Wahlkreis 32 geht an Rüdiger Kauroff

Der Jubel kannte bei der SPD-Wahlparty am Sonntagabend im Restaurant Pinocchio keine Grenzen: Wahlkreisgewinner Rüdiger Kauroff (Mitte) wurde von den Genossen fähnchenschwingend empfangen: Links die SPD-Bundestagsabgeordnete Caren Marks, rechts Bürgermeister Helge Zychlinski. Foto: A. Wiese
 
Mit Blumen versuchte CDU-Gemeindevorstandsmitglied Gerd Menke Editha Lorberg über das verlorene Direktmandat hinweg zu trösten.
 
Direktmandatgewinner Rüdiger Kauroff (SPD) kam am Tag nach der Wahl zum ECHO-Redaktionsbesuch nach Bissendorf und bewunderte die von Künstler Ulrich Rauchbach bemalte Wedekuh, die zurzeit in der ECHO-Geschäftsstelle zu Gast ist. Fotos: A. Wiese

Editha Lorberg (CDU) zieht über die Liste in den neuen Landtag ein

Wedemark (awi). Diesmal war es am Wahlabend genau umgekehrt wie nach der Bundestagswahl vor drei Wochen: Die SPD jubelte bei ihrer Wahlparty in Elze dem Wahlkreisgewinner und neuem SPD-Landtagsabgeordneten Rüdiger Kauroff zu und war selig über das gute Abschneiden ihrer Partei. Bei der CDU-Wahlparty in Wennebos-tel herrschte dagegen gedrückte Stimmung, und auch der sichere Listenplatz, der der langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten Editha Lorberg den Wiedereinzug in den Landtag gewährleistete, war am Wahlabend selbst – wie vor drei Wochen für die SPD-Bundestagsabgeordnete Caren Marks – nur ein schwacher Trost. Zu sehr hatten die CDU-Abgeordnete und ihre Wedemärker Parteifreunde sich einen Sieg auf Landesebene und einen Regierungswechsel gewünscht.
Doch die Ergebnisse im Wahlkreis 32 (Garbsen-Wedemark) spiegelten die auf Landesebene wider. Der Abstand war wahlkreisweit sogar noch deutlicher: Während die SPD im Land bei den Zweitstimmen mit 37 Prozent nur 3,4 Prozentpunkte vor der CDU mit 33,6 Prozent liegt, wies das Zweitstimmen-Ergebnis im Wahlkreis 32 einen Vorsprung von 6,8 Prozent für die SPD mit 39,3 Prozent vor der CDU mit 32,5 Prozent aus. Betrachtet man beide Wahlkreiskommunen für sich, sieht das allerdings anders aus: Die SPD liegt bei den Zweitstimmen in der Wedemark mit 35,2 Prozent gerade mal 0,1 Prozentpunkte vor der CDU mit 35,1 Prozentpunkten. Doch das Garbsener Ergebnis wird dazugezählt und das ist mehr als deutlich: 41,8 Prozent der Zweitstimmen für die SPD, 30,9 Prozent für die CDU. Die FDP kommt im Wahlkreis auf acht Prozent und wird hier ebenso wie in der Wedemark (8,8 Prozent) drittstärkste Kraft. In Garbsen gelingt ihr das nicht. Hier rangiert sie mit 7,5 Prozent auf Platz vier hinter der AfD, die in Garbsen mit 8,3 Prozent ein stärkeres Ergebnis als landesweit einfährt. Da sie in der Wedemark jedoch nur auf 6,3 Prozent der Zweitstimmen kommt, lautet das Wahlkreisergebnis der AfD unterm Strich 7,5 und das sind immer noch 1,3 Prozent mehr als im Land. Bei den Grünen ist es genau andersherum: Sie liegen mit ihrem Wahlkreisergebnis von 6,8 Prozent der Zweitstimmen zwar auch unter ihrem landesweiten Ergebnis von 8,7 Prozent. Doch hier heben die 8,3 Prozent aus der Wedemark den Schnitt von 5,8 Prozent in Garbsen kräftig an. Die Linke spielt in keiner der beiden Kommunen eine Rolle: Ihr Wahlkreisergebnis bei den Zweitstimmen von 3,8 Prozent