Verwaltung belegt Scherenbosteler Halle

Bürgermeister Helge Zychlinksi (rechts) verschaffte sich am Mittwoch in der Turnhalle in Scherenbostel einen Eindruck davon, wie die Bauhofmitarbeiter mit dem Bettenaufbau vorankamen. Foto: A. Wiese

Gesamte Immobilie dient ab sofort als Notunterkunft für Asylbewerber

Scherenbostel (awi). Er war teilweise als provisorische Unterbringungsmöglichkeit für Flüchtlinge geplant und sollte zu diesem Zweck demnächst umgebaut werden – doch seit Donnerstag ist der gesamte Scherenbosteler Drei-Dörfer-Treff am Fuhrenkamp Notkunterkunft für zwei Familien mit insgesamt 17 Personen aus Serbien und Bosnien. Besonders betroffen davon ist die SSG Scherenbostel. Die Gemeinde hat dem Verein zwangsläufig von einem Tag auf den anderen die komplette Turnhalle entzogen. Sie wurde am Mittwoch mit Betten und dem nötigsten Mobiliar ausgerüstet und dient einer der beiden Familien seit Donnerstag als Schlafraum, die andere hat einen der Klassenräume als Schlafraum zugewiesen bekommen.
Bei beiden Familien handelt es sich um sogenannte Folgeantragsteller, die irgendwann bereits einmal in Deutschland waren. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Sie mussten ausreisen, sind jetzt aber erneut eingereist und von der Aufnahmestelle der Gemeinde zugewiesen worden, in der sie bereits einmal gelebt haben. Dabei werden diese Folgeantragsteller nicht auf die aktuelle Quote der Kontingentflüchtlinge aus den Kriegsländern angerechnet, erklärten Bürgermeister Helge Zychlinski und die Erste Gemeinderätin Konstanze Beckedorf am Mittwochnachmittag in einem kurzfristig anberaumten Pressegespräch in Scherenbostel. Beide betonten, die Entscheidung „schweren Herzens“ getroffen zu haben, die Konsequenzen für die SSG Scherenbostel zu bedauern und mit Hochdruck nach Alternativen für die Sportangebote der SSG in anderen Wedemärker Hallen, deren Kapazitäten allerdings alle ziemlich ausgereizt seien, zu suchen. „Wir hatten keine Alternative“, so Bürgermeister Helge Zychlinski. Die Gemeinde bemühe sich nach wie vor weiterhin dringend darum, privaten Wohnraum für die Flüchtlinge, die ihr zugewiesen würden, anzumieten. Rund 30 Objekte sind es mittlerweile bereits. Doch alle sind belegt. Freie Wohnungen stünden zurzeit nicht zur Verfügung, obwohl auch täglich neue Kontingentflüchtlingen – die Wedemark hatte zum Jahresanfang eine neue Quote von 112 erhalten – eintreffen könnten. Als am Freitag unankündigt acht Personen als Folgeantragsteller im Rathaus gestanden hätten, habe man sie kurzfristig in einem Blockhaus der CVJM-Begegnungsstätte in Abbensen einquartiert.
Am Montag hätte jedoch erneut eine Familie mit neun Personen überraschend vor der Tür gestanden. Weiterer Familiennachzug der Folgeantragsteller ist bereits avisiert. Auch diese Familie kam kurzfristig nach Abbensen, doch auch diese Lösung griff nur bis Donnerstagnachmittag. Dann war das CVJM-Heim ausgebucht. Der Gemeinde sei also keine andere Wahl geblieben als die gesamte Immobilie Drei-Dörfer-Treff als Notunterkunft zu nutzen. Noch am Montag wurde Ortsbürgermeister Gerd Dolle informiert, am Dienstagmorgen saßen Zychlins-ki und Beckedorf mit Vertretern der SSG Scherenbostel an einem Tisch. Der Verein ist der Hauptnutzer der Turnhalle, die die Gemeinde schon deswegen benötigt, weil hier auch die notwendigen Sanitäranlagen vorhanden sind. Weitere Nutzer der Halle wurden per E-Mail informiert. Mit Hochdruck sei jetzt die Suche nach Ersatzhallenzeiten angelaufen, so die Erste Gemeinderätin. Die Jugendhalle in Mellendorf komme mangels eines Schwingbodens nicht in Frage. „Sobald wir die Asylbewerber in privatem Wohnraum unterbringen können, wird die Halle wieder freigegeben und die geplanten Umbaumaßnahmen im Bereich der Klassenräume vorgenommen. Die werden dann aber noch zwei bis drei Wochen in Anspruch nehmen“, so Beckedorf.
Scherenbostels Ortsbürgermeister Gerd Dolle gab beim Pressetermin am Mittwoch eine Stellungnahme für die CDU im Ortsrat und ließ dabei keinen Zweifel daran, dass die neueste Entwicklung nicht auf die Zustimmung der CDU-Ortsratsmitglieder trifft. „Wir haben als Ortsratsmitglieder unter anderem die Pflicht, uns für das Wohl und die Belange der Mitglieder unserer Drei-Dörfer-Gemeinschaft einzusetzen und sind deshalb mit Nutzungsänderung der Turnhalle nicht einverstanden“, so Dolle. Bisher sei für die Unterbringung von Flüchtlingen aus den syrischen Kriegsgebieten in dem ehemaligen Schulgebäude eine für den Drei-Dörfer-Treff und viele Einwohner schmerzhafte, aber akzeptable Lösung vorgesehen gewesen, mit der sich alle Betroffenen hätten arrangieren können. Die jetzt angekündigte Lösung, den Nutzern die Turnhalle auf unbestimmte Zeit komplett zu entziehen, um sie den zurzeit 17 bereits einmal ausgewiesenen Asylbewerbern und weiteren als Unterkunft zuzuweisen, ist aus Sicht Dolles keine vernünftige Lösung. Damit werde einem Sportverein mit über 400 Mitgliedern die Grundlage für eine erfolgreiche Übungsarbeit entzogen. Ein Verein, der für die einzelnen Sparten vor Ort keine Hallenzeiten anbieten könne, werde vermutlich daran zerbrechen. „Das darf nicht sein“, so der Ortsbürgermeister. So notwendig und wichtig die von fast allen Einwohnern befürwortete Hilfe für Flüchtlinge und Asylbewerber auch sei, die Vereinsarbeit dürfe darunter nicht mehr als unbedingt notwendig leiden. „Wir appellieren deshalb an die Verwaltung, diese Entscheidung mit so weitreichenden Folgen noch einmal zu überdenken, zurückzunehmen und den ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen“, so Dolle für die CDU. Der Ortsrat Scherenbostel ist aufgrund der aktuellen Ereignisse am Dienstag, 10. Februar, um 19.30 Uhr kurzfristig zu einer Sitzung im Schützenhaus in Scherenbostel einberufen worden.
Zeitgleich mit der Pressekonferenz der Gemeinde am Mittwoch in Scherenbostel liefen beim ECHO bereits die ersten empörten Reaktionen der Nutzer der Scherenbosteler Turnhalle auf. Während einige Gruppen kurzfristig Notlösungen und Ausweichräume, die sie selber anmieteten, aus dem Boden stampften, war das für andere Gruppen so kurzfristig nicht möglich. „Das Eltern-Kind-Turnen, das heute von 17 bis 18 Uhr stattgefunden hätte, ist per Telefonkette bis auf weiteres abgesagt worden“, so Mutter Anja Bäumelburg. Auch sie betont ausdrücklich, dass sie und auch alle anderen Eltern Verständnis für die Asylbewerber hätten und gerne helfen wollten, doch hätte sich die Gemeindeverwaltung um eine andere Lösung – möglicherweise auch Wohncontainer – bemühen müssen. „Unsere Eltern-Kind-Gruppe hatte sich nach einer schwierigen Phase gerade wieder auf rund 15 Teilnehmer eingelaufen. Wenn wir jetzt wochen- oder monatelang nicht üben können, wird die Gruppe kaputt sein. Und anderen Gruppen des Vereins geht das genauso.“ Die Erste Gemeinderätin Konstanze Beckedorf geht von einer großen Solidarität der Sportvereine untereinander aus und hofft, mit „Zusammenrücken“ schon bald wieder Übungszeiten schaffen zu können.