Über das Kinder-Pflegeheim Mellendorf

Uwe Dietrich ist seit vier Jahren Pädagogischer Leiter im Kinder-Pflegeheim Mellendorf. Foto: B. Stache

Bernd Stache im Gespräch mit dem Pädagogischen Leiter Uwe Dietrich

Mellendorf (st). Uwe Dietrich, Jahrgang 1956, hat seit vier Jahren die pädagogische Leitung des Kinder-Pflegeheims in Mellendorf inne. Der ausgebildete Heil- und Diplompädagoge wohnt am Deister. Er ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und ein Enkelkind. Im Gespräch mit Bernd Stache, freier Mitarbeiter im Extra-Verlag, beantwortet Uwe Dietrich Fragen zu seinen Aufgaben, der Organisation im Kinder-Pflegeheim und weiteren Themen.

- Wie ist das Kinder-Pflegeheim organisatorisch aufgebaut?
Die Einrichtung wird von der Geschäftsführung und Heimleitung Gaby Schweer und Wiebke von Badewitz geführt und verantwortet. Zur mittleren Ebene gehören Pflegeleitung, Pädagogische Leitung und Leitung der Tagesförderstätte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den drei Wohngruppe sowie die Kräfte der Hauswirtschaft und Haustechnik stellen das Fundament dar.

- Welchen Aufgabenbereich im Kinder-Pflegeheim Mellendorf haben Sie als pädagogischer Leiter?
Das sind Aufgaben nach innen und außen. Mir obliegt die Aufsicht zur Umsetzung und Durchführung von Leistungsvereinbarungen mit dem Kostenträger durch unser Personal, einschließlich der damit verbundenen Verwaltungsarbeit. Dazu gehören Organisation und Durchführung von Fortbildungen, Veranstaltungen wie beispielsweise das Laternenfest und Förderangebote durch Externe. Bei Krankheit oder Urlaub habe ich die Vertretung der Tagesförderstätten und Pflegeleitung zu übernehmen. Der Kontakt zu den fünf von uns beschickten Schulen, den Eltern, rechtlichen Betreuern und ehrenamtlichen Mitarbeitern gehört ebenfalls zu meinen Aufgaben. Ich bin zugleich Anlaufstelle für alle Praktikanten und deren Belange. Die Öffentlichkeitsarbeit und Spenden für das Kinder-Pflegeheim fallen ebenfalls in mein Ressort.

- Welches Personal steht für Betreuung und Organisation zur Verfügung?
Unsere Mitarbeiter sind Krankenschwestern, Krankenpfleger, Altenpfleger, Heilerziehungspfleger, Erzieher, Sozialassistenten und Assistenzkräfte. Unsere Bewohner benötigen ein ganz spezielles Spektrum an Hilfen, wozu unsere Mitarbeiter ausgebildet sind. Zusätzlich haben sich unsere Pflegefachkräfte mit Pädagogik zu beschäftigen und unsere Pädagogen mit Pflege – das stellt eine besondere Herausforderung dar!

- Wie viele und welche Kinder werden im Kinder-Pflegeheim betreut?
Wir können zwölf Erwachsene sowie 24 Jugendliche und Kinder pflegen, betreuen und fördern. Wir nehmen Menschen auf, die in erster Linie geistig, aber auch körperlich beeinträchtigt sind. Je nach aktueller Belegungs- und Personalsituation im Haus bieten wir auch die Möglichkeit der Kurzzeitpflege an – Kinder, deren Eltern eine Verschnaufpause brauchen oder die Versorgung nach einer Operation nicht leisten können, finden in einem begrenzten Zeitrahmen bei uns Aufnahme.

- Welche Altersstruktur haben die Bewohner des Kinder-Pflegeheims Mellendorf?
Die zwölf erwachsenen Menschen bei uns haben im Schnitt ein Alter von Anfang zwanzig. Ansonsten nehmen wir Kinder ab dem Säuglingsalter auf – meistens ab dem dritten Lebensmonat.