setzt sich aus 4,0 Prozent in der Wedemark und 3,6 Prozent in Garbsen zusammen. Bei den Erststimmen ging die Wedemark allerdings mit 40,5 Prozent klar an die Lokalmatadorin Editha Lorberg von der CDU. Kauroff holte in der Wedemark 33,4 Prozent für die SPD, Dirk Grahn für die Grünen 7,4 Prozent, Stefan Birkner für die FDP 7,0 Prozent, Manfred Kammler für die AfD 5,8 Prozent, Clemens Strube für DIE LINKE 3,7 Prozent und Martin Schönhoff für das Bündnis C mit 425 Stimmen 2,1 Prozent.
Für den Wahlkreis 32 im Allgemeinen und die Wedemark im Besonderen bedeutet das, dass drei Landtagsabgeordnete in den nächsten fünf Jahren ihre Interessen auf Landesebene vertreten: Der direkt gewählte Neueinsteiger Rüdiger Kauroff aus Garbsen von der SPD und die „alten Hasen“ Editha Lorberg aus Bissendorf-Wietze von der CDU und Stefan Birkner aus Otternhagen bei Neustadt, der jedoch im angestammten Wahlkreis seines vorherigen Wohnortes Garbsen wieder antrat.
Der FDP-Landesvorsitzende und Spitzenkandidat sorgte in den Stunden nach der Wahl bereits für Schlagzeilen, weil er ungeachtet des Ergebnisses wie bereits auch vor der Wahl eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP kategorisch ausschloss. Die FDP-Regionsvorsitzende und Wedemärker Gemeindeverbandsvorsitzende Andrea Giese freute sich, dass ihre Partei nach dem erfolgreichen Wiedereinzug in den Bundestag auch bei der Landtagswahl ein angesichts der Zuspitzung zwischen SPD und CDU solides Ergebnis erzielt habe. Der Zuspruch bestätige den Kurs der Niedersachsen-FDP für bessere Bildung, weniger Bürokratie, solide Finanzen und eine ideologiefreie (Land-)Wirtschaftspolitik. Die Freien Demokraten wollten als ideenreiche, konstruktive Kraft das Land gestalten – ob in der Opposition oder in Koalitionen. Die SPD als stärkste Kraft habe den Auftrag, eine Regierung zu bilden und Gespräche zu führen. Giese ergänzte: „Wir bedanken uns bei unseren Wählern für das Vertrauen. Wir freuen uns, dass die Freien Demokraten Wedemark neben einer direkten Verbindung in den Bundestag durch den jüngst gewählten Wahlkreisabgeordneten Grigorios Aggelidis auch weiterhin einen „direkten Draht“ in den Landtag haben. Vor Ort sind wir zufrieden, dass die FDP Wedemark im Zweitstimmen-Ergebnis erneut leicht über dem Landesschnitt liegt und wieder drittstärkste Kraft in der Wedemark geworden sind. Dies ist nicht nur, aber sicher auch dem engagierten Wahlkampf der ehrenamtlichen Mitglieder vor Ort zu verdanken, für den die FDP an dieser Stelle einen herzlichen Dank aussprechen möchte.“ Ihrem Wahlkampfteam dankten auch Wahlsieger Rüdiger Kauroff und die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Caren Marks noch am Sonntagabend herzlich. „Ich freue mich riesig, dass wir das erste Mal seit 19 Jahren wieder stärkste Kraft im Land sind und unseren Wahlkreis direkt gewonnen haben“, jubelte Caren Marks, die vor drei Wochen bei der Bundestagswahl genau den gegenteiligen Effekt erlebte, in der Direktwahl Hendrik Hoppenstedt von der CDU unterlag und über Liste wieder in den Bundestag einzog. Sie gratulierte einem strahlenden Rüdiger Kauroff, der nach 20913 im zweiten Anlauf in den niedersächsischen Landtag einzieht. Marks sprach von einer trotz der bitteren Wahlniederlage auf Bundesebene hochmotivierten Wedemärker SPD und sprach Rüdiger Kauroffs Wahlkampfteam um Jean-Pascal Schramke ein „riesengroßes Dankeschön“ aus. Die Wedemärker SPD habe den Kopf nicht hängen lassen und sei einen Tag nach der Bundestagswahl routiniert wieder durchgestartet. Dafür sei der Direktgewinn des Wahlkreises die verdiente Belohnung.
