Pflege und Beruf im Einklang

Pflegebedürftigkeit stellt Betroffenen vor große Herausforderungen

Hamburg. Vielen Angehörigen ist es ein großes Bedürfnis, sich selbst um den Bedürftigen zu kümmern. Andererseits besteht nahezu immer gleichzeitig die finanzielle Notwendigkeit, weiterhin dem Beruf nachzugehen. Ein Engagement in die eine Richtung bedeutet für den Arbeitnehmer daher zwangsläufig eine Vernachlässigung – bis hin zur Aufgabe – der anderen Seite. Die gesetzlich geregelte Pflegezeit soll helfen, beiden Aufgaben gleichberechtigt nachzukommen. Aber wie ist sie in der Praxis durchsetzbar? Pflegebedürftigkeit und Berufsalltag: Aufgrund mangelnder Flexibilität können Unternehmen Arbeitnehmern nicht die Möglichkeit geben, Pflege und Beruf gleichberechtigt nachzugehen. Ein erster Schritt zur Vermeidung der Doppelbelastung ist ein offener Umgang mit der Pflegesituation gegenüber dem privaten und beruflichen Umfeld. „Transparenz schafft Verständnis und kann die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erleichtern“, betont Sabine Veigel, examinierte Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe. Dennoch, in den meisten Unternehmen fehlt es noch an Modellen, um pflegende Arbeitnehmer zu integrieren. Angesichts steigender Fälle von altersbedingter Pflegebedürftigkeit sieht der Gesetzgeber daher das Einlegen einer Pflegezeit vor und schafft damit die Möglichkeit eines zeitweiligen Jobausstiegs, um Pflege organisieren zu können. Anspruch auf Pflegezeit Angehörige können eine bis zu sechsmonatige Pflegezeit einlegen. In dieser Zeit sind sie von ihrer Arbeit freigestellt. „Anspruch auf Pflegezeit haben allerdings nur Beschäftigte in Unternehmen mit mindestens 15 Mitarbeitern“, hebt Kerstin Wählte vom Berliner Pflegewerk hervor. Während der Freistellung sind Arbeitnehmer sozialversichert, erhalten allerdings keinen Lohn. Daher besteht in dieser Zeit kein Kranken- und Pflegeversicherungsschutz. Durch eine Familienversicherung oder die freiwillige Mitgliedschaft in der Krankenversicherung kann dieser leicht hergestellt werden. Nach Ablauf der Pflegezeit kehren Arbeitnehmer dann ganz normal in ihren Beruf zurück. Expertin Veigel beschreibt die Pflegezeit als wichtige Sondierungsphase, in der sich die Vereinbarkeit von Berufsalltag und Pflege ist unzureichend. Politik und Wirtschaft sind angesichts der Überalterung der Gesellschaft, des immer offensichtlicher werdenden Fachkräftemangels und einer steigenden Pflegebedürftigkeit gefordert, tragfähige Modelle zu entwickeln – um dem wachsenden Bedarf an privat organisierter Pflege in Zukunft zu begegnen, ohne
Arbeitnehmer, insbesondere Frauen, zur Aufgabe ihres Berufs zu zwingen. Pflege und Beruf sollten bestmöglich miteinander vereinbar sein. Welche Optionen die aktuelle Pflegezeitregelung den Arbeitnehmern im Moment bereits bietet, betrachten die Deutscher Ring Versicherungen mit diesem Themendienst. Betroffene mit der neuen Situation und ihren Erfordernissen auseinandersetzen und das weitere Vorgehen planen können. Sollten zur umfassenden Organisation sechs Monate nicht ausreichen, kann ein anderer Angehöriger – Elternteil, Kind oder Verwandter – direkt im Anschluss an eine abgelaufene Pflegezeit eine Freistellung von ebenfalls bis zu sechs Monaten beantragen. Dabei ist zu beachten: Jeder Angehörige ist pro Pflegefall nur einmal zur Pflegezeit berechtigt. In jedem Fall besteht für Arbeitnehmer im akuten Pflegefall ein Anspruch auf eine kurzzeitige Freistellung von bis zu zehn Arbeitstagen. „Innerhalb dieses Zeitraums soll eine bedarfsgerechte Fürsorge organisiert und die pflegerische Folgeversorgung sichergestellt werden“, erklärt Expertin Wählte den sogenannten Pflegeurlaub, auf den auch Auszubildende einen Anspruch haben. Sabine Veigel ergänzt: „Die Entscheidung für oder gegen Pflegezeit sollte gründlich überlegt sein, denn die Arbeitsfreistellung bedeutet spürbare finanzielle Einbußen, da das Einkommen komplett wegfällt.“ So wird Pflegezeit beantragt: „Um die Pflegezeit zu beantragen, ist eine Bescheinigung der Pflegekasse oder des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK) notwendig. Sie muss die Pflegebedürftigkeit feststellen und deren Beginn ausweisen“, erklärt Wählte. In einem akuten Fall sollten Angehörige ihren Arbeitgeber unverzüglich über die Situation und die Inanspruchnahme des zehntägigen Pflegeurlaubs informieren. In einigen Fällen verlangen Arbeitgeber ebenfalls eine entsprechende Bescheinigung über die (wahrscheinliche) Pflegebedürftigkeit und die akut erforderliche Organisation einer Pflege. In Absprache mit dem Arbeitgeber besteht während der Pflegezeit außerdem die Möglichkeit einer nur teilweisen Freistellung von der Arbeit. Der Pflegende vereinbart dann schriftlich eine Verringerung und Verteilung der Arbeitszeit.
