"Wir möchten doch einfach nur leben"

Sozialarbeiterin Mathea Müller (links) und Sozialassistent Mubarek Beshara (rechts) unterstützen Huda Hameed und Omer Saleem mit ihrer Tochter Mona.
 
Zufrieden wirtschaftet Huda Hameed in ihrer kleinen Küche.
 
Huda Hameed und Omer Saleem mit ihrer kleinen Tochter Mona haben in Meitze eine neue Heimat gefunden.
 
Mit dem Fahrrad fährt Omer Saleem nach Mellendorf zum Einkaufen .

Omer Saleem und Hoda Hameed flohen vor zwei Jahren aus der syrischen Kriegshölle

Meitze (awi). Die kleine Mona ist gerade mal etwas über zwei Wochen alt. Trotz ihres Geburtsgewichts von 3.000 Gramm wirkt sie winzig im Arm ihres Vaters Omer Saleem. Sie hat die Augen geschlossen, das Gesichtchen ist entspannt. Sie schläft friedlich. Frieden, das ist es, was ihre Eltern Omer Saleem und Huda Hameed ihrer Tochter wünschen. Ein Leben ohne Krieg, ohne Bomben, ohne Terror. In Syrien, der Heimat von Omer und Huda ist das schon lange nicht mehr möglich. Junge Männer in Syrien müssen Soldat werden und für eine der Bürgerkriegsseiten kämpfen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen oder sie werden verfolgt und umgebracht. Doch Omer wollte leben. Darum floh der 28-jährige gelernte Pizzabäcker im Januar 2014 aus seinem Heimatland. Ein festes Ziel hatte er nicht. "Irgendwo in Europa, wo man leben und arbeiten kann", sagt er. Eine eineinhalbjährige Odyssee brachte ihn und seine sechs Jahre jüngere Frau nach Deutschland. Heute lebt er als Flüchtling mit zunächst dreijährigem Bleiberechtsstatus mit seiner kleinen Familie in einem Blockhaus in Meitze. In Kürze beginnt sein Integrationskurs, er will ebensowie Huda so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, seine Tochter Mona, geboren am 19. Januar in Großburgwedel, soll zweisprachig aufwachsen: Mit ihrer Muttersprache arabisch und der Sprache ihres Geburtslandes, Deutsch. Omer und Huda möchten in Deutschland bleiben. "Hier ist unsere neue Heimat, wir sind unglaublich nett von unseren Nachbarn hier in Meitze aufgenommen worden. Wir fühlen uns wohl hier. Ich möchte hier leben und arbeiten und Verantwortung für meine Familie tragen", übersetzt Mubarek Beshara, der Sozialassistent der AWO bei der Gemeinde Wedemark, der fließend Arabisch spricht, die Worte des Syrers. Beshara hat sich zusammen mit seiner Kollegin Mathea Müller von der Gemeinde in den letzten Monaten um die Familie aus Syrien gekümmert.
Ganz bewusst hat die Gemeinde Wedemark diese kleine syrische Familie für ein Interview ausgewählt. "Informieren, Verständnis wecken", das ist die Absicht. Verständnis, kein Mitleid - für Omer und Huda ist das ein wichtiger Unterschied. Sie sind voll tiefer Dankbarkeit für die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die sie hier in der Wedemark bereits erfahren durften, wo sie im Oktober 2015 ankamen, Huda im sechsten Monat schwanger, erschöpft von einer kräftezehrenden langen Reise ins Ungewisse, ohne einen Cent in der Tasche und doch voller Hoffnung auf ein neues Leben - ein Leben in Frieden und Freiheit. Dass sie dieses Leben zunächst nicht selbst finanzieren können, das belastet das junge Paar selbst, ist im Gespräch immer wieder spürbar. Doch ist es zunächst nicht zu ändern. So schnell wie möglich wollen beide alle Angebote nutzen, die Sprache lernen, arbeiten, selbstständig sein, ihre kleine Tochter in die Krippe und den Kindergarten schicken, sich integrieren. Noch flackert das Heimweh manchmal auf, das streiten beide nicht ab, zumal ihnen die Kälte und Nässe hier in Deutschland vollkommen fremd sind. Doch die Wärme des Willkommen, die sie in der Wedemark spüren, mache das wett, sagt Omer Saleem sehr ernst.
