„Unsere Kinder fallen hinten runter“

„Wenn wir das Ende der Förderschule Lernen wenigstens hinauszögern könnten“, so Anja Hemme (von rechts) als Sprecherin der Eltern der Berthold-Otto-Schule im Gespräch mit der CDU-Landtagsabgeordneten Editha Lorberg. Daneben Förderschullehrerin Anja Nußbicker, dahinter stehend die Lehrer Margret Fietz, Joop Deters und Meike Ahrendt. Foto: A. Wiese

Verzweifelte Eltern der Berthold-Otto-Schule wenden sich an Landtagsabgeordnete

Mellendorf (awi). „Mich haben Sie an Ihrer Seite. Aber mich brauchen Sie nicht zu überzeugen. Gehen Sie an die Abgeordneten von SPD und Grünen heran. Geben Sie nicht auf, erzählen Sie denen von Ihren Ängsten und Befürchtungen und fordern Sie den Erhalt der Förderschule Lernen für Ihre Kinder mit allen Mitteln.“ So lautete der Ratschlag der CDU-Landtagsabgeordneten Editha Lorberg am Montag in der Berthold-Otto-Schule.
Eltern der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen hatten die Wedemärker Landtagsabgeordnete zu einem Gespräch eingeladen. Hintergrund: Kommt das neue Schulgesetz durch, bedeutet dies das Aus für die Förderschule Lernen. Sie wird dann nicht mehr als separate Schulform geführt. Schüler mit besonderem Förderbedarf werden im Rahmen der Inklusion an den Regelschulen beschult. Den entsprechenden Klassen stehen drei Stunden mit einem Förderlehrer pro Woche zu. „Jetzt sind es 30 Stunden, wie sollen unsere Kinder das verkraften? Sie werden hinten runterfallen, gegen die Wand laufen. Es sind tolle und schlaue Kinder, aber sie können oft nicht lesen und sie benötigen eine ganz individuelle Förderung. Warum wurde bei der Förderschule Sprache zurückgerudert und bei unserer Schulform nicht“, trug Anja Hemme als Sprecherin der Eltern der Berthold-Otto-Schule Editha Lorberg engagiert vor. Die kennt das Problem, versicherte, dass sie vor dieser Entwicklung von Anfang an gewarnt habe. „Ja, wir haben mitgestimmt, als es um die Inklusion ging“, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete, aber die Entwicklung, wie sie sich jetzt abzeichne, sei nicht im Sinne der CDU. Sie habe vollstes Verständnis für die Wedemärker Eltern, doch sei die Lobby landesweit einfach zu klein. 160 Förderschulen gibt es. An vielen gibt es wie jetzt noch an der Berthold-Otto-Schule nur rund 50 Kinder. „Das fällt landesweit nicht ins Gewicht, ist für die Regierung kein Grund, ihren Beschluss zurückzunehmen“, bedauerte Lorberg am Montag bei dem Gespräch mit Eltern und Lehrern. Etwas zurückzunehmen, sei nicht schlimm. Auf einer falschen Entscheidung zu beharren sei schlimmer, so Editha Lorberg am Montag. Sie ermutigte die Eltern, ihre noch einige Wochen bis zum 8. Mai laufende Online-Petition schriftlich niederzulegen und dem Landtag einzureichen, dann werde das Thema im Landtags diskutiert und wieder öffentlich gemacht. „Sie müssen eine Betroffenheit meiner Landtagskollegen in der Regierungskoaltion erreichen, damit sie wieder zuhören“, so die CDU-Landtagsabgeordneten zu den Eltern. Zudem sollten die betroffenen Eltern jeweils Petitionen für sich und ihre Kinder einreichen, riet Lorberg, die selbst im Petitionsausschuss jetzt regelmäßig Eingaben zum Erhalt der Förderschulen auf den Tisch bekommt. Doch noch zeige sich die Landesregierung stur. Da helfe es nur, immer wieder Druck zu machen, mehr noch über die Betroffenen als über die Politik. „Stellen Sie Marco Brunotte aus Langenhagen, der diesen Wahlkreis mit betreut, Fragen. Auf viele wird es keine Antwort geben“, so der Rat der CDU-Politikerin. „Unsere Eltern sind eigentlich nicht die, die die Öffentlichkeit suchen und dort laut werden. Viele können sich auch nicht so artikulieren, wie das bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten notwendig ist“, gab Anja Hemme als Sprecherin der Eltern der Berthold-Otto-Schule zu bedenken, aber sie versprach, sich etwas einfallen zu lassen und den Rat der Landtagsabgeordneten aus der Wedemark zu befolgen. Für Inklusion in diesem Rahmen sei es für die Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen noch zu früh. „Wir müssen erst Infrastrukturmaßnahmen schaffen und die Inklusion dann umsetzen, sonst überfordern wir auch Schüler und Lehrer an der IGS, die die Förderschüler aufnehmen soll“, befürchtete Anja Hemme. Editha Lorberg bestärkte sie darin: „Ich unterstelle der Landesregierung nicht, dass sie es schlecht meint mit den Kindern. Meine Kollegen sagen, das funktioniert woanders auch. Aber die Rahmenbedingunen hier sind ganz andere. Wir haben einfach das ,Drumherum‘ noch nicht dafür“, gab Lorberg zu bedenken. Die Lehrer verfolgten die Diskussion interessiert, immer wieder gab es zustimmendes Gemurmel, offene Wortmeldungen kaum. „Wenn Förderschulleiter und -lehrer es könnten und dürften, würden sie mehr deutlich machen, was passiert“, sagte die Elternvertreterin. So sei es den Eltern überlassen, massiv Druck gegen diese Bildungspolitik der Landesregierung zu machen. Einige Eltern probierten bereits, über eine andere Schiene der Behinderung ihrer Kinder besonderen Förderbedarf zu erreichen. Das sei jedoch der falsche Weg, so Hemme. „Unsere Kinder brauchen ganz gezielt Hilfe, die sie hier gefunden haben. Ihr Sohn habe einen unvorstellbaren Schulmarathon hinter sich, an der Berthold-Otto-Schule sei er aufgeblüht. Mit dem neuen Schulgesetz werde den Kindern wieder was genommen. Die besondere und spezielle Betreuung, die diese Kinder bräuchten, könnten die Eltern alleine nicht leisten, sie seien auf fantastisch ausgebildete Sonderpädagogen angewiesen. Es sei paradox, so Anja Hemme, dass Mellendorf eine ausgewiesene Straße der Kinderrechte habe, „aber unseren Kindern das Recht auf Bildung genommen wird“. Die Lehrer der Berthold-Otto-Schule hätten ein tolles Konzept für eine Werkstattschule ausgearbeitet, dies sei jedoch von Bürgermeister Zychlinski als „zu spät“ abgeschmettert worden, bedauerte Hemme. Die Eltern hätten dem Bürgermeister vor Wochen eine Rolle mit den Wünschen ihrer Kinder in seiner offenen Sprechstunde übergeben und einen Brief nachgereicht. Eine Antwort auf dieses Schreiben hätten sie nie bekommen.