Themenabend der IGS gut besucht

Der große Unterschied und die Folgen in der Schule

Wedemark. Zum gut besuchten Themenabend "Wie Jungen und Mädchen lernen" hat der Förderverein der IGS Wedemark die bekannte Autorin, Managementtrainerin und Leiterin des Instituts für gehirn-gerechtes Lernen Vera F. Birkenbihl bereits ein zweites Mal "fast life" auftreten lassen. Die vhs Hannover Land führte im Rahmen ihres Wissenskinos eine Filmaufzeichung mit Frau Birkenbihl zu dem Thema in der Aula der Grundschule Mellendorf vor, die so manche Überraschung für die rund 70 anwesenden Eltern und Pädagogen offenbarte. Vera F. Birkenbihl erklärte in kurzweiliger und leicht verständlicher Form mit Rückgriff auf die Natur-, Verhaltens- und besonders die Neurowissenschaften, dass sich Jungen und Mädchen von Natur aus weit mehr unterscheiden würden als nur durch den kleinen Unterschied. So erforderten ihre unterschiedlichen körperlichen Entwicklungsbedürfnisse auch eine Verschiedenheit in der Entwicklung ihrer motorischen Fähigkeiten, also der Gehirnarchitektur. Diese Erkenntnis sei für deren geistige Entwicklung von größter Bedeutung, würde jedoch fast völlig im Gegensatz zum schulischen Alltag geraten. Zum Beispiel erfordere das Wachstum der Jungen bis etwa zur Pubertät zunächst die Ausbildung der Grobmotorik, da die Jungen sehr viel Bewegung benötigen, um die im Vergleich zu Mädchen größeren und anderen Muskeln aufzubauen. Ihren Bedürfnissen entspricht das Lernen durch Experimentieren und Beobachten. In den meisten Schulen werde jedoch auf Stillsitzen, Zuhören und Feinmotorik größerer Wert gelegt, Forderungen, die von Natur aus eher den Mädchen entsprächen. Denn im Unterschied zu den Jungen sei die Entwicklung der Mädchen etwa bis hin zur Pubertät auf den Erwerb feinmototischer und kommunikativer Fähigkeiten ausgerichtet. So lernen sie zum Beispiel in erster Linie über das Gehör und bringen von Natur aus ein ausgeprägtes Sprachverständnis mit. Ein anwesender Junglehrer bemerkte, dass diese Erkenntnisse selbst in der Ausbildung von Pädagogen noch nicht angekommen sei. Frau Birkenbihl schilderte die Folgen durch die Missachtung dieser Unterschiede in unserem Erziehungs- und Schulsystem, das vom hohen Anteil von Pädagoginnen über die Lehrpläne bis hin zur Ausstattung der Unterrichtsräume strukturell weiblich ausgerichtet sei, was die schulische Karriere vieler Jungen nicht fördere und sich in vielen Familiendramen niederschlage. Neuere Untersuchungen belegen, dass die meisten Mädchen den Jungen in den schulischen Leistungen deutlich überlegen seien. Es gehen weit mehr Mädchen zum Gymnasium als Jungen, obwohl es an den Grundschulen mehr Jungen gebe. 72 Prozent der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss seien Jungen. Von den verhaltensgestörten Kinder seien 95% männlich. Die sogenannte ADHS komme bei Jungen sechs bis neunmal häufiger als bei Mädchen vor. In Deutschland würden die Jungen doppelt so oft sitzen bleiben wie die Mädchen. Ebenfalls würden sie doppelt so oft vom Gymnasium verwiesen. Und die Jungen landeten zweimal so häufig auf Sonderschulen wie die Mädchen. Vera F. Birkenbihl zeigte mehrere Fördermöglichkeiten auf, wie Lehren und Lernen trotz des Schulsystems schon durch den Einsatz einfacher Mittel und Methoden Freude bereiten und die Dramen in den Familien ohne Ritalin vielleicht vermieden werden könnten. Ein anwesender Vater, der sich selbst als Schulgeschädigter fühlte, verwies auf die anderen Unterrichtsmethoden der IGS. Diese sagten ihm so zu, dass er sogar selbst wieder Lust hätte zur Schule zu gehen. Eine anwesende IGS- Lehrerin kommentierte, dass in der Tat ein vielfältiges Angebot erforderlich sei, welches beide Geschlechter anspreche. Es ginge also um eine Ergänzung und Veränderung der Unterrichtsinhalte, nicht um einen Jungen- und einen Mädchenunterricht. Das Stichwort sei Öffnung, an deren Ansätzen die IGS Mellendorf bereits arbeitete. Das Publikum war sich darin einig, dass die Themenabende fortgesetzt werden und der Kreis der Einzuladenden um die ortsansässigen Ärzte, die Grundschulen sowie die Kindertagesstätten erweitert werden sollte.