„Was sind mir meine Eltern überhaupt noch wert?“

Von links: Der Landesreferent des bpa (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste) Michael Lorenz, CDU-Bundestagskandidat Dr. Hendrik Hoppenstedt, die CDU-Landtagsabgeordnete Editha Lorberg, Kai Dase, Wilfried Plumhof und MIT-Vorsitzernder Dietmar Reddig. Foto: A. Wiese

CDU-Bundestagskandidat Dr. Hendrik Hoppenstedt im Gespräch mit Pflegediensten

Wedemark (awi). CDU-Bundestagskandidat Dr. Hendrik Hoppenstedt hat am Montag zusammen mit der CDU-Landtagsabgeordneten Editha Lorberg soziale Einrichtungen in der Wedemark besucht. Auftakt war vormittags ein Besuch im Haus Mohmühle in Gailhof, einer Einrichtung für psychisch Genesende, Ausklang der Besuch des Kinder-Pflegeheims Mellendorf im Zedernweg. Dazwischen stand die Situation der Pflegebedürftigen und der Pflegedienste im Fokus eines Gesprächs mit Inhaber Wilfried Plumhof und Pflegedienstleiterin Sabine Ihlemann von der Sozialstation und Kai und Jan Dase, den Geschäftsführern des Pflegedienstes Caspar & Dase. Mit am Tisch saßen auch Michael Lorenz, der Landesreferent des Bundesverbandes privater Pflegedienst-anbieter, MIT-Vorsitzender Dietmar Reddig und sein Vorstandskollege Jan Müller, CDU-Fraktionsvorsitzender Rudi Ringe und Konstanze Giesecke aus Hoppenstedts Wahlkampfteam.
„Marks vom Thron stoßen“
In seiner Begrüßung freute sich MIT-Vorsitzender Reddig über einen „starken und guten Kandidaten, der Caren Marks Paroli bieten und vom Thron stoßen kann“, wenn die SPD-Kandidatin auch voraussichtlich über die Liste in den Bundestag einziehen werde. Zum Thema Pflege und Mangel an Fachpersonal habe man Fachleute der beiden größten Pflegedienste der Wedemark an den Tisch geholt die ebenso kompetent wie engagiert seien. Bei der Sozialstation hatte die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg im November einen Tag lang hospitiert und einen kurzen Einblick in den Alltag der Pflegedienste gewinnen können. „Wir als Pflegedienste sind dankbar, dass Sie sich dieser Thematik annehmen“, sagte Wilfried Plumhof in Richtung Hoppenstedt. Sie sei genauso wichtig für die Pflegedienste wie für die zu pflegenden Senioren, die die Leistung in Anspruch nehmen müssten und nach ihrer Lebensleistung auch ein Recht darauf hätten. Er sei mit der Problemstellung bisher nur eingeschränkt in Berührung gekommen, räumte Hoppenstedt ein. Er wisse von der hohen Dokumentationspflicht und dem bürokratischen Aufwand und dass es Reformvorschläge gebe. Kai Dase kam ohne große Umschweife zur Sache: „Das Pflegeneuausrichtungsgesetz hat neben einigen Neuregelungen etwas ganz Schlimmes für uns, und zwar die Vergütungsregelung. Laut Landesstatistik pflege jeder der rund 1.200 Pflegedienste etwa 40 Patienten im Schnitt. Sie erwirtschafteten damit zurzeit zwischen 36 und 50 Euro die Stunde, ein Mittel von 40 Euro. Die Leistung werde in Form von Paketen erbracht und es stehe kein Zeitwert dahinter. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr strebe nun eine Vereinfachung für die Kunden an und wolle die Stundenleistung honorieren. Der Gedanke dahinter sei grundsätzlich gut, so Kai Dase, doch habe das Angebot von AOK, VDEK und Sozialhilfeträger 32 Euro Vergütung pro Stunde gelautet und sei mittlerweile „auf Umwegen bei 36 Euro“. „Wie sollen die Pflegedienste das leisten, ohne an der Qualifikation ihres Personals zu sparen, das ohnehin knapp ist“, fragte Dase in die Runde. Bis zum Jahr 2030 fehlten allein in der Region Hannover 50.000 Stellen im Pflegebereich. „Wenn keine Einigung erzielt wird, gibt es nur noch Einzelverträge“, erklärte Kai Dase dem CDU-Bundestagskandidaten. Die Verhandlungen der Kassenvertretungen mit den Pflegediensten seien wie „Verhandlungen zwischen Roland Berger und Tante Emma“. „Schon jetzt arbeiten viele hundert Pflegedienstleitungen 260 Stunden im Monat“, gab Dase zu bedenken.
Pflegekraft aus Überzeugung
