„Vergessen ist einfacher als aufarbeiten“

Die Schüler des Seminarfachs Geschichte mit Schulleiterin Swantje Klapper (erste Reihe von links), Lehrerin Katja Böhm-Hauptmeier, Franz-Rainer Ens-te und Martin Stöber: Marcel Meißner, Erik Müller, Lasse Bruns, Zarah Javid Milani, Johannes Amt, Jan Lübben, Marc Petelkau, Henry Sisolefsky, Anna Lena Meier, Marco Michalke (hintere Reihe von links) sowie Karin Thies, Marvin Cichowski, Caroline Schmieta, Julia Schwickart, Maja Bayer, Shakira Beck und Rebecca Kern (mittlere Reihe von links). Foto: A. Wiese

Schüler des Gymnasiums am Montag beim dritten Geschichtssymposium

Mellendorf (awi). Das Projekt „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ hat tatkräftige Unterstützung: Schüler des Gymnasiums Mellendorf forschten in einem Seminarfach zum Thema „Verfolgung kranker und behinderter Menschen“ in der Wedemark während der Zeit der Nazidiktatur. Über ihre eigenen Erwartungen an die Aufgabe, die gemachten persönlichen Erfahrungen während der Recherche und darüber, was das Forschungsprojekt für sie besonders macht, berichteten die Schüler jetzt aus ers-ter Hand. Die eigentlichen Ergebnisse ihrer Arbeit stellen sie selber während des nächsten Geschichts-Symposiums am nächsten Montag, 29. Januar, um 17.30 Uhr im Bürgerhaus vor, eingebettet in
die Vorträge von echten Geschichtsprofis. Dauerhaft nachlesbar sind ihre Beiträge dann im Dokumentationsband zur Veranstaltung.
Die Arbeit der Schüler setzt sich „mit einem ganz bedrückenden Kapitel unserer Geschichte“ auseinander, wie Franz Rainer Enste beschrieb. Seit Anfang 2014 befassen sich Historiker und auch Schüler des Gymnasiums mit diesem Thema: „Was war hier bei uns in der heutigen Wedemark zwischen 1930 und 1950 los?“ Die Verfolgung jüdischer Familien, von Sinti und Roma standen dabei ebenso im Fokus wie Deportationen und Auswanderung und das Schicksal von Zwangsarbeitern. Franz Rainer Enste sprach in diesem Zusammenhang ein großes Kompliment für die Zusammenarbeit und den Umgang mit diesen schwierigen Themen aus, vor allem aber auch für die Neugierde und Unbefangenheit, mit der diese Schülergeneration mit dem Thema umgehe. Die Aufgabenstellung herauszufinden, wie das Land mit Krankheit und Behinderung umgegangen sei, habe die Schüler jedoch vor eine große Herausforderung gestellt. Man können sehr gespannt sein auf das, was die Schüler am nächsten Montag präsentieren würden, kündigte Enste an. Es sei eine hochinteressante Ergänzung zu den Beiträgen von Hauptreferent Jürgen Gansäuer, von Historikerin Sabine Paehr und Martin Stöber vom Arbeitskreis Regionalgeschichte.
Lehrerin Kathja Böhm-Hauptmeier, die das Seminarfach leitet, hat sich selbst sehr engagiert eingebracht und zusätzlich viele Stunden im ausgelagerten Landesarchiv in Pattenesen geforscht. „Ich wusste, was auf mich zukommt, sagte sie auf die Frage von Gemeindepressesprecher Ewald Nagel. So eine Suche nach lokalen Opfern in überörtlichen Archiven gestalte sich erfahrungsgemäß schwierig und langwierig. Das beginne damit, dass nur immer kleine Gruppen von Schülern im Archiv arbeiten dürften und gipfele in der Tatsache, dass die Schrift in den alten Dokumenten für die Schüler gar nicht zu entziffern sei. Die Großeltern einer Schülerin sprangen dabei beispielsweise ein. „Uns allen hat dieses Seminarfach sehr viel Spaß gemacht. Es ist eine sehr gute Vorbereitung auf die Arbeit an einer Universität“, fand Marcel. Tatsächlich hätten die Schüler, die in verschiedenen Gruppen arbeiteten, vier