Mit nichts als dem, was er auf dem Leibe trug, und einem kleinen Rucksack stieg er im Januar 2014 in das Auto der Schlepper, versteckte sich unter Kartons, um zur türkischen Grenze gebracht zu werden. 300 Dollar bezahlte er für diesen "Service". Nach zwei Tagen in der Türkei angelangt nach einer Strecke, für die man normalerweise mit dem Auto sechs Stunden braucht, ließ man ihn am Straßenrand stehen, auf sich allein gestellt. Seine junge Frau hatte er bei der Familie in Damaskus zurückgelassen. Er musste sich zunächst einmal selbst durchschlagen. Sicher war sie dort nicht, aber in Syrien gibt es keine Sicherheit mehr, lautet Omers Antwort auf diese Frage. Zwei Tage schlief Omer auf der Straße, schloss sich anderen Flüchtlingen an und stieß schließlich auf einen Türken, der ursprünglich aus Palästina stammt. Daher kommt nämlich auch Omers Familie. Über den Irak war sie vor Jahren nach Syrien ausgewandert. Sein neuer Bekannter nahm ihn mit zu sich nach Hause, bot ihm für einige Zeit ein Dach über dem Kopf und Omer konnte für seinen Lebensunterhalt als Kellner jobben. Doch als illegaler Einwanderer ohne Papiere hatte er es auch hier nicht leicht. Er merkte schnell, dass dies noch nicht das Ziel seiner Flucht sein konnte, zumal die Situation auch in der Türkei immer brenzliger wurde. Omer ließ seine Frau Huda in die Türkei nachkommen, um gemeinsam mit ihr den Weg in die Freiheit fortzusetzen. Im Oktober 2014 machten sie sich auf den Weg von der Türkei nach Griechenland: mit einem Kleinboot von der türkischen Insel Bodrep zur griechischen Insel Kos. "Es war ein Albtraum. Das Boot war viel zu voll, die Menschen hatten Panik, Huda wurde bereits nach wenigen Minuten ohnmächtig, doch wie durch ein Wunder erreichte unser winziges Boot mit 16 Leuten an Bord die griechische Insel. 3.000 Dollar haben wir für diese Überfahrt bezahlt", erzählt Omer. Drei Tage blieben sie in einem gefängnisähnlichen Flüchtlingscamp auf Kos, dann trieb die griechische Polizei die Flüchtlinge weiter. Mit einem Schiff kamen Omer und seine Frau nach Athen. Sie schlossen sich einer Flüchtlingsgruppe auf dem Landweg an, die über Serbien, Mazedonien und Ungarn Österreich ansteuerte. Ihr Ziel, Amsterdam zu erreichen. In Holland waren nämlich bereits Verwandte von ihnen. Doch es kam anders. In Österreich hatten sie mittlerweile keinen Cent mehr in der Tasche, die Flucht hatte alles aufgezehrt, was die Verwandten in Syrien für sie zusammengekratzt hatten. Von Österreich ergatterten sie noch einen Zug nach München und erreichen am 15. August 2015 Deutschland. Im Zug trafen sie einen Mann, der ihnen riet, nicht in München, sondern in Bielefeld Asyl zu beantragen und ihnen das Geld für Zugfahrt dorthin spendierte. Sich an jeden Strohhalm klammernd befolgte das erschöpfte junge Paar den Ratschlag des Fremden. In München kaufte Omer Saleem für seine letzten Euros drei Hamburger für je einen Euro bei einer bekannte Imbisskette, einen aß er selbst, zwei gab er seiner schwangeren Frau. In Bielefeld klappte dann tatsächlich alles: Eine Woche blieben die jungen Syerer in einem Erstaufnahmelager, kamen von dort zur Verteilstelle nach Braunschweig und wurden am 16. Oktober der Gemeinde Wedemark zugewiesen. Die brachte die werdenden Eltern in dem von Privat angemieteten Häuschen in Meitze unter, stattete sie mit dem nötigsten aus und unterstützte mit ihren