Pflegekraft werde man aus Überzeugung, nicht wegen des dicken Gehalts, ergänzte sein Bruder Jan. Beide Geschäftsführer betonten: „Jeder siebte Arbeitnehmer arbeitet in der Pflege. Sie sind das Rückgrat der Gesellschaft!“ Seit 1. Juli 2013 liege der Mindestlohn für eine Pflegekraft bei neun Euro pro Stunde. 13 Prüfungsinstitute überprüften jeden Pflegedienst jährlich, Finanzamt und Krankenkasse kämen noch dazu. Die Überprüfung durch den medizinischen Dienst sei die größte Arbeitsbelastung, stimmte ihm Michael Lorenz vom bpa zu. Pflegeplanung solle so ein, dass sich jeder damit ein genaues Bild von dem zu Pflegenden machen könne. Die Fachkraftquote in der Pflege betrage 50 Prozent, so Lorenz, der Mindestlohn neun Euro pro Stunde, doch Fachkräfte bekämen bis zu 30 Prozent mehr. Woher das Pflegepersonal kriegen? Die guten Pflegekräfte aus dem europäischen Ausland, wie beispielsweise Polen, seien mittlerweile in Länder gegangen, wo es nicht so viele bürokratische Hemmnisse für sie gebe. Die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg merkte an, dass man dabei sei, bürokratische Hemmnisse abzubauen, so müsse ein Sprachtest nicht mehr generell, sondern nur berufsbezogen abgelegt werden. „Wir sind im europäischen Vergleich viel zu spät dran“, kommentierte das Jan Dase, „zurzeit generieren wir unsere Pflegekräfte aus Rumänien.“ Er habe zwar nur Erfahrung im Bereich Spargel, meinte Hoppenstedt dazu, doch da kämen die Polen mittlerweile schon wieder zurück. Da sei wohl noch nicht alles verloren.
„Riesengroßes Procedere“
Der unglaubliche Aufwand, das riesengroße Procedere der Dokumentation blieben das Problem, führte Jan Dase das Gespräch auf den kritischen Punkt zurück: „Ich bin in den Pflegebereich gegangen, weil ich damit gut schlafen können wollte. Doch zum Pflegen kommt man vor lauter Dokumentation gar nicht mehr und auch zum Ausbilden bleibe keine Zeit.“ Das sieht Wilfried Plumhof anders. Er schwört darauf, sich den eigenen Nachwuchs heranzuziehen und bildet regelmäßig aus. Die Schieflage bestehe darin, dass die Arbeit des Pflegepersonals gesellschaftlich wesentlich wertvoller sei als beispielsweise die eines Bandarbeiters bei VW, doch beim Verdienst sei es genau umgekehrt. Komme das neue System, so Kai Dase, werde minutengenau abgerechnet. „Und ganz schnell sind wir bei der Frage ,Was sind mir meine Eltern denn überhaupt noch wert?“, so Jan Dase. Diese Situation müsse der Gesetzgeber von vornherein ausschließen, so die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg. Der Grundgedanke des Pflegeneuausrichtungsgesetzes sei gut, doch hier müsse dringend nachgesteuert werden. Eine Entscheidung werde erst nach der Bundestagswahl fallen. Doch was hier jetzt falsch gemacht werde, entscheide über die Zukunft: „Wollen wir, dass unsere Angehörigen zur Ware werden?“, fragte Lorberg. bpa-Landesreferent Michael Lorenz erinnerte an das schöne Berufsbild im Pflegebereich mit der täglichen Rückmeldung und Hendrik Hoppenstedt gab ihm Recht. Keiner wolle ins Heim oder gepflegt werden, wenn man ihn frage, aber es sei doch wichtig, dass es die Möglichkeit gebe, so Kai Dase.
„Wo bleibt die Demenz?“
Mobilität, Ernährung, Körperpflege und Hauswirtschaft seien die vier Kriterien für die Pflegebedürftigkeit. Aber wo bleibe dabei die Demenz? „Das hätte uns vor zehn Jahren schon auffallen müssen“, kritisierte Dase. Der Pflegedienst Caspar & Dase mit 75 Mitarbeitern und die Sozialstation mit 86 Köpfen seien zwei der größten Unternehmen in der Pflegebranche in Norddeutschland. Über die Zahl der Patienten sage das allerdings nichts aus. Schließlich brauche der eine nur einmal die Woche Hilfe beim Einkaufen, der andere eine 24-Stunden-Rundum-Versorgung. Beide Pflegedienste berichteten, dass ihnen ihre Mitarbeiter und deren Zufriedenheit sehr viel wert seien. Während Wilfried Plumhof vor allem die Übernahme von Auszubildenden garantiert, bietet Caspar & Dase seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, sich massieren zu lassen oder sorgt dafür, dass sie im Winter ihre Autos nicht freikratzen müssen. „Wir müssen das Image der Pflege aufbessern und die Mitarbeiter wieder zu Fans der Pflege machen“, waren sich alle am Tisch abschließend einig.