Grundsätzlich muss der Arbeitgeber hier den Wünschen des Angestellten entsprechen, sofern diesen keine betrieblichen Gründe entgegenstehen.
Reform der Pflegezeit Die Verringerung der Arbeitszeit soll nach den Plänen von
Bundesministerin Schröder gesetzlich stärker vorgegeben werden. Das von ihr vorgeschlagene Modell einer zweijährigen Pflegezeit will pflegende Arbeitnehmer durch eine Teilzeitregelung und dem Bezug eines verminderten Gehalts finanziell entlasten. Dabei ermöglicht der Vorschlag dem Pflegenden ein Verbleiben in seiner beruflichen Position. Aufwendige und kostenintensive Einarbeitungsprozesse bei einem Wiedereintritt in das Arbeitsverhältnis entfallen somit. „Allerdings könnte das neue Pflegezeitmodell die Doppelbelastung aus Pflege und Beruf eher verschärfen, da Arbeitnehmer beide Aufgaben parallel bewältigen müssen“, warnt Expertin Wählte. Jörn Kunath, Experte für die Generation 50plus beim Deutschen Ring, sieht durch die geplante Neuregelung vor allem berufstätige Frauen größerem Druck ausgesetzt: „Schröders Pflegezeitmodell ermuntert ausdrücklich, zugunsten einer Pflegetätigkeit – die von Frauen aufgrund eines noch immer bestehenden Rollenbilds ohnehin und meist unausgesprochen erwartet wird – den eigenen Job
und die Karriere aufzugeben.“ Für Arbeitnehmerinnen manifestiere sich so die Ungleichbehandlung im Beruf zusätzlich. Darüber hinaus erklärt Schröder noch nicht, was passiert, wenn nach Ablauf der Pflegezeit der Arbeitnehmer vollständig aus dem Beruf aussteigen möchte. „Solange dies unklar bleibt, werden viele Unternehmen dem Vorstoß sehr kritisch gegenübertreten“, so Kunath weiter. Denn bei all den Vorteilen, die Schröders Vorschlag für pflegende Arbeitnehmer bringen könnte, sehen sich gerade kleine Unternehmen großen finanziellen Risiken ausgesetzt. Sie können nur eine halbe Arbeitskraft einsetzen, müssen aber 75 Prozent einer vollen zahlen. Herausforderungen an Unternehmen Aufgrund des demografischen Wandels wird das Risiko einer altersbedingten Pflegebedürftigkeit weiter steigen. Unternehmen müssen sich mit der Problematik auseinandersetzen. Zunächst gilt es, Arbeitnehmer umfassend zu informieren und die Herausforderungen zu identifizieren. „Pflegende Arbeitnehmer müssen im Unternehmen Verständnis und Unterstützung für ihre Situation finden“,
erklärt Kunath. „Im offenen Umgang miteinander können individuelle Verabredungen getroffen werden.“ Die Deutscher Ring Versicherungen bieten deshalb eine hauseigene Sozialberatung an, in der zahlreiche Adressen und Hilfsangebote an betroffene Mitarbeiter vermittelt werden. Darüber hinaus erproben die Unternehmen mit befristeten Teilzeitregelungen oder der Möglichkeit des unbezahlten Urlaubs wirkungsvolle Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung
und ermöglichen es somit, Pflege- und Berufstätigkeit miteinander in Einklang zu bringen. (Pressedienst Deutscher Ring Versicherungen)