„Ein bisschen wie Heimaturlaub"

Schüler und Lehrer der IGS und der deutschen Schule in Uruguay verstehen sich prächtig. Foto: N. Mandel

IGS Wedemark plant Schüleraustausch mit der Deutschen Schule in Uruguay

Mellendorf (nm). „Es ist für mich ein bisschen wie ‚Heimaturlaub‘“, sagt Heidi Fornek-Schulz, Schulleiterin der Deutschen Schule in Uruguays Hauptstadt Montevideo. Vor viereinhalb Jahren wechselte sie von der KGS Sehnde in den Schulleiterposten in Südamerika. Nun organisiert sie zusammen mit Alejandra Brianza, Lehrerin im Colegio Aleman (=Deutsche Schule), den Schüleraustausch mit Deutschland. Mit zweiundzwanzig Schulen deutschlandweit besteht schon eine Kooperation. Es werden immer nur wenige Jugendliche ausgetauscht, um eine ‚Grüppchenbildung‘ zu vermeiden und den Schülerinnen und Schülern das Eintauchen in die fremde Kultur zu erleichtern. Umso mehr freut sich Kathrin Ohm, Fachbereichsleiterin für Fremdsprachen an der IGS Wedemark, dass über einen privaten Kontakt einer Mutter nach Uruguay diese Kooperation zustande gekommen ist. Schon im April geht es für Schülerin Hanna Lindenmann nach Uruguay. Bis August wird sie dort in einer Gastfamilie leben. „Das, was die Schüler bei so einem Austausch lernen, steht in keinem Lehrbuch“, betont die Schulleiterin der IGS Heike Schlimme-Graab. Sie bedankte sich für den Besuch der uruguayischen Delegation, die auch die bereits in deutschen Gastfamilien befindlichen Schüler aus Uruguay besucht. Rocio Goncalvez, Guzman Lorenzo und Micaela Rombys sind bereits in Austauschfamilien untergebracht. Im Gegenzug fahren dann im nächsten Schuljahr Luca Scholz und Jule Tiroke, beide Schüler des 10. Jahrgangs nach Uruguay. Eins zu eins funktioniert der Austausch, so entstehen bis auf das Flugticket und etwas Taschengeld keine weiteren Kosten. Die Schüler des Colegio Aleman zahlen dagegen in ihrer Schule ein Schulgeld. Die seit 1857 bestehende Schule hat einen sehr guten Ruf in Montevideo. Es werden Kinder vom Kindergarten bis zum Abschluss in der 12. Klasse betreut. Eltern, studiert und vornehmlich der Mittelschicht angehörig, schicken ihre Kinder bevorzugt dorthin, kann doch nach 12 Jahren ein dem deutschen Abitur gleichwertiger Schulabschluss erworben werden. Das Colegio Aleman ist eine bikulturelle Schule, schon im Kindergarten wird Deutsch gelernt. Ein Jahrgang pro Schuljahr absolviert das bikulturelle Abitur und erreicht damit die Hochschulreife, wie sie auch in Deutschland anerkannt wird. Uruguay ist ein Einwanderungsland. Im 15. Jahrhundert spanische Kolonie, kamen in den 1920er Jahren viele Spanier und Italiener aus ihren wirtschaftlich gebeutelten Ländern, um ein neues Leben anzufangen. Auch viele Deutsche seien nach Uruguay ausgewandert und wären bis heute komplett in der Bevölkerung ‚assimiliert‘. Die einfachen Leute arbeiteten sich hoch, ihre Kinder und Kindeskinder bekamen eine andere Schulbildung und hatten bessere Chancen. 1,5 Millionen von den 3,2 Millionen Einwohnern Uruguays leben in der Hauptstadt Montevideo. Trotzdem ist die Sicherheitslage in der lateinamerikanischen Großstadt eher vergleichbar mit der einer deutschen Großstadt als beispielsweise mit jener Mexico City oder Bogota. Die Schule hat hier mittlerweile zwei Zweigstellen.
„Früher lief der Austausch über eine Organisation“, so Fornek-Schulz, das sei aber viel komplizierter und auch teurer gewesen. Mit der direkten Zusammenarbeit und dem 1:1-Austausch-Modell habe man seit mehreren Jahren sehr gute Erfahrungen. Die Betreuung der Schüler scheint auch persönlicher zu laufen. Die Begrüßung mit den eigenen und den Gastschülern verläuft herzlich, fast familiär. Einige andere Austausch-Programme sind bereits in der IGS etabliert: Es gibt einen französischen Partner, einen Austausch mit den USA und einen trikulturellen Austausch mit Polen und der Ukraine. Austauschprogramme mit England scheitern dagegen häufig an den bürokratischen Hürden. Dabei sei ein auf längere Sicht bilingualer Unterricht auch in der Sekundarstufe II geplant, verrät Katrin Konnemann, Fachbereichsleiterin für Naturwissenschaften, die den Austausch im Jahrgang 11 mit betreuen wird.
Ein tolles Projekt, eine tolle Erfahrung, die den Jugendlichen so geboten wird. „Einzig: unsere Schüler verzichten auf den Sommer, wenn sie den Austausch mitmachen“, schmunzelt Schulleiterin Fornek-Schulz. Denn anders als in Deutschland können die uruguayischen Jugendlichen nur die Ferienzeiten dazu nutzen – und diese fallen in ihren Sommer, in Deutschland ist dann aber Winter, so dass die Austauschzeit schnell den englisch-spanischen Spitznamen ‚lost verano‘ – verlorener Sommer – bekam. Die vielen wertvollen Erfahrungen, die die Jugendlichen in den drei Austauschmonaten machen, wiegen das aber auf jeden Fall mehrfach wieder auf.