Sozialarbeitern, wo es notwendig war. Doch auch die Nachbarn halfen von Anfang an, berichten Omer und Huda dankbar. Dank dieser Unterstützung gehören einige der Dinge in ihrem kleinen Heim mittlerweile ihnen, wie beispielsweise das gespendete Sofa. So ist zumindest ein Teil für eine eigene Wohnungsausstattung in naher Zukunft bereits vorhanden. Denn das ist das erklärte Ziel von Omer und seiner Frau. So bald wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Erster Schritt dahin ist jetzt mit dem Bleiberechtsstatus für zunächst drei Jahre und der Arbeitserlaubnis der Integrationskurs, der ungefähr ein halbes Jahr dauern soll. Täglich rund vier Stunden besuchen die Flüchtlinge diesen Kursus, der vor- und nachmittags angeboten wird. Sobald es geht, wollen sich Omer und Huda mit der Betreuung der kleinen Mona abwechseln, damit beide einen Kursus besuchen und Deutsch lernen können. Denn, das ist ihnen klar, ist die entscheidende Hürde, um Arbeit zu finden. Huda ist gelernte Friseurin, hofft, bald zumindest stundenweise wieder in ihrem Beruf arbeiten zu können. Doch Omer ist klar, dass seine Chancen, hier in Deutschland als Pizzabäcker seine kleine Familie, zu der irgendwann noch ein zweites Kind dazustoßen sollte, wenn alles so klappt, wie Omer und Hoda es sich erträumen, zu ernähren, schlecht stehen. Daher möchte er gerne noch eine Ausbildung in einem Handwerksberuf machen, am liebsten als Elektriker, verrät er. In drei Jahren werde die Familie hoffentlich ein unbefristetes Bleiberecht bekommen und irgendwann die Möglichkeit haben, auch einen deutschen Pass zu beantragen. Mona ist dann hier aufgewachsen, geht hier zur Schule und kennt die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Aber wenn es nach Omer und Hoda geht, lebt sie dann immer noch in der Wedemark. "Es ist schön hier auf dem Dorf, hier ist unsere neue Heimat, wir möchten hierbleiben in der Wedemark", sagen Omer und Huda mit tiefem Nachdruck. Sie haben sich schnell in Meitze eingelebt, fahren mit dem Fahrrad oder mit dem Bus nach Mellendorf zum Einkaufen oder zum Arzt, treffen sich mit Nachbarn. Mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, kämen sie zurecht, versichern beide. So bald wie mögich wollen sie ja selbst etwas verdienen. Dass er seine Frau bei der Kinderbetreuung unterstützt, sie auch zum Integrationskurs und später arbeiten geht, ist für Omer selbstverständlich. "Wir sind eine demokratische, moderne Familie", sagt er stolz. Beide sind Muslime und gläubig, aber nicht zu strenggläubig. "Ganz normal", formuliert Omer achselzuckend und meint: "Arbeiten ist wichtiger als Beten!" Er sei auch kein Despot, ist ihm wichtig zu betonen. Er beziehe seine junge Frau in alle Entscheidungen mit ein. Sie schmunzelt und nickt zustimmend. Beide wirken, während sie erzählen und ihr Kind im Arm halten, gelöst und zufrieden. Die Strapazen der Flucht, von der sie erzählt haben, wirken jetzt fast unwirklich. Manchmal komme die Angst noch hoch, gibt Omer zu, und in ein kleines Boot steige sie nie wieder, betont Hoda. Aber die Hoffnung, dass alles gut wird, überstrahlt alles, ebenso wie die Dankbarkeit der beiden, die sie immer wieder betonen und herausgestellt haben möchten: Dankbarkeit gegenüber Deutschland und den Deutschen und den Wedemärkern sowie den Meitzer Nachbarn im Besonderen. Dafür, dass sie von der Mutter-Kind-Stiftung mit Hilfe der Sozialarbeiter der Gemeinde alles bekommen haben, was sie für ihr Baby brauchen und für die Perspektive, die die junge Familie jetzt wieder hat.