Zeitzeuge besucht IGS Wedemark

Die IGS-Schülerinnen Julia Witt (von links), Annika Riehl und Emma Jacob bedanken sich nach dem Vortrag bei Gershon Willinger und bitten ihn um ein Erinnerungsfoto. Foto: B. Stache

Gershon Willinger lässt Schüler an seinem jüdischen Leben teilhaben

Mellendorf (st). Sein Vater Guido Willinger wurde 1908 geboren, seine Mutter Edith Helene Willinger-Rothschild 1909 – beide in Dortmund. Am 2. Juli 1943 endete ihr Leben im deutschen Vernichtungslager Sobobor/Polen. Ihr einziges „Verbrechen“ sei gewesen, dass sie Juden waren, erklärte Sohn Gershon Willinger den IGS-Schülern des Leistungskurs 12 Geschichte am Mittwochvormittag. Der heute 74-Jährige wurde in Amsterdam geboren, wohin seine jüdischen Eltern vor dem sich in Deutschland ausbreitenden Nationalsozialismus geflüchtet waren. Am 29. Juni 1943 wurden seine Eltern von dort deportiert, der Junge war bei einer nicht-jüdischen Pflegefamilie untergebracht. Später wurde auch er festgenommen und landete schließlich am 13. September 1944 mit einer Gruppe der „Unbekannten Kinder“ in Bergen-Belsen. Am 17. November erfolgte deren Verlegung in das KZ Theresienstadt. Im Mai 1945 wurde Guido Willinger, der auf der Liste der „Unbekannten Kinder“ unter dem Namen Fritsje Israel geführt wurde, von der Roten Armee befreit. Im Frühsommer 1945 kehrte er in die Niederlande zurück, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr bei verschiedenen Pflegefamilien und in einem Sanatorium aufwuchs. Danach zog er in einen Kibbuz nach Israel und wurde mit 19 Fallschirmjäger in der israelischen Armee. 1977 folgte die Emigration nach Kanada, wo Gershon Willinger noch heute in Toronto lebt. In Israel hatte er seine aus London stammende Frau Jane geheiratet. Die beiden sind seit 47 Jahren ein Paar und haben zwei Töchter, einen Sohn sowie sieben Enkelkinder. Diese Lebensgeschichte mit vielen weiteren Details erfuhren die Schüler ganz authentisch von Gershon Willinger im Beisein seiner Ehefrau. Es war ein Geschichts- und Englischunterricht zugleich, da der Vortrag in Englisch gehalten wurde. Ab und zu wechselte er ins Deutsche oder Niederländische. Sein Lebensbericht war mit Originalfotos von ihm, Familienmitgliedern und Transportlisten angereichert. „Ich war ein fröhliches Kind und habe mich nie als Opfer gefühlt. Ich bin sehr dankbar für mein Leben“, erklärte Gershon Willinger. Er ist zum ersten Mal seit 1944 wieder in Deutschland. An der IGS hielt er seinen Vortrag drei Mal. Die Schüler und begleitenden Lehrer dankten es ihm mit Applaus. Emma Jacob, Annika Riehl und Julia Witt sprachen ihren Dank persönlich aus. „Wir sind sehr dankbar, dass Sie uns die Möglichkeit gegeben haben, ein Stück der Vergangenheit zu erleben. Sie sind eine sehr inspirierende Persönlichkeit“, formulierte Emma Jacob. Die drei Schülerinnen baten Gershon Willinger nach einer herzlichen Umarmung um ein Erinnerungsfoto.