namentliche Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie gefunden. Während zwei Gruppen die Historie der Opfer aufarbeiteten, bei denen es sich um alteingesessene Wedemärker gehandelt habe, beschäftigten sich zwei weitere Gruppen mit den Begrifflichkeiten. „Man fühlte sich bei diesen Recherchen den Personen nahe. Einmal haben wir sogar ein Foto gefunden“, berichten die Schüler, die diese Arbeit durchaus auch mit emotionaler Beteiligung erledigt haben. Viele Akten sind auch heute noch gesperrt, mussten die Schüler feststellen. Aus Sicherheitsgründen mussten Anträge für Freischaltungen gestellt werden.
„Wir haben nach und nach alle Ortsteile der Wedemark durchs Raster geschickt und sind dann irgendwann fündig gesworden“, so ein weiterer Schüler. Aufgeflogen sind dabei übrigens auch Fehler des Archivs: „Da lief ein Heinrich unter Friedrich. Wir hatten dann den Mut die Akte von Friedrich zu bestellen und tatsächlich, das war unser gesuchter Heinrich“. Die Akten wurden teils abfotografiert, teils abgeschrieben. Voraussetzung für eine Aktenfreigabe ist eigentlich, dass eine Person 100 Jahre tot ist. Das war ja hier noch nicht der Fall.
Der Gesamtaufwand sei hoch gewesen, berichtete Katja Böhm-Hauptmeier. Im Oktober und November 2017 seien die Schüler jede Woche im Archiv gewesen. Es ging nur dann, wenn eine Aufsichtsperson abgestellt werden konnte. So will es die Vorschrift. „Menschen, die nicht ins Menschenbild der Nazis gepasst haben, wegen Krankheit, ihres Verhaltens oder Aussehens wurden systematisch aus der Gesellschaft entfernt, also getötet“, erklärt Henry den Begriff Euthanasie. Er und seine Mitschüler hätten sich entsprechende Literatur in der Wilhelm-Leibniz-Bibliothek besorgt und ausführlich darüber informiert und geforscht. „Aber keine Angst, wir rattern das nicht runter. Wir haben eine richtige mediale Präsentation erstellt“, beruhigt Henry alle, die am Montag vorbeikommen möchten. Bei der Zwangssterilisation von Kranken und Behinderten sei es um den Schutz des „deutschen Erbgutss gegangen“, erläutert Rebecca den anderen Begriff. Sie ist wie ihre Mitschüler überzeugt, dass es noch mehr als vier Opfer gibt: „Das Archiv hat noch gar nicht alle Akten durchgearbeitet und Schlüsselwörter zugeordnet.“ Die Durchsicht der Akten, so Rebecca, habe sie und ihre Mitschüler schon sehr berührt. Man gehe alle Listen durch und stoße auf einmal auf Orte in der Wedemark, die man kennt und weiß, das war jemand von hier. „Allein diese alten Akten zu riechen und anzufassen, dieses alte Papier, die Schrift, die wir nicht lesen können und Unterschriften von Hitler zu sehen, das war sehr komisch“, ergänzt Zara. Bei der Aufarbeitung des Lebensweges der Opfer habe man diese Personen förmlich vor Augen gehabt und einen engen Bezug dazu bekommen, fügt Julia hinzu. Die vier Opfer seien alles junge Erwachsene gewesen, nicht sehr viel älter als die Schüler selber.
Die Schüler haben genauso gearbeitet wie es Fachwissenschaftler getan hätten, lobt Martin Stöber. Das verlange Kreativität, Fleiß und Genauigkeit. Vier Opfer aus der Wedemark zu finden, sei ein sehr gutes Ergebnis. „Es ist interessant und erschreckend, wie schnell Menschen vegessen“, hat Henry festgestellt und seine Lehrerin
Kathja Böhm-Hauptmeier schlägt an dieser Stelle den Bogen zur Inklusion an Schulen in der heutigen Zeit. „Vergessen ist einfacher, was die Gemeinde Wedemark mit der Aufarbeitung ihrer lokalen Geschichte macht, ist der richtige Schritt“, ist Katja Böhm-Hauptmeier überzeugt.