- Wie sieht ein Tagesablauf im Kinder-Pflegeheim Mellendorf aus?
Um 6.30 Uhr beginnt die Frühschicht mit drei Mitarbeitern je Wohngruppe, die während der Schulzeit dafür Sorge tragen, dass die Schulkinder mit all ihren Bedarfen rechtzeitig auf die Abholung durch die Schulbusse zwischen 7.15 und 8.20 Uhr vorbereitet sind. Dann stehen allerhand Arbeiten an: Wäsche, Medikamente, Windeln, Mahlzeiten und Wasser – wir haben viele über Sonde ernährte Kinder – Aufräumen und Bereitstellen von notwendigen Dingen. Um 10.45 Uhr beginnt in Wohngruppe drei unser „Kindergarten“. Dort erfahren die fünf Vorschulkinder bis 15 Uhr eine für jeden Wochentag spezielle Förderung, zum Beispiel immer montags Bewegung und Hören. Individuelle Förderung in der Gemeinschaft gehört dazu. Während dieser Zeit findet in Wohngruppe zwei „Schule“ statt. Die Schüler, die nicht zur Schule können, haben dann ihre Förderzeit nach dem gleichen Prinzip. In der Zwischenzeit finden Schichtwechsel und die Übergabe von der Frühschicht zum Spätdienst statt, der von 13.30 bis 20.30 dauert. Die Schulkinder, die bis 16.30 Uhr alle wieder zu Hause sind, gilt es zu versorgen, die Schultaschen durchzuschauen, Wäsche zu wechseln, das Übergabeheft zu lesen. Ab 17 Uhr beginnen das Abendessen und die abendliche Pflege. Um 20.15 Uhr kommen zwei Mitarbeiter für die nächtliche Versorgung. Dazu gehören Windeln wechseln, Essen und Wasser reichen sowie Umlagern von Heimbewohnern. Am Morgen erfolgt die Übergabe an die Frühschicht. Unsere erwachsenen Bewohner gehen von 9 bis 16 Uhr in die hauseigene Tagesförderstätte, die Werkstatt. Dort werden sie in Arbeitsprozesse und Förderungen eingebunden und beteiligt. Wichtig dabei sind das Produkt und vor allem der Prozess – denn wann das Produkt fertigt ist, wie es gelungen ist, ist zweitrangig. Entscheidend für jeden unserer Bewohner ist: „Das Produkt wird gebraucht und ich habe einen sinnvollen Beitrag geleistet.“

- Welche Förderung erfahren die schulpflichtigen Kinder außerhalb der Schulzeiten?
Die Förderung außerhalb der Schulzeiten bezieht sich einerseits auf das Erlernen und Erüben basalster Fähigkeiten, wie zum Beispiel adäquat zu schlucken. Andererseits aber auch auf alle Bereiche der Teilhabe und idealerweise selbstbestimmter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie beispielsweise einkaufen gehen, Mahlzeiten zubereiten, Freizeitaktivitäten verfolgen.

- Welche Unterstützung für die Arbeit im Kinder-Pflegeheim wünschen Sie sich seitens der Politik, Organisationen und Gesellschaft?
Ich überschaue eine Entwicklung von mehr als 30 Jahren in dieser Arbeit. Es hat sich gesellschaftlich und politisch sehr viel Positives entwickelt. Unsere Kinder und jungen Erwachsenen mit schweren Mehrfachbehinderungen bilden eine Randgruppe ohne Lobby. Wir wünschen uns, dass ihre individuellen und besonderen Bedürfnisse eigens gesehen und geachtet werden. Die uns betreffenden Gesetze sehen Leistungen vor, die für Menschen auch ohne diese schweren Mehrfachbehinderungen gelten. Sie treffen damit kaum auf unsere Bedürfnisse zu. Eine richtig gute, ja ganz großartige Unterstützung sind ehrenamtliche Mitarbeiter, die bürgerliches Engagement beweisen – unsere sogenannten „Zeitschenker“, manchmal auch liebevoll „Rollstuhl-Schieber“ genannt. Sie gehen meist eine Stunde in der Woche mit unseren Bewohnern spazieren. Die so Versorgten scheinen gesünder zu sein. Das sage ich auch ohne wissenschaftliche Beweislage. Bei den „Zeitschenkern“ ist übrigens noch „Luft nach oben“. Vergangenen Monat tagte der Behindertenbeirat bei uns, eine prima Aktion! Dieses Beispiel zeigt: Wir können ganz schlecht in die Welt, aber die Welt kann gerne zu uns kommen – Inklusion umgekehrt!