„Windkraft Lizenz zum Geld drucken“

Bürgermeister Helge Zychlinski stand den Bürgern in der Ortsratssitzung in Brelingen mehr als drei Stunden Rede und Antwort und hatte sich fachlich kompetente Unterstützung mitgebracht. Foto: A. Wiese

Zuhörer mit Informationen und Verlauf der Sitzung ganz offensichtlich unzufrieden

Brelingen (awi). Drei Brelinger Ortsratsmitglieder haben sich am späten Dienstagabend in der Sitzung in der Grundschule enthalten, als Ortsbürgermeisterin Christiana Böttcher zur Abstimmung einer Formulierung aufrief, die einem Vorranggebiet für Windkraftanlagen zwischen Brelingen und Wiechendorf eine deutliche Absage erteilt. Nicht alle der deutlich über 100 Zuschauer, von denen die meisten kein Hehl aus ihrer Ablehnung des Windkraftanlagenstandortes machten, hatten Verständnis dafür, dass einige Ortsratsmitglieder für sich in Anspruch nahmen, noch keine klare Position beziehen zu können. Einige waren bereits im Verlauf der Sitzung gegangen, hatten erbost von „Promotionveranstaltung“ gesprochen.
Der Ortsrat hat in seiner Stellungnahme formuliert: Die Flächen der Windkraftenergienutzung zuzuführen liegt nicht im Interesse des Ortsrates. Vier Ortsratsmitglieder stehen dazu. Ein klares Nein mochte keiner sagen, doch drei Ortsratsmitglieder enthielten sich. Sie waren ganz offensichtlich trotz der intensiven dreistündigen Diskussion und Information durch Joachim Rose, Verwaltungsvorstand und ehrenamtlicher Geschäftsführer der Windkraft Verwaltungsgesellschaft, sowie Florian Massante, beauftragt von der Windkraft Verwaltungs gmbH, die Bürgermeister Helge Zychlinski mitgebracht hatte, nicht zu einer Entscheidung gelangt.
Zychlinski berichtete von den ersten Windrädern, die 1997 zwischen Elze und Meitze errichtet wurden. Heute stehen dort 13 Anlagen unterschiedlicher Größe und bevor weitere gebaut werden könnten, müssten erst alte weichen. 2010 habe sich in der Gemeine eine Gruppe gebildet, die Interesse an der alternativen Energie Windkraft signalisiert habe. Um „Drückerkmolonnen“ von vornherein das Handwerk zu legen, hätten sich die Eigentümer potentzeller Flächen verpflcihtet, keine Einzelverträge abzuschließen, bevor keine Entscheidung über die Vorranggebiete von Seiten der Region gefallen sei. Sechs große Gebiete hätten zunächst zur Auswahl gestanden. Übrig geblieben ist jenes potenzielle Vorranggebiet Brelingen 03, das jetzt so heiß diskutiert wird. Ganz ausdrücklich betonte Zychlinski das frühe Stadium der Diskussion. „Wir haben noch gar kein neues Vorranggebiet, ledilich ein Entwurfsstadium, für das die Gemeinde Wedemark jetzt eine Stellungnahme formulieren muss.
Die Zuhörer zeigten sich gut informiert, denn sie wiesen an dieser Stelle dareaufhin, dass Belingen 03 erst nachträglich in den RROP reingenommen worden sei und nicht im Ursprungsentwurf enthalten war. Und bereits zu diesem frühen Zeitpunkt kam die unwirsche Frage auf: „Ist das hier noch eine Ortsratssitzung oder eine Werbeveranstaltung?“, die im Laufe des Abends noch häufiger gestellt wurde. Es falle an diesem Abend keine Entscheidung, betonte Zychlinski, man befinde sich immer noch im Beteiligungsverfahren für das Regionale Raumordnungsprogramm, das bis Januar 2016 läuft und auch nach der Beratung in den Gremien sei das Thema noch nicht, sondern die Gemeinde weiterhin Teil des Verfahrens. „Wir sind in einem frühen Stadium, in dem Sie sich mit allen Bedenken einbringen können“, so der Bürgermeister und stellte seine Bereitschaft heraus, „mit Ihnen in einem klaren, offenen Dialog zu kommen“. Er habe auch vor seiner Wahl zum Bürgermeister kein Hehl darauf gemacht, dass er pro Windkraft eingestellt sei, so Zychlinski. Einige Zuhörer machten durch Zwischenrufe und Redebeiträge allerdings ebenso deutlich, dass sie durch die Art und Weise, wie sich die Gemeinde in dieser Sache engagiere, das Gebot der Neutralität verletzt sehen. Geschäftsführer Florian Massante sprach von Abständen und Schattenwürfen, Lärmemissionen und anderen Kriterien. Joachim Rose stellte den wirtschaftlichen Aspekt heraus, um zu erklären, warum Bürgermeister Helge Zychlinski immer weider auf die regionale Wertschöpfung zurück kam. Wenn schon Windkraft vor Ort, dann doch größtmöglichen Nutzen daraus ziehen, so die Einstellung des Bürgermeisters. Neun Prozent der Gewinnausschüttung lande bei Grundeigentümern, zwölf Prozent werde für Wartung ausgegeben und Steuern müssten gezahlt werden. 18 Prozent landeten jedoch bei der Betreibergesellschaft, von der 51 Prozent die Gemeindewerke hielten. „Wir sind gerade dabei, Nutzungsverträge mit den Grundeigentümern zu schließen und die Projektierung voranzutreiben“, stellte Joachim Rose außer Frage, dass Gemeinde und Gemeindewerke zum jetzigen Zeitpunkt fest davon ausgingen, den Windpark in die Tat umsetzen zu können. Sollte alledings ein avifaunistisches Gutachten ergeben, dass sich der Horst eines Roten Milans tatsächlich gerade in eben jenem Gebiet befände, sei der Drops gelutscht, formulierte es der Bürgermeister, zog dies jedoch offensichtlich nur ganz theoretisch in Betracht. Großes Interesse zeigte er allerdings an der Ausarbeitung eines früheren Kreisjägermeisters, der detailliert seine über Jahrzehnte gewonnen Erkenntnisse über heimische Vögel sowie Zugvögel und Wintergäste in dem betroffenen Gebiet vortrug. Der Bürgermeister und die Vertreter der Windkraft-Verwaltungsgesellschaft gingen jedoch weniger auf die naturschutzrechtlichen Belange als auf die wirtschaftlichen ein. „Über dieses Modell, wie wir es mit dem Bürgerwindpark mit Anteilen für 1.000 Euro anstreben, stellen wir gerade sicher, dass keine Kapitalisten Geld abfließen lassen“, so Zychlinski. „Das ist meiner Gesundheit herzlich egal. Meine Gesundheit ist kein Tauschobjekt“, brachte es eine Zuhörerin auf den Punkt und der spontane Beifall zeigte, dass wohl viele der weit über 100 Zuhörer so dachten. Sie hatten sich wohl mehr Aufklärung über Infraschall, Immissionen und andere Aspekte der Windräder erhofft, als über Renditen. „Für Sie sind diese Windkraftanlagen nur eine Lizenz zum Geld drucken“, so der Vorwurf eines Zuhörers in Richtung Bürgermeister.