülerinnen und Schüler das Thema noch einmal auf eindrucksvolle Weise vergegenwärtigen – weil es ganz aktuell ist.“