„Ich hab mich verdammt gefreut“, gestand auch Rüdiger Kauroff, der um kurz nach 20 Uhr am Sonntagabend bei der SPD-Wahlparty in Elze eintraf. Bei seiner Nominierung habe er gesagt, er verliere nicht gern zum zweiten Mal und das auch so gemeint. Das Bundestagswahlergebnis habe ihn nicht demoralisiert. „Ich habe es vorausgesagt: Es ist möglich und es hat geklappt“, freute sich Kauroff selbstbewusst. Er freue sich auf die Arbeit im Landtag und eine bürgernahe Politik und werde die Interessen der Wedemark ebenso engagiert vertreten wie die seiner Heimatstadt Garbsen. Bereits am Montag traf sich der frisch gebackene Landtagsabgeordnete mit seinen neuen Fraktionskollegen in Hannover. Am Nachmittag stattete er der ECHO-Redaktion in Bissendorf einen Besuch ab und bot eine offene und kooperative Zusammenarbeit an. Wie die Landtagsarbeit konkret ablaufen werde, davon habe er ehrlich gesagt noch keine Vorstellung, so Kauroff. Er sei gespannt, aber für alles offen. Mit seinem Chef im Postvertriebszentrum Anderten sei alles geklärt, erklärte der Beamte, der mit 61 Jahren beruflich nach 44 Dienstjahren bei der Post noch einmal eine völlig neue Richtung einschlägt. Bisher sei die Politik Hobby gewesen, so der SPD-Ortsvereinsvorsitzende, das werde sich jetzt ändern. Sein Lieblingsthema sei die Innere Sicherheit. Dazu zählt aber für den langjährigen Ortsbrand-meister der Schwerpunktfeuerwehr Garbsen (1996 bis 2014) nicht nur die Polizei, sondern auch Feuerwehr und Rettungsdienste. Der Ausschuss seiner Wahl wäre daher der Innenausschuss, aber das müsse alles in Ruhe geklärt werden. In der Wedemark möchte Kauroff regelmäßige Sprechstunden im Bürgerbüro in der Schaumburger Straße in Mellendorf anbieten und in der Gemeinde präsent sein.
Froh, dass sie ihre erfolgreiche Arbeit im Landtag fortsetzen kann, ist die langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Editha Lorberg aus Bissendorf-Wietze, die erstmals in den letzten 14 Jahren ihren Wahlkreis nicht gewann. Diese Enttäuschung galt es erst einmal zu verarbeiten. Das fiel der Wedemärker Abgeordneten, die genau wie ihr engagiertes Team mit Herzblut und Leidenschaft bis zur letzten Minute für einen CDU-Wahlsieg gekämpft und daran geglaubt habe, am Sonntagabend noch sichtlich schwer. Sie musste sichtlich schlucken beim Eintreffen bei der CDU-Wahlparty in Wennebostel, als die Parteifreunde im voll besetzten Clubraum aufstanden und sie trotz des Ergebnisses mit stehenden Ovationen und einem Blumenstrauß begrüßten. Doch am Montag hatten sich die emotionalen Wogen schon wieder geglättet. Die Landespolitikerin schaut nach vorn, ist gespannt auf die bevorstehenden politischen Verhandlungen und stellt sich den Herausforderungen. Sehr dankbar ist sie für ihr sehr gutes Ergebnis in der Wedemark und bedankt sich herzlich für das